von elb, 5.09.2008

Am Donnerstagabend zeigte die ARD “Wie deutsch bist du wirklich? Die Show zum Einbürgerungstest“. Wie inzwischen alle mitbekommen haben dürften, ist seit Montag, den 1.9., der bundesweite Einbürgerungstest in Kraft und wie die Show zeigt, nimmt die ARD ihren Bildungsauftrag ernst – da lasse ich mich nicht lumpen und setze mich mit einer Flasche Rotwein vor den Fernseher.

Zu Beginn der Sendung werden Fragen aus den Einbürgerungstests im Vereinigten Königreich und Österreich aufs Korn genommen und die beliebten Nacktbadebilder aus der Lern-DVD zum niederländischen Einbürgerungstest gezeigt. Das Setting für den Rest der Sendung: Zu jedem Themenkomplex werden sechs Fragen gestellt, die die prominenten Gäste (Claudia Roth, als einzige Politikerin besonders beklatscht, Dunja Hayali [Beckmann: "Ihre Eltern kommen aus dem Irak?"], Bushido, Britta Heidemann, Heiner Lauterbach und Guido Cantz), und vier “Testgruppen: (Bürgermeister, Schüler, Lehrer, Pass-Anwärter)” (ARD) beantworten müssen. Zu Beginn jedes Fragekomplexes werden lustige Einspieler mit zahnlückigen Schulkindern gezeigt, die Fragen zu Deutschland beantworten. Nach jeder Frage wird geschaut, wer recht hatte (Beckmann: “Bushido, Sie sind der Meinung, Italien grenzt an Deutschland? Wie kommen Sie denn von Deutschland nach Italien?” – Bushido: “Ich überspringe die Schweiz und Österreich und bin dann in Italien”), und als die Passanwärter bei einer Frage mit den Lehrern gleichziehen, gibt es frenetischen Applaus und La Ola.

Maria Böhmer, Staatsministerin für Integration und Bundesbeauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration, sitzt (symbolträchtig?) bei den Passanwärtern und darf ab und zu etwas erklären. So zum Beispiel, wenn die Fragen des Tests für fehlerhaft gehalten werden. Wir erfahren: Die Nichtexistenz Jugoslawiens ändert nichts daran, dass es nicht an Deutschland grenzt, und Scheel war in den paar Tagen zwischen Brandt und Schmidt nicht Bundeskanzler. Böhmer kann auch das Wappen ihres Heimatbundeslandes wunderbar erklären und debattiert mit Claudia Roth darüber, ob die Formulierung, man müsse den Vermieter auf Verlangen in die Wohnung lassen, so zulässig sei. Sie bringt dennoch auch die Information unter, was die Testteilnahme kostet und wo man die Kurse belegen kann.

Sarah Wiener kocht typische Gerichte einiger Bundesländer (es gibt u.a. Handkäs mit Musik, über den passenden Stadtstaat zur Currywurst wird kurz diskutiert, das Leipziger Allerlei ordnen Dunja Hayali und Heiner Lauterbach aufgrund der Flusskrebse fälschlich der Küste zu, und keiner kennt Dibbelabbes), erklärt sich zum Mischprodukt aus Deutschland und Österreich und gibt an, ihre österreichische Staatsbürgerschaft momentan nicht aufgeben zu wollen.

Lerneffekte gab es auch. Claudia Roth hat im EU-Parlament was gelernt: “Man merkt da, wie deutsch du bist. Du merkst plötzlich, dass Primärtugenden wie Pünktlicheit nicht nur nerven, sondern auch was gutes sein können.” Alle scheinen den Test und die Fragen eher lächerlich zu finden. Beckmann: “Dunja, wie finden Sie den Einbürgerungstest?” – Dunja Hayali: “Großartig.” (und alles lacht). Kritik wird auch geäußert. Trotzdem scheint der Test durch die Sendung Legitimation zu erfahren. Die “Pass-Anwärter” beantworten die Fragen tatsächlich seltener richtig. “Brigach und Breg bringen die Donau zuweg” wissen zwar die SchülerInnen, aber nicht einmal die Hälfte der LehrerInnen. Bushido kündigt eine neue Single an. Und Beckmann gibt in einer missglückten Überleitung vermutlich unfreiwillig preis, wie die “Pass-Anwärter” eingeschätzt werden: “Deutschland möchte mit dem Test sich die Besucher quasi aussuchen.” Ah ja.

