von critiska, 1.07.2009

Noch bis zum 26.7 kann kritische, aktuelle Kunst aus australischen gesellschaftlichen Verhältnissen in einer Ausstellung in der Halle 14 betrachtet und erlebt werden. Dazu eine Ausstellungsrezention und zugleich, das vorne weg genommen, eine Empfehlung zum anschauen:

Einleitung

Die Ausstellung selber, auf der Baumwollspinnerei in Leipzig beheimatet, ist eine thematische Schau verschiedener Positionen von zwanzig Künstler_innnen und –Gruppen (aus Sydney, Melbourne, Brisbane, Perth und Darwin). Kuratiert haben sie die Künstlerin Deborah Kelly aus Sydney und Frank Motz, der künstlerischen Leiter der HALLE 14. Thematisch verortet sie sich ungewöhnlich offen gesellschaftspolitisch als Diskussion und Hinterfragung der australischen Kontroversen um Identität und Nation, u. a. an dem Beispiel der Besitzanspruchsdebatte zwischen (Post-)Kolonialist_innen vs. Aborigines. Tangiert werden weiterhin aktuelle Auseinandersetzungen um Begriffe wie die „gestohlene Generation”, „die Intervention” oder die „beiderseitige Verpflichtung“. Welche Position kann Kunst in diesen großen Debatten einnehmen? Bzw. welche hat sie hier schon eingenommen? und vor allem: Welche Anregungen oder neuen Assoziationsmöglichkeiten können die künstlerischen Arbeiten hier bieten?

Ausgewählte KünstlerInnen in den Räumen der Halle 14

Zu Beginn steht als Solitär im Vorraum der großen Ausstellungshalle ein Bild, dass mit dem Spruch „Heaven – There is no room for white men.“ ein Ausrufungszeichen und eindeutiges Statement für die gesamte Ausstellung setzt. Spielerisch setzt der Künstler Richard Bell Pop-Art Elemente von Pollock, Lichtenstein und Johns ein, und konterkariert sie mit seiner krassen Aussage. Seine Aneignungskunst schleudert einen nahezu direkt in einen Entzugsraum von Gewissheiten.

Die nächste Begegnung mit einer Installation von Destiny Deacon und Victoria Fraser zieht einen in ihren Bann, verstört aber zugleich mit ihrem Lärm aus einem Luftgebläse. Das aufgebaute Zelt mit seinen skurrilen Puppen im Inneren und der Aufschrift „Occupied“ irritiert die Sicherheit eigener territorialer Grenzziehungen und der Aneignungsmöglichkeiten in einer postkolonialen Gesellschaft.

Die Installation des pvi collective „panopticon: australia“ bietet einer menschlichen Figur Schutz vor der Überwachung – durch eine Regenschirmanordnung, die keine Blicke auf die Figur mehr zulässt. Als Rückkehr der Kontrolle der Kontrolle bzw. des Entzuges von dieser ist diese Installation sogar ein praktisch nutzbares und nachahmbares Projekt. Die universelle Sprache und Assoziationsmöglichkeit des Kunstwerkes überzeugt hier und auf Leipziger Verhältnisse übertragen schließt das Thema Überwachung an lokale (künstlerische) Interventionen und Debatten an.

Das zweite zentrale Kunstwerk der Ausstellung, eine Schwarz-auf-weiß-Schrift des Künstlers Vernon Ah Kee mit dem Titel „ill-like“ erzeugt Aufmerksamkeit mit dem (übersetzten) Wortlaut: „den aboriginal, wenn es ihm gut geht, müssen wir krank machen, und wenn wir den aboriginal nicht krank machen können, dann müssen wir es so machen, als wäre er krank.” Beim Lesen wird dann die Gewaltaussage des Kunstwerkes, das eigentlich neutral daher kommt, plötzlich zum unangenehmen Kontrast, der einen erinnert, wie politische Konzepte in der gar nicht so weit zurückliegenden Geschichte ihre inhumanen Rationalitäten entfalten konnten.

Der in der zentralen Halle installierte Innenraum bietet ebenfalls zuerst einmal Kunstwerke zum Wohlfühlen an: Die Fotographie „Springtime“ von Tina Fiveash zