von grenwi, 10.04.2008

Wenn bisher noch große Teile der Linken in Deutschland (also nicht nur aus der sogenannten Partei, aber vor allem auch dort) die Vorgänge in Venezuela für eine hoffnungsvolle, sozialrevolutionäre und emanzipatorische Zukunftsschablone gehalten haben, so muss spätestens jetzt damit Schluss sein. Gestern wurde bekannt, dass das Regime in Caracas die großartigste Zeichentrickserie der westlichen Welt, die Simpsons, aus dem Programm eines Privatsenders streichen ließ. Begründung für diesen Schritt war der angeblich potenziell schädliche Einfluss auf Kinder.

An dieser Stelle zeigt sich doch deutlich die hässliche anti-emanzipatorische Fratze des “Sozialismus des 21. Jahrhunderts”. Ein Land, in dem eine so intelligente, humorvolle und traditionsreiche Serie wie die Simpsons keinen öffentlichen Raum bekommt (und durch die Verbannung in den Untergrund nur noch viel mehr zum Kult wird), kann doch unmöglich noch Ansatz für irgendeine linke Perspektive bieten.

Trotzalledem gibt es Hoffnung: Ersetzt wurde die Serie auf dem Sendeplatz interessanterweise durch die für Minderjährige zwar auch nicht besser geeignete Trash-Kult-Serie “Baywatch”. Wir erinnern uns: Mit deren Hauptdarsteller hat doch schon einmal eine große Revolution ihren nötigen Anschub bekommen. Am 31.12.1989 in Berlin war es David Hasselhoff (soweit ich mich erinnere), der nachdem die DDR-Bürger die Mauer schon großflächig angekratzt hatten, den Eisernen Vorhang endgültig zum Einsturz brachte. “I’ve been looking for freedom”, 20 Jahre später könnte es wieder allumpassendes Motto für die vergrandeten VenezolanerInnen werden.

Der Beitrag wurde am Donnerstag, den 10. April 2008 von grenwi veröffentlicht. Die Kommentare zu diesem Eintrag lassen sich durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können den Beitrag kommentieren, oder einen Trackback auf ihrer Seite einrichten. Der Beitrag wurde folgenden Themen zugeordnet: , , , , .

.: Kommentare

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  1. stefan

    4.06.2008 | 09:30

    um mal die anti-venezolanische Propagandamaschinerie in Deutschland zu hinterfragen stell ich mal zwei Links hier zum Thema rein. Sollte es etwa deutsche strategische Interessen in Südamerika geben, wo sich einige Länder dort immer noch gegen ein Freihandelsabkommen als Einstieg in eine Kapitalisierung nach europäischem Vorbild wehren und gar private Wirtschaftszweige unter staatliche Kontrolle stellen? Es ist erstaunlich, dass in diesem blog so unhinterfragt Sachen gespiegelt werden, die aus einem zumindest problematischen medialen Diskurs kommen.
    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27689/1.html
    http://www.amerika21.de/blog/a1ay-carramba/?searchterm=simpsons
    gruß
    stefan
     

  2. Elena

    9.06.2008 | 21:26

    Interessante Links, Stefan.

    Ich hatte den Tag “Satire” sowie den Tonfall des Textes allerdings als recht deutliche Indizien dafür gewertet, dass es hier nicht um unhinterfragtes Spiegeln des medialen Diskurses ging. Sollte ich hier etwa einem Irrtum erlegen sein?

  3. stefan

    21.06.2008 | 12:57

    wenn man die satire lediglich auf die serie bezieht, zeigt sich für mich die häßlich antiemanzipatorische fratze von Deutschen diskursen – was jedoch eine für hier zu weit gehende interpretationsfrage ist, die von uns beiden wahrscheinlich nicht beantwortet werden kann.

  4. Gregor

    21.06.2008 | 16:42

    Ich denke es ist eigentlich recht offensichtlich, dass der Text kein differenziert-analytischer sein will, sondern ein bestimmtes Problemfeld aufgrund eines spezifischen Ereignisses überspitzt  thematisiert.
    Es ist sicherlich richtig, dass die westliche mediale Darstellung über das, was in Venezuela passiert nicht interessenlos, ausgewogen und unparteiisch ist. Das ändert aber überhaupt nichts daran, dass zahlreiche sich als links bezeichnende Menschen, statt einen kritischen Blick zu pflegen, nur verträumt feuchte Augen bekommen, wenn das Thema auf die Realisierung des “Sozialismus des 21. Jahrhunderts” unter Hugo Chavez kommt. Verzerrte Wahrnehmungen und Darstellungen gibts also nicht nur auf der bürgerlich-medialen Diskursebene und eine kritische Bemerkung dieses Zustandes stellt noch lange keine Anbiederung an eine irgendwie geartete “anti-venezolanische Propagandamaschinerie” dar.

  5. stefan

    23.06.2008 | 11:30

    Ich finde Positionen, die aus pädagogischer Absicht gegenüber dem Publikum bezogen werden, per se schwierig, denn der Autor stellt sich damit über das Publikum. Hier liegt nun zusätzlich ein Fall vor, der sich selbst karikiert – in so weit ist der Tag Satire durchaus gerechtfertigt: Das Problem ist, das eine Anti-Identifikation (und als solchen nehme ich den Eingangsbeitrag wahr) immer noch eine Identifikation bleibt, nicht über die kritisierte Identität hinauskommt (dieses Anliegen lese ich aus Gregors zweitem Beitrag heraus).
    Doch zurück zu Venezuela/Südamerika und die Verortung eines möglichen Bezuges auf die Vorgänge dort in einer europäischen Debatte: Zur Kenntnis nehmen muss man m.E. schon, dass der (da hast du recht, Gregor: in einigen trotzkistisch angehauchten Stellungsnahmen sozialromantisch verklärte) bolivarische Prozess die momentan einzige gewichtige gesamtgesellschaftliche Bewegung darstellt, die sich tendenziell (mehr kann man in der historischen Situation auch nicht verlangen) auf eine nichtkapitalistische Wirtschaftsweise hinbewegt, ohne einen Automatismus zum Autoritarismus aufzuweisen. Selbst die “New York Times”-Beilage der SZ muss heute feststellen, dass die Demokratie in Venezuela angesichts der Rücknahme der geplanten Gesetzgebung über die Stärkung der Geheimdienste anscheinend doch nicht so schwach ist.
    Neben der Wirtschaftsstrukturierung scheint eben auch gerade dieses Demokratiemodell interessant, da es den wahrscheinlich einzigen gesellschaftlichen Anreizmechanismus neben der Marx’schen allgemeinen Äquivalentform, dem Geld, stark macht: wirkliche Gestaltungsmacht für die Bürger. Dies hat sich beim venezolanischen Verfassungsreferendum gezeigt und hier kann man zu Zeiten der Ratifizierung des Lissabonner Vertrages aus europäischer Sicht sicher einiges dazulernen. Denn das, was wir hier haben, ist eine Tendenz zur Refeudalisierung der Politik (Ingeborg Maus).

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