von elb, 6.04.2008

Auf Spiegel Online ging es mal wieder um die armen Jungs. Diese sind aber laut dem Kinderpsychologen Wolfgang Bergmann trotz des in Kindergärten wie Schulen dominanten “verhuscht-weiblichen Klimas” keine Opfer. Denn obwohl den kleinen Wesen, die “schon im zarten Alter von zwei bis vier Jahren völlig anders als Mädchen” sind, die “Wohlfühl-Kuschel-Pädagogik [...] gewaltig auf die Nerven geht”, obwohl ihr Bedürfnis nach Erfahrung mit “männlicher Wucht” blockiert wird und in ihrem Leben “praktische Typen” mit “autoritären Zügen” fehlen, obwohl dumme PädagogInnen dazwischengehen, wenn “zwei Jungs im Kindergarten raufen, um die Hierarchie untereinander festzulegen”, triumphieren sie am Ende doch.

Wie das geht?

Zum einen besteht unsere Wirklichkeit (beruhigenderweise?) “aus reinen Männerfantasien”, und der Trend setzt sich fort: wir erleben “die Fortsetzung und Zementierung der Männerkultur mit digitalen Mitteln.” Die Mädchen sind da angeschmiert: “Sie bewegen sich lediglich hervorragend in einem Bildungsideal, das nicht mehr zeitgemäß ist” und in dem sie ein Lesen und Schreiben lernen, das ganz anders ist als jenes, welches man(n) “im Internet” braucht. Zudem passen sie sich einfach an. Schön blöd. Die Jungs sind zwar nicht bewusst klüger – aber dafür Medien des (männlichen) Weltgeistes:

“Von den antiken Philosophen bis zur digitalen Revolution der Neuzeit, all diese fantastischen, Zeit und Raum überspringenden Welten, all das ist doch eine durchgängige Geschichte des männlichen Geistes. Und die Jungen von heute schließen sich sowohl biologisch wie mental daran an. Nur merkt das niemand. Das ist ein somatisch unbewusster Vorgang – eine lange Menschheitsgeschichte, die sich mit jeder Generation fortsetzt. Daran wird auch die propagandastärkste Emanzipation nichts ändern.”

Und das ist doch sehr beruhigend.

Hier wird nicht nur essentialisiert, was das Zeug hält. Bergmann bedient sich gleich zweier der nach A.O. Hirschman wichtigsten rhetorischen Figuren der “Reaktion”. Zunächst die Vergeblichkeitsthese: Versuche der Emanzipation von überkommenen Rollenbildern sind, dafür sorgen Menschheitsgeschichte und unbewusste somatische Vorgänge – also Faktoren, auf die wir keinen Einfluss haben – vergeblich. Das Männliche wird siegen, so oder so. Wer sich dem Männlichen in den Weg stellen will, wird aber nicht nur erfolglos bleiben, sondern Schlimmeres bewirken: hemmungslose bis tödliche Jugendgewalt geht auf das Konto derjenigen, die Jungs daran hindern, sich in ihrer Körperlichkeit zu erfahren. Dies ist eine Spielart der “Sinnverkehrungsthese”, in der das gutgemeinte Handeln gewaltsame Folgen hat.

Jungen erscheinen hier einerseits als Verlierer des Bildungssystems, andererseits als Gewinner in der echten, männlichen Welt. Das Bildungssystem? Eine weibliche Scheinwelt. Handlungsbedarf? Gibt es nur insofern, als das Männliche zu stärken ist – was aber auch ohne Schule möglich ist. Die Mädchen verlieren sowieso. Und das, so scheint es, ist für Bergmann auch in Ordnung so.

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 6. April 2008 von elb veröffentlicht. Die Kommentare zu diesem Eintrag lassen sich durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können den Beitrag kommentieren, oder einen Trackback auf ihrer Seite einrichten. Der Beitrag wurde folgenden Themen zugeordnet: , , .

.: Kommentare

Nutzungsbedingungen


  1. Ver Website

    5.01.2015 | 13:23

    Ver Website…

    .: Diffusionen.de | ?Durchgängige Geschichte des männlichen Geistes?…

  2. jetpack joyride Hack android no root download

    10.12.2015 | 08:52

    jetpack joyride Hack android no root download…

    .: Diffusionen.de | ?Durchgängige Geschichte des männlichen Geistes?…

  3. kontenery na odpady ?ód?

    9.06.2016 | 19:49

    kontenery na odpady ?ód?…

    .: Diffusionen.de | “Durchgängige Geschichte des männlichen Geistes”…

Kommentar verfassen:

Name (erforderlich)

Email (erforderlich)

Webseite