von elb, 2.07.2008

… oder doch nicht? Vor wenigen Tagen wurden die Sieger des “Top 100 Public Intellectuals Poll” veröffentlicht. Das Ergebnis: vor allem ein Lehrstück über Online-Kampagnen und darüber, was zwei führende Zeitschriften für die brennenden Fragen der Zeit halten.

Nach dem ersten Durchgang 2005 (zur Ergebnisliste) hatten Foreign Policy und Prospect, zwei Politikmagazine aus den USA bzw. Großbritannien, im Mai eine zweite Umfrage gestartet. Auf der diesjährigen Siegerliste ganz oben steht Fehtullah Gülen, ein islamischer Gelehrter mit einer breiten Anhängerschaft, die manche auch als Sekte bezeichnen. Wie beide Zeitschriften betonen, sind alle in den Top 10 vertretenen Intellektuellen Muslime, auf Platz elf ist Noam Chomsky zu finden, die Nummer eins von 2005.
Der Siegeszug Gülens hat wohl auch mit einer groß angelegten Kampagne zu tun, die viele AnhängerInnen vor allem in der Türkei – Gülen hat enge Verbindungen zur türkischen Regierungspartei AKP – zur Abstimmung motiviert haben soll. Im Vergleich zu 200000 vor drei Jahren wurden 2008 eine halbe Million Stimmen abgegeben.

Aber wer stand überhaupt zur Wahl? Daraus lassen sich auch die – groben – Themen herauslesen, die für Foreign Policy und Prospect zur Zeit besonders wichtig sind: die USA und der Rest der Welt, Empire, der Islam, Religion überhaupt (daher wohl auch der Papst ebenso wie Religionskritiker). Warum so ein großer Männerüberhang? Was ist überhaupt ein_e Intellektuelle_r? Und wodurch werden Intellektuelle öffentlich – außer durch Veröffentlichungen in Foreign Policy? Michael Walzer (Platz 61) hat sein Buch über Intellektuelle mit “Zweifel und Einmischung” überschrieben, auch “Gesellschaftskritik” kommt darin häufig vor. Wobei Walzer betont: “Der große Gesellschaftskritiker [...] ist ein erklärter Gegner nicht der Gesellschaft, sondern ihrer Entmündigung.” Frage: Geht Gesellschaftskritik dann überhaupt noch, wenn “die Gesellschaft” nicht als gegeben gilt? Wenn sich der Zweifel auf die Existenz dessen erstreckt, worin die Einmischung stattfinden könnte?

Als Kommentarvorschlag wünsche ich mir eine Liste von “öffentlichen Intellektuellen”, die durch das FP/Prospect-Raster gefallen sind.

Der Beitrag wurde am Mittwoch, den 2. Juli 2008 von elb veröffentlicht. Die Kommentare zu diesem Eintrag lassen sich durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können den Beitrag kommentieren, oder einen Trackback auf ihrer Seite einrichten. Der Beitrag wurde folgenden Themen zugeordnet: , , .

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