Lerneffekt: Blaue, schwarze und rote Flaschen gehören in den Grünglas-Container. Das weiß von den Promis NUR BUSHIDO. Ich hätte – wie auch die anderen Promis – auf braun getippt und lerne: Grünglas hat die höhere Fehlfarbentoleranz.

Am deutschesten sind nach Punkten die Bürgermeister, gefolgt von Lehrern, Schülern und Passanwärtern. Hätte es Punkte für Beckmanns bräsigen Humor gegeben, wäre er sicher vorne mit dabei.

Das Ende vom Lied: Hatice S. aus Delmenhorst gewinnt als “beste Passanwärterin” eine Wochenendreise nach Berlin und darf Beckmann erklären, wie man ihren Namen ausspricht. Bushido, der von den Promis die wenigsten Fragen richtig beantwortet hat, hätte den Test trotzdem bestanden. “Somit darf ich Deutscher bleiben”, resümiert er. Beckmann in die Kamera: “Ich hoffe, Sie hatten ein paar Momente zu Hause”. Aber sicher doch.

Der Beitrag wurde am Freitag, den 5. September 2008 von elb veröffentlicht. Die Kommentare zu diesem Eintrag lassen sich durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können den Beitrag kommentieren, oder einen Trackback auf ihrer Seite einrichten. Der Beitrag wurde folgenden Themen zugeordnet: , , .

.: Kommentare

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  1. katunia

    5.09.2008 | 20:48

    schön, wie der öffentliche rundfunk nationale dominanzkultur und (weiße) deutsche privilegien — wie z.b. den test nicht als bedrohung, eingriff oder anmaßung wahrnehmen zu müssen — fördert.
    das mit der >>primärtugend<< pünktlichkeit hat sie nicht wirklich gesagt?!
    danke für die rezension.

  2. Elena

    6.09.2008 | 16:17

    danke für das feedback. zur primärtugend: ich und mein mitzuschauer haben das so verstanden – deswegen habe ich diesen versprecher (?) auch aufgeschrieben. leider haben wir die sendung nicht aufgezeichnet. in der heutigen taz ist auch eine rezension der sendung – der autor findet es “gut, dass die ARD nicht das große ‘Brauchen wir einen solchen Test’-Fass aufmachte” und zieht das fazit “Deutsch sein kann jeder”. http://www.taz.de/1/leben/medien/artikel/1/raten-fuer-deutschland/

    update: auch die fr hat eine kritische rezension der sendung veröffentlicht: “Wie blöd bist du wirklich?” von Mely Kiyak

  3. heiko

    17.09.2008 | 12:04

    Hallo Leute,
    find die Rezension recht nett, aber wenn ihr schon so modern tut, die Worte Lehrer und Lehrerinnen so zu verquicken, versucht wenigstens so zu tun als ob ihr solchen schon begegnet seid. die Buchstaben “Ä” und “E” sind jedenfalls weit genug auf der Tastatur auseinander, um sich nicht aus versehen zu vertippen ;)

    Egal ob ich mir eine solche Korinten-******-erei leisten kann, aber wenn man über etwas wie dämliche Sendeformate (im [öffentlich-rechtlichen] Fernsehen) urteilen will …
    Jedenfalls ist das Format nicht schlechter als ein “Ausbürgerungs”-Fragebogen der von jedem Bleppo bestanden wird. Nichts von beidem hilft wem auch immer. Und da treffen sich unsere Meinungen wieder.
    Gruß

  4. heiko

    17.09.2008 | 12:05

    das emoticon gehört nicht zum herausgestellten Absatz sondern zum “vertippen” ….

  5. Elena

    17.09.2008 | 15:28

    @heiko: Ich glaube, in Deinem Kommentar unter anderem einen Hinweis auf einen Rechtschreibfehler erkannt zu haben, und nach einer Weile habe ich ihn auch gefunden und nun korrigiert. Hätte mir den Hinweis etwas freundlicher gewünscht – Sowas passiert mal…

    die autorin

    PS: Wenn ich da mal mitmachen darf: Korinthen schreibt man mit th ;-)

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