von grenwi, 4.05.2008

Bei einem gesellschaftlich so brisanten Thema wie Kindesmissbrauch muss sich Gesellschaft klar dagegen positionieren . Dabei kann auch keine Rücksicht darauf genommen werden, dass nun zufällig auch lokale Neonazis die Urheber empörter, öffentlicher Proteste sind.

So, oder so ähnlich schienen die Lokal-RedakteurInnen der Leipziger Volkszeitung (LVZ) zu denken, als sie am 26. April 2008 für die von Leipziger Neonazis angemeldete Demo in Borna unter dem Motto “Unsere Kinder – Unsere Zukunft” Werbung machten. In einem Bericht über einen Missbrauchsvorfall an einer Siebenjährigen in der Kleinstadt nannte die Zeitung lediglich Zeit, Ort und Motto der Demonstration, versehen mit dem Hinweis, die Veranstaltung sei als Reaktion auf die Vorfälle angemeldet worden.

Könnte man jetzt noch denken, dass hier lediglich Unwissenheit und mangelnder Recherchewille der Lokalredaktion vorliegt, belehrt einen am Ende doch die Berichterstattung über die Nazidemo selbst eines besseren. Unter der Überschrift “Demonstration in Borna” berichtet die LVZ am 3. Mai 2008, dass 180 “Teilnehmer” unter geringer Anteilnahme der lokalen Bevölkerung durch Borna gezogen seien. Der Bericht erfolgte also zu einem Zeitpunkt, als jedem hätte klar sein können, dass hier nicht 180 BürgerInnen, sondern Neonazis demonstriert haben. Statt diesen Umstand irgendwie zu skandalisieren, gibt die Zeitung einen kühl distanzierten Ablaufbericht zum besten, in dem wieder einmal die Kindesmissbrauchsfälle im Vorderund stehen, die Tatsache aber, dass Neonazis diese für ihren heuchlerischen Sozialprotest instrumentalisieren, vollkommen untergeht.

Zum Selberstaunen noch einmal der gesamte Bericht (LVZ vom 3.5.2008):

Borna (nn). Unter mäßiger Anteilnahme der Bevölkerung zogen gestern Abend etwa 180 Teilnehmer einer Demonstration unter dem Motto “Unsere Kinder — unsere Zukunft” durch Borna. Anlass waren nach Angaben der Veranstalter zwei Fälle von Kindesmissbrauch im April in Borna (die LVZ berichtete). Begleitet wurde die Demonstration, die mehrfach für Kundgebungen unterbrochen wurde, von einer Hundertschaft Polizisten. Die Demonstrationsteilnehmer hatten sich gegen 18.15 Uhr am Bahnhofsvorplatz in Bewegung gesetzt und zogen durch die Stauffenberg- und Altenburger Straße zum Markt. Es handelte sich dabei nach Angaben von Dietmar Dathe, Ordnungsamtsleiter im Landratsamt Leipziger Land, mehrheitlich um Personen mit rechtem Hintergrund. Sie skandierten Parolen wie “Todesstrafe für Kinderschänder”. Angaben der Polizei zufolge kamen die Demonstranten zum Großteil von außerhalb, etwa aus Zwickau und Dessau. Gegen 20 Uhr war die Veranstaltung beendet.”

Der Fairness halber sei erwähnt, dass diese mangelhafte Berichterstattung nicht alle RedakteurInnen der Zeitung betrifft. So fand sich in der Lokalausgabe Borna am 30.04.2008 ein durchaus gelungener Beitrag von Nils Vor den Tharen und Thomas Lieb, der die Instrumentalisierung des Kindesmissbrauchsvorfälle durch die Nazis kritisierte, den Naziaufmarsch somit als Problem ins Zentrum rückte und dagegen eine offensive Auseinandersetzung anmahnte.

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 4. Mai 2008 von grenwi veröffentlicht. Die Kommentare zu diesem Eintrag lassen sich durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können den Beitrag kommentieren, oder einen Trackback auf ihrer Seite einrichten. Der Beitrag wurde folgenden Themen zugeordnet: , , , , .

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