von critiska, 14.06.2009

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint? Zur Relativierung und Abschaffung deutscher NS-Vergangenheit im migrantischen Rap dieser Gesellschaft. Eine Befragung

Vor einigen Wochen erschein die CD “Respekt!² Die Hinhören CD“, herausgegeben vom Jugendsender MDR Sputnik, in Kooperation mit dem Landesjugendring Thüringen e.V., der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt und SPIESSER - Die Jugendzeitschrift.  Diese ist mit 13 Songs von prominenten KünstlerInnen wie Jennifer, Rostock, Tomte, Jan Delay, Peter Fox, Samy Deluxe etc. ausgestattete CD wurde und wird mit der Stückzahl von 40.000 Exemplaren u. a. an Schulen Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt verteilt. In diesem Kontext gab es auch im Mai 2009 eine sog. Respekt-Woche des Radio-Senders Sputnik unter dem Motto “Respekt statt Hass, Toleranz statt Gewalt”.

Auf der besagten CD steuert der Rapper Samy Deluxe den Titel “Dis ist wo ich herkomm” einen zentralen Titel der CD bei, ist er doch auch im Booklet der Sachsen-CD mit den kompletten Lyrix vertreten. Und Samy Deluxe hat auch gerade eine Biographie unter dem gleichen Namen herausgebracht.

Aber was singt der schon seit Jahren bekannte und erfolgreiche Rapper da eigentlich genau? So fängt das Lied an:

“Ey, uh, yeah, hört ihr das?                                                                                                         Das ist ‘ne neue Perspektive auf die ganze Scheiße, haha!

Dies hier ist unser Deutschland
Dies hier ist euer Deutschland
Dies ist das Land wo wir leben
Dies ist das neue Deutschland”

Naja, also erstmal ne nationale Perspektive reinbringen – “Deutschland” ist erst mal als Referenzrahmen des Sprechens und als Problemraum aufgemacht.

Dann geht es fröhlich weiter:

“Pass auf es geht so, hoff ihr verstehts so
wir müssen was für unser Land tun für unser Ego
Dies ist der Startschuss für die Kampange es geht los
Ziele sind gesteckt und extrem groß es ist phäno-
menal egal was ihr auch sagt
ich werd beweisen das ich mehr für Deutschland mach als der Staat
Mit meinen Partnern denn wir geben den Kids Perspektive
bisschen Aufmerksamkeit und ein bisschen mehr Liebe”

Okey? Ein Rapper, der was für “Deutschland” machen will (sogar in guter neoliberaler Art und Weise ohne den Staat), was für die “Kids” – und zwar “Aufmerksamkeit und Perspektive. Na, wenn soziale Ungleichheit überall so einfach bekämpft werden könnte, dann lasst bitte den guten Samy in die ganze Welt mit seinen Projekten und seinen Songs. Aber mal Spass beiseite: Die sozialen Problemlagen und strukturellen Unglerechtigkeiten in der Gesellschaft werden gar nicht benannt, sondern verbleiben im Nichtsagbaren.

Aber der Song hat noch mehr zu bieten:

Ich schau mich um und habe Zweifel                                                                                           wie es weitergehen soll in diesem Land das meine Heimat ist                                                       Und ich sehe ein das die Vergangenheit hier nicht einfach ist
doch wir können nicht steh’n bleiben
weil die Uhr immer weiter tickt (tick – tack)
Und wir haben kein Natinalstolz und das alles bloß wegen Adolf -
ja toll schöne Scheiße der Typ war doch eigentlich ‘n Österreicher
Ich frag mich was soll das, als wäre ich Herbert Grönemeyer
Die Nazizeit hat unsere Zukunft versaut
die Alten sind frustriert deshalb badet die Jugend es aus
Und wir sind es Leid zu leiden, bereit zu zeigen
wir fangen gerne von vorne an, schluss mit den alten Zeiten”

