von grenwi, 29.05.2008

Auch an der Uni Potsdam rief unlängst eine öffentliche Veranstaltung massiven Protest von StudentInnen hervor. Ein für Dienstag (27.5.2008) geplanter Vortrag von Erika Steinbach, Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, wurde von den Protestierenden durch Blockade der Vortragsräumlichkeiten verhindert. Derweil die Blockade durch massiven Polizeieinsatz aufgelöst wurde, hatte die Referentin den Veranstaltungsort bereits verlassen müssen. In einer Vortragsreihe mit dem Titel “Die Siedlungsgeschichte der Deutschen” sollte Frau Steinbach zum Thema “Hoch- und spätmittelalterliche Ostsiedlung bis zum 14. Jahrhundert” sprechen. Schon diese zwei Titel lassen ein völkisches Verständnis von Nation in Zusammenhang mit verstärkten Anstrengungen zur Essentialisierung des “Deutschseins” vermuten. Dazu kommt die bekannte Kritik an der Referentin, die mehrfach durch geschichtsrevisionistische Äußerungen und Einstellungen aufgefallen ist. Insofern ist es für die Uni, bzw. deren Studierenden sicher kein Verlust, das die Vortragsreihe als Reaktion auf die heftigen Proteste zunächst ausgesetzt wurde.

Wie auch kürzlich in Leipzig nach einem Vortrag des ‘Extremismus’-”Forschers” Eckhard Jesse beklagen nun PolitikerInnen und Medien einen Mangel an demokratischer Auseinandersetzungskultur unter den Protestierenden. SPD und CDU im Brandenburger Landtag distanzieren sich von den Protesten. Einzig der hochschulpolitische Sprecher der LINKEN lässt erklären, die Proteste seien gerechtfertigt gewesen: “Eine Universität ist ein Ort wissenschaftlicher Diskussion – aber kein Ort von revisionistischen Positionen.”

Trotz zahlreicher Parallelen zum Leipziger Fall (Vermischung von linker Kritik an Inhalt der Veranstaltung und vortragender Person, was eine inhaltliche Auseinandersetzung bei der Veranstaltung kaum möglich, bzw. anstrebenswert erscheinen lässt; stattdessen unkonventionelle Protestformen gegen den Versuch rechten Positionen öffentlichen Raum zu geben) fällt jedoch auf, dass die Berichterstattung über den Brandenburger Fall nahezu gänzlich ohne den Extremismusbegriff auskommt (die “Junge Freiheit” mal ausgenommen, die die Uni-Pressestelle zu den Vorfällen skandalöserweise sogar befragen durfte). Tatsächlich schenkt die Berichterstattung den kritischen inhaltlichen Positionen der Protestierenden sogar relativ breiten Raum. Bemerkenstwert ist z.B., was sich am 28.5. in der Märkischen Allgemeinen Zeitung findet: “„Studieren wo andere Geschichte fälschen“ stand auf einem der Spruchbänder, und Geschichtsfälschung ist es, was die Protestierenden Steinbach vorwerfen. Sie beziehen sich dabei auf die Positionen der Befürworterin eines Zentrums für Vertreibungen, die noch 1990 gegen die deutsch-polnische Grenze stimmte.” Wie gern würde man doch mal Vergleichbares zu einem solchen Vorgang in der LVZ lesen.

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  1. Gert Röhrborn

    30.05.2008 | 16:29

    Hier wie auch bei dem vorausgegangenen Artikel über den tatsächlich unsäglichen Eckhard Jesse  ist mir nicht wirklich klar, was die sogenannte antifaschistische Linke tatsächlich will außer Kinderfasching (gibt es etwa eine nicht-antifaschistische Linke in Deutschland??? Da kämen historisch gesehen höchstens die Bolschewisten in Betracht, deren Herrschaftsmethoden in punkto organische Gesellschaftsorganisation und Feinddefinition faschistoide Züge aufweist, aber die sind ja zumindest nominell Antifaschisten…).
    Seit wann begründet man eigentlich die Ausübung gewalttätiger Aktionen (und das ist Blockade nun einmal) auf Grundlage von Vermutungen? Und wer ist eigentlich die Zielgruppe dieser Aktionen? Doch wohl nur die eigene Gemeinde der “Überzeugten”. Gleichzeitig trägt man dann noch tatkräftig zu breiten Solidarisierungen mit den Leuten bei, die eigentlich kritisiert werden sollen. Ein klassisches Eigentor also. Aber die Hauptsache am Spielen ist ja, das überhaupt was Spannendes passiert! In der Politik geht es allerdings um belastbare Ergebnisse für die tatsächlich Betroffenen.
    Zum zukünftigen Umgang mit “Reizfiguren” wie Jesse oder Steinbach würde ich eine Doppelstrategie vorschlagen:
    -Das Prestige dieser Leute (sollte es denn tatsächlich so groß sein wie angenommen) senkt man am besten dadurch, dass man sie auf dem Platz stellt und mit den eigenen Waffen schlägt – wie wäre es denn einmal mit dem öffentlichen Verlesen von Passagen aus Jesse’s Texten? Der macht sich doch selber lächerlich mit seinen ideologischen Pamphleten, so sehr, dass er von einigen (früher nahestehenden) Kollegen schon gar nicht mehr gedruckt wird…
    -Das eigene Prestige baut man aus, in dem man glaubwürdige und für die betroffenen Personengruppen spürbar positive Politikangebote macht. Lasst Jesse und Steinbach zusammen Kaffee trinken und redet in der Zeit lieber mit Migranten, Arbeitslosen und Vertriebenen (oder fahrt gleich nach Polen etc). Die haben Eure Aufmerksamkeit weiß Gott nötiger!
     
     

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