von critiska, 10.05.2009

Nächste Woche feiert die hiesige Alma Mater Lipsiensis (den meisten besser als Uni Leipzig von der Zunge gehend) “ihren” 600-jährigen Geburtstag mit einem Symposium zum Thema “Wissen und Geist: Universitätskulturen”. Das ganze ist aber wahrscheinlich keine heimliche Werbung für Joghurt mit seinen vermeintlich nahrhaften drehenden Kulturen.

Sondern unter den dreifaltigen Motti “Gründungskulturen”, “Gegenwartskulturen” und “Zukunftskulturen” werden wohl Vergangenheiten, Gegenwärte und Zukünfte der Leipziger Universität im besonderen und der Institution Universität im Allgemeinen ordentlich durchdacht und diskutiert. Ob dabei auch kritische Positionen ausgetauscht werden, ist schwer zu bewerten.
Denn wenn wir beim Joghurt-Bild bleiben: Wenn eine (von mir vielleicht präferierte) linksdrehende Kulturbewegung der Universität angestoßen wird, wo endet dann diese Drehung? Als Pirouette wäre sie dann gleich wieder am Anfang des Drehbeginns. Es ist deshalb gar nicht so einfach, Bewegung einfach mal zu fordern und zu fördern, ohne im Stillstand zu verweilen.

Der französische Denker André Gorz hingegen fordert(e) schon 1970 konfrontativ und konsequent “Zerschlagt die Universität”

Gorz formuliert es so:

“1. Die Universität kann nicht funktionieren, also muss man verhindern, dass sie funktioniert, damit diese Funktionsunfähigkeit ans Tageslicht kommt. Keine irgendwie geartete Reform kann diese Institution lebensfähig machen; also muss man die Reformen bekämpfen, sowohl hinsichtlich ihrer Auswirkungen als auch ihrer Ziele und zwar nicht weil sie gefährlich, sondern weil sie illusorisch sind. Die Krise der Universität reicht (wie wir zeigen werden) über den Hochschulbereich hinaus und umfasst in ihrer Gesamtheit die gesellschaftliche und technische Arbeitsteilung; also muss diese Krise zum Ausbruch kommen. Man kann darüber diskutieren, wie und auf welche Weise diese Krise herbeizuführen ist. Es gibt gute und weniger gute Möglichkeiten. Allerdings ist Diskussion und Kritik nur dann sinnvoll, wenn sie von denen kommt, die eingesehen haben, dass der Reformismus unbedingt abzulehnen ist und zwar als Ganzes.”

Die Diagnose, dass Universität und Gesellschaft viel mehr miteinander verwoben sind und die Krisen des Gesellschaftlichen und der (universitäter) Wissensproduktion und -verwaltung miteinander in Beziehung stehen, ist sicher eine richtige und wichtige Feststellung. Und diese Feststellung kommt in der aktuellen Debatte oft viel zu kurz.

Auch Reinhard Mohr proklamiert 1971 unter dem gleichen Titel eine radikale Veränderung der Universität in der Gesellschaft:

“Zerschlagt die Universität: Befreit sie von ihrer Funktion und Position innerhalb der gesellschaftlichen Organisation der Arbeitsteilung!
Das heißt: Das Chaos vorantreiben, bis diese Uni für Krupp & Co. endgültig unbrauchbar und unbeherrschbar wird.
Das heißt: Nicht vergessen, was wir wollen.
Festhalten an der konkreten Utopie einer Gesellschaft, die auf der Grundlage einer Produktion von Gebrauchswerten nur einen „Sachzwang“ kennt: Freiheit.
Es lebe die Hochschulguerilla!
Wir wollen alles.”

Was also tun? Für eine engagierte Wissenschaft streiten und streiken, so mein Vorschlag. Im bourdieuschen Sinne also erstens darüber nachdenken, wie Wissensproduktion und Wissensverhältnisse im Joghurt der gesellschaftlichen Machtverhältnisse eingerührt (worden) sind. Und zweitens ist zu überlegen, zu welchen Drehungen und Wendungen in einer Gesellschaft engagierte Wissenschaft beitragen kann. Und welche Voraussetzungen dafür notwendig sind.

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