von elb, 9.06.2008

Die FIFA hat auf ihrer Konferenz in Sydney Ende Mai eine Resolution zur so genannten 6+5-Regel verabschiedet. In mehreren Schritten soll diese dafür sorgen, dass künftig (zur Saison 2012/2013) für jede Fußballmannschaft bei Anpfiff mindestens sechs Spieler auf dem Rasen stehen, die spielberechtigt für die Nationalmannschaft des Staates sind, auf dessen Gebiet der Verein seinen Sitz hat. Einfacher gesagt: es stehen mehr “Inländer” als “Ausländer” auf dem Platz. Obwohl diese Resolution gegen europäisches Recht verstößt, unterstützt sie auch die UEFA.

It’s the economy, stupid!

Die FIFA hat natürlich Recht damit, dass die aktuelle Konzentration auf reiche Klubs in reichen Ländern für die “seit nunmehr 100 Jahren anhaltende weltweite Entwicklung” des Fußballs gerade auch in finanzschwächeren Weltregionen nicht erstrebenswert ist. Interessant ist allerdings der Argumentationsverlauf. Zwar geht es um ökonomische Ungleichheiten – diese werden aber zunächst als nicht näher bezeichnete “Ungleichgewichte zwischen den Kontinenten, den Ländern und den Fußballakteuren” beschrieben. Zudem stehen sie nicht im Vordergrund, sondern erscheinen lediglich als Effekt des Verlusts der nationalen Identität im Klubfußball, der auf die Verbandsmannschaften überschwappt: “Der Verlust der nationalen Identität der Klubs gefährdet die Verbandsmannschaften und hat die Kluft zwischen den Klubs vertieft, womit die bestehenden finanziellen und sportlichen Gegensätze zwischen den Klubs noch stärker und die Klubwettbewerbe noch einseitiger und berechenbarer werden.” Dieser Verlust ist es schließlich, der bekämpft werden soll – dadurch soll unter anderem auch die Identifikation der Fans vor Ort mit “ihren” Vereinen steigen.

6+5 – die Antwort auf welches Problem?

Wie soll nun aber die neue Regelung der Entwicklung des Weltfußballs dienen? Wenn ihre Chancen auf Verträge im Ausland sinken, ohne dass die Finanzkraft der Vereine vor Ort steigt, entwickelt sich die Lage für talentierte FußballerInnen aus ärmeren Regionen zunächst zum Schlechteren. Da die 6+5-Formel audrücklich nur für Spielbeginn gilt und das Verhältnis zu Spielende daher auch 3+8 betragen darf, gerät die Identitäts-Begründung ohnehin zur Farce.

Warum sollten “wir” uns überhaupt eher mit “einheimischen” FußballerInnen identifizieren als mit anderen? Ist es nicht so, dass “die anderen” dann ganz schnell zu “uns” gehören, wenn sie “unserem Verein” Punkte bringen? Rassismus im Stadion wird dadurch, dass “AusländerInnen” zu Spielbeginn in der Unterzahl sein müssen, gewiss nicht weniger werden. Mehrfach-Zugehörigkeiten und wechselnde Loyalitäten sind im Profisport salonfähig geworden. Warum nun dieser Rollback? Und schließlich: warum ist “unsere” Identifikation mit dem Verein eigentlich wichtiger als die von Fans in anderen Weltregionen? Pläne der englischen Premier League für Spiele im Ausland (siehe u.a. Guardian) scheinen eher in eine andere Richtung zu weisen.

Der Beitrag wurde am Montag, den 9. Juni 2008 von elb veröffentlicht. Die Kommentare zu diesem Eintrag lassen sich durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können den Beitrag kommentieren, oder einen Trackback auf ihrer Seite einrichten. Der Beitrag wurde folgenden Themen zugeordnet: , , , .

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