Ahh, ja … auch so ein altbekannte Argumentation. Die negative Geschichte hat “uns” eigentlich am Wickel, bremst “unsere” Entwicklung, unser Fortkommen, sorgt für Stillstand, obwohl sich alles doch weiter bewegt. Also, “Die Vergangenheit ist also “nicht einfach”, aber was daran eigentlich? Werden die Verbrechen der NS-Diktatur genannt? Nein, es geht um eine etwas nebulöse Vergangenheit. Und dann kommt die Krönung, die Pointe: Hitler, der ja Österreicher war, versaut(e) uns den Nationalstolz. Wie bitte? Als ob das Problem Hitler allein war … irgendwie kommt das einem doch ätzend bekannt vor. Nirgends ein Verweis, dass es doch die deutsche Mehrheitsgesellschaft war, die durch ihr Handeln mindestens sechs Millionen Juden und viele andere Menschen getötet, ermordet und vernichtet haben, die alle zu nicht lebenswerten Subjekten gemacht wurden.

Aber damit noch nicht genug, ein wenig müssen noch das Kriegsende, die Wende, der Mauerfall, Nationalgeführ und die Schuld an zwei Weltkriegen in den Rap-Mixer, damit das rauskommt:

“Siehs mal so:

64 Jahre nach dem Krieg, 20 nach der Wende
das war kurz nach dem Mauerfall
krass wenn ich dran denke
7 Jahre nach der DM, 3 Jahre nach der WM
Ein Monat waren wir kurz stolz dann mussten wir uns wieder schämen
denn es heißt wir haben beide Weltkriege gestartet
vielleicht kann man da auch keine Selbstliebe erwarten
aber, was soll’n wir tun etwa für immer depressiv sein
trotz den ganzen Fortschritten der kulturellen Vielfalt”

Der nächste Hammer folgt also: Weil es nur “so heißt”, dass “wir” beide Weltkriege gestartet haben, kann also keine Selbstliebe der Deutschen erwartet wartet werden. Also: Solche Sätze ermöglichen saubersten Geschichtsrevanchismus: Denn historisch richtig ist, dass “Deutschland” diese beiden Kriege verschuldet hat, daran gibt es überhaupt keinen historischen Zweifel. Wenn daraus keine Selbstliebe der Deutschen erwächst, dann erscheint mir das normal und sogar wünschenswert, nicht problematisch.

Kurzum – es bleiben viele Fragen, die dieser Text meiner Meinung nach aufwirft: Müssen migrantische Stimmen im Hip-Hop einen “deutsch”-Bezug aufmachen? Diese Bezugnahme be- und hinterfragt natürlich die bisherige weisse, rassisistische Konstruktion eines “Deutschsein”. Und eine Neonazi- Instrumentalisierung der Zeilen von Samy Deluxe könnte (glücklicherweise) auch schwierig werden, weil seine migrantische Subjektivität einer rassistischen Volks- oder Bevölkerungskonstruktion einer scheinbaren “Reinheit” einer Rasse entgegen stehen würde.

Trotzdem eine weitere Frage: Für wen spricht eigentlich der Rapper? Und mit wem? Die Frage der Repräsentation muss auf jeden Fall kritisch beleuchtet werden, gerade wenn hier an das Tun für ein Land , gegen Langeweile, Depression, Pessimismus und andere vermeintlich falsche Daseinszustände appelliert wird.

Zuletzt: Warum wird die Vergangenheit als Last, als Hindernis, als problematische Erzählung wahrgenommen? Ich hätte vielleicht eher erwartet, dass sie ein zu aktualisierender, zentraler Erinnerungsraum für die Gesellschaft sein sollte. Die Erinnerung könnte auch im migrantischen Rap diskutiert werden unter mindestens zwei Gesichtspunkten: a) Was für Alltagsrassistsiche und strukturelle Diskriminierungserfahrungen es in dieser postnazistischen Gesellschaft weiterhin gibt gegenüber Menschen, die wir als “Anders” wahrnehmen, ordnen, sortierten. Und sollte hier vor Kontinuitäten bzw. neuen Entwicklungen eher gewarnt werden, vor dem Hintergrund der historischen Schuld Deutschlands. b) Es wäre wünschenswert einmal zu schauen, welche alternativen Geschichten als aus einer postkolonialen Perspektive in die offizielle Deutschlandgeschichtsschreibung hineingetragen werden müssten, die migrantische Stimmen und Erfahrungen zu erzählen haben – und die das homogene Deutschland(-Bild) inklusive Volksideologie etc. auch infrage stellen könnten. Diese beiden genannten und andere Gesichtspunkte müssen natürlich überall in emanzipativen und kritischen Räumen diskutiert und proliferiert werden – dass den MigrantInnen als Aufgabe einzuschreiben, wäre genau so eine (post)koloniale Praktik, die unerwünscht ist.

