von critiska, 14.05.2009

Magdeburg … die Avantgarde der Kontrollgesellschaft?

Magdeburg, ihres Zeichens Landeshauptstadt des Bundeslandes Sachsen-Anhalt, scheint gerade um eine neuen Titel in Sachen Kontrollgesellschaft zu spielen.

Nicht nur eilt dieser Stadt der vermeintlich ruhmreiche Ruf voraus, eine der Kommunen zu sein, die in Sachen Beschränkung von bestimmten Verhaltensweisen in öffentlichen Räume ihre politischen Spielräume weit ausnutzt. In Magdeburg, aber auch in Erfurt, Freiburg, Erlangen und Marburg wurden Verschärfte Stadtordnungen eingeführt, die ”das Lagern von Personengruppen” erschweren sollen – und dafür zeitlich und räumlich beschränkte Alkoholverbote durchgesetzt.

Nein, jetzt geht dieses Spiel in eine zweite Halbzeit. Denn seit dieser Woche ist bekannt geworden, dass an einem öffentlichen Platz in Magdeburg zwei so genannte Mosquitos aufgestellt worden sind. Was aber ist ein Mosquito? Die ortsansässige Volkstimme vom 12.5.09 erklärt:

“- The Mosquito ist ein Ultraschall-Störgeräuschsender mit Schallwellen in hohen Frequenzbereichen (17 kHz bis 18,5 kHz).
- Entwickelt wurde das Gerät 2005 in Großbritannien mit dem Ziel, “herumlungernde” Teenager zu vertreiben. 2006 wurde es auf dem Markt eingeführt. Seit 2007 werden die sehr umstrittenen Geräte auch in der Schweiz, Deutschland und Österreich verkauft.
- In Deutschland sollen etwa 700 Exemplare zu einem Stückpreis von 850 Euro abgesetzt worden sein.
- Gehört wird der Ton angeblich nur von jungen Leuten unter 25 Jahren; danach lässt die Wahrnehmungsfähigkeit des menschlichen Gehörs für hohe Frequenzen nach.
- Zum Test eingesetzt wurde das Gerät vor einer Bäckerei in Newport, South Wales, um Jugendliche zu vertreiben, die dort ihren Treffpunkt hatten. Es zeigte sich allerdings, dass auch einige Erwachsene und (angeblich) sogar Senioren den unangenehmen Pfeifton wahrnehmen konnten.
- Eine Reichweite von 20 m kann der Ton haben; ab 10 min. wird er unerträglich für Menschen mit gutem Gehör.”
Tja, sowas fand sich also in Magdeburg im Stadtzentrum ( Kreuzung Breiter Weg/Reuter-Allee). Aufgehängt wohl von UnternehmerInnen, die nach Berichten hilflos waren und sind gegenüber “Jugendlichen”, “Müll” und anderen unerwünschten Dingen. Inzwischen sind die Mosquitos laut Medienberichten abgehängt worden. Allerdings gibt es die Debatte um diese Mosquitos nicht nur in Magdeburg, wie die Volksstimme vom 12.5.09 berichtet:
“Aufregungen um Mosquito-Geräte gab es bereits in mehreren Bundesländern, im Rheinland und im Saarland, wo sie an Schulen installiert worden waren, um Jugendliche nach dem Unterricht fernzuhalten. Im Kreis Osnabrück wurde es an einem Spielplatz eingesetzt, um Jugendliche zu verscheuchen. Niedersachsens Sozialministerin ließ daraufhin prüfen, ob von dem Gerät Gesundheitsgefahren ausgehen.”
Trotzdem erscheint die Stadt Magdeburg als ein Symtom, als ein Zeichen für gesellschaftliche Verwerfungen.
Wofür also steht diese Stadt? Für eine Gesellschaft, die ratlos ist, wie es scheint. Die anstatt Probleme zu lösen, diese nur noch verdrängt. Die Probleme “managt”, statt sie zu diskutieren und demokratisch zu bearbeiten. Diese Zeit scheint vorbei …
In dem einleitenden Essay zum Ausstellungskatalog “Are the kids alright?” beschreibt Florian Heßdörfer unter dem Titel “Die Kontrolle der Jugend – Die halboffenen Augen der Kameras” folgende gesellschaftlichen Prozesse:
“Eine Gesellschaft hat Angst vor denen, die für sie überflüssig sind. Wenn diese sich schließlich so fühlen und öffentlich so auftreten, sich also „anti-sozial“ verhalten, sodass einzelne Vertreter einer vagen moralischen Mehrheit sich ebenso vage belästigt fühlen, verteidigt der Staat diese prekäre Gesellschaft. Er verteidigt eine Gesellschaft, von der er andererseits gerne glauben mag, dass sie an sich nicht so recht existiert, mit Hilfe von Zwangs- und Kontrollmaßnahmen, die vor allem sagen „Deine Angst existiert und zwar berechtigt“ und so aussehen, also seien sie von allzu übereifrigen Eltern gemacht. Weil für die „kids from hell“ aber eben diese effektiven Eltern ebenfalls nicht existieren, gibt es stattdessen Kameras von oben. Man blickt in die Kameras wie in das halboffene Auge eines Tieres, das keiner kennt. Manche fürchten sich, manche sehen sich selbst. Beide Effekte sind erwünscht.”
Diese Analyse lässt sich auch auf den Einsatz des Mosquitos übertragen, nur dass wir das Tier nicht sehen, sondern es hören – es könnte eine Klapperschlange sein, auf der Lauer nach den nächsten devianten “Opfern”. Und nicht nur “der Staat” kümmert sich um seine Ordnung, seine Sauberkeit und seine Normalität im öffentlichen Raum. Nein, auch unternehmerische Individuen und Institutionen haben ihre Interessen, die es zu verteidigen gilt.
Was tun? Vielleicht gleich mit Lärm und Dreck auf die Plätze zurückkehren, sie sich aneignen und die Angst vor der Klapperschlange zurück zu denen Tragen, die nicht mehr die Ursachen sozialer Ungleichheit bekämpfen, sondern nur noch Probleme verwalten. Vieleicht aber mindestens die Augen und Ohren offen halten, um den gesellschaftlichen Tieren nicht zu erliegen …

Der Beitrag wurde am Donnerstag, den 14. Mai 2009 von critiska veröffentlicht. Die Kommentare zu diesem Eintrag lassen sich durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können den Beitrag kommentieren, oder einen Trackback auf ihrer Seite einrichten. Der Beitrag wurde folgenden Themen zugeordnet: , , , , , , .

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