Ich kann zu diesem ganzen Problemfeld ehrlich keinen objektiven Standpunkt formulieren, dass wäre aus einer weißen, mittelklassegeprägten Perspektive absolut anmaßend. Deshalb sind diese ganzen Zeilen eher Fragen und Problematisierungen, denn fertige Antworten.

Aber by the way: Warum haben eigentlich die CD-MacherInnen diesen Track für den Sampler gewählt – und dann noch die Lyrics des Textes so zentral platziert?

Zugegeben: Ich bleibe bei diesen vielen Fragen etwas ratlos zurück…

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 14. Juni 2009 von critiska veröffentlicht. Die Kommentare zu diesem Eintrag lassen sich durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können den Beitrag kommentieren, oder einen Trackback auf ihrer Seite einrichten. Der Beitrag wurde folgenden Themen zugeordnet: , , , , , , , , , , .

.: Kommentare

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  1. Elena

    16.06.2009 | 22:14

    Ich teile die Ratlosigkeit… Als Ergänzung verlinke ich hier einen Post dazu auf Der Schwarze Blog: http://blog.derbraunemob.info/2009/02/14/deutschland-das-ist-auch-unsere-heimat/

  2. Andi

    9.07.2009 | 13:02

    Komisch dass sich alle aufregen. Mir (in den 80ern geboren) ging das ähnlich wie dem “Migranten” (Wie Critiska unseren deutschen Mitbürger Samuel Sorge bezeichnet, weil er eine andere Hautfarbe hat) durch den Kopf.
    Was ist so schlimm dran, wenn ich sage, ich will Stolz auf das sein, wo ich herkomme? Land, Leute und Kultur? Ohne Schuldgefühle?
    Und das, obwohl ich trotzdem im Gedächtnis behalte was in den Weltkriegen passiert ist, und auf keinen Fall möchte das sich so etwas jemals wiederholt. Ich bin davon angewidert was mit Minderheiten im dritten Reich passiert ist, und möchte nicht das irgendwer solche schlimmen Taten relativiert.
    Trotzdem würde ich auch gerne sagen, ich bin Deutscher, ohne dabei jedesmal auf die Knie fallen zu müssen und mich in Demut für die Verbrechen meiner Großeltern zu entschuldigen.
    Achso, und zum auseinanderpflücken des Raptextes… Hört euch den Song an, ich könnte mir vorstellen das man an einigen Stellen Ironie findet. Zum Beispiel an der Stelle mit “War der nicht Östereicher???”…

  3. critiska

    10.07.2009 | 15:55

    zu andi:
    danke für deinen kommentar, der mich noch mal ordentlich zum nachdenken und nachhaken bringt. naja, ich glaube, die von dir beschriebene sachen liegn ein wenig komplizierter. aber das ist meine meinung.

    1. zu den migrant_innen bzw. (nicht)deutschen staatsbürger_innen, die nicht “weiss” sind bzw. nicht als “biodeutsche” (kanak attak) subjektiviert werden.
    ich will diesen menschen in dieser gesellschaft überhaupt nicht absprechen, sich als deutsche staatsbürger_innen wahrzunehmen und für ihre rechte zu dieser staatsbürgerschaft zu kämpfen. diese menschen dürfen deshalb natürlich sagen, dass sie deutsche sind, for sure. das ist für mich selbstverständlich.
    die halbauflösung des blutrechtes im deutschen staatsbürger_innenschaftsrecht geht da in die richtige richtung, verbleibt aber kaum auf 20% der strecke. deshalb unterstütze ich auch gerne solche initiativen wie die ausweitung der doppelten staatsbürger_innenschaft.
    es muss meiner meinung aber letztendlich darum gehen, staatsbürger_innenschaften infrage zu stellen und ihre auschlussmechanismen und rassismen inklusive gewaltverhältnissen (grenzregimen, europäischegrenzpolicy, abschiebepraxen, etc.) zu thematisieren. damit wir irgendwann mal sagen können: “no border, no nation”. ich finde herrschende nationen und staatskonzeptionen nämlich mehr als  bescheiden.

    2. zum “deutschsein” und stolz sein.

    gustav heinemann (das war mal nen bundespräsi in der (alt)brd) hat mal auf die frage geantwortet, ob er deutschland liebe, dass er seine frau liebe. das finde ich ziemlich passend.
    stolz kann man meines wissens auf etwas sein, was man “gemacht” hat. “deutschland” hab ich nicht gemacht, das ist viel zu abstrakt. und stolz möchte ich auch auf sowas wie eine nation oder nen staat nicht sein.
    ich weiss nicht, ob das bei dir persönlich schlimm ist, “stolz auf das zu sein, wo ich herkomme?” aber ne herkunft ist zufall, da hast du gar nichts zu beigetragen. warum also stolz darauf sein?
    dann sprichst du von ” Land, Leute und Kultur?”. ich möchte mit vielen dieser leute nicht in einen topf geworfen werden, mit der “kultur” – was ist das schon wieder abstraktes – schon gar nicht. denn: welche “kultur” ist da gemeint, und stolz kann ich darauf auch nicht sein, weil ich hab zu “der kultur” wiederum nix beigetragen.
    dann fragst du noch “Ohne Schuldgefühle?”. um schuldgefühle ging es mir nicht. mindestens aber um verantwortung eine gesellschaftliche und geschichtliche gesellschaftliche konstellation – die ns-zeit und ihr postfaschistischer fortwirken, die ich persönlich als zentralen anker meines politischen handelns sehe. deshalb kritisiere ich nationalismus, faschismus, rassismus, antisemitismus etc. und versuche, alternatives denken und handeln, das ohne ideologien der ungleichheit auskommt zu fordern und zu fördern.
    dass du das “gedächtnis” fördern willst und die “relativierung”  ablehnst finde ich richtig gut und da stehen wir mal auf dem selben argumentativen boden.
    dann schreibst du noch: “Trotzdem würde ich auch gerne sagen, ich bin Deutscher, ohne dabei jedesmal auf die Knie fallen zu müssen und mich in Demut für die Verbrechen meiner Großeltern zu entschuldigen.”
    ich glaube, bzw. ich hoffe, es geht nicht um “demut” und das “knie fallen” – das hat willy brandt in eindrucksvoller art und weise in warschau vor einigen jahrzehnten gemacht (obwohl er kein täter war, sondern ein exilant!!!), sondern um eine selbstverständlichkeit der erinnerung und des mitdenkens- und handelns im bezug auf die ns-zeit – für menschen, die in deutschland leben. dass betrifft letztendlich alle menschen, die hier leben, ob mit oder ohne migrantischen hintergrund, ob mit oder ohne staatsbürger_innenschaft. allerdings hat für mich die “biodeutsche” – noch – mehrheitsgesellschaft da mehr verantwortung, weil sie a) in gesellschaftlicher (wenn auch nicht monokausaler) kontinuität zu der nazi-gesellschaft bzw. dem ns-staat steht und b) immer noch voll mit ideologien der ungleichheit sympatisiert bzw. diese vertritt (siehe die einstellungsstudien von heitmeyer und decker/brähler etc.). aber da es auch rassistische etc. nicht”biodeutsche” gibt, gilt es, auch da ein fass aufzumachen. alles sehr kompliziert …

    3. zur ironie

    ironie ist gut. bin grosser ein fan davon. und ich traue das dem guten samy auch zu, sowas ironisch zu meinen. aber der kontext des liedes und der raum, in den es hallt, der ist halt nicht ganz so unproblematisch, sondern zumeist verdammt ironiefrei – leider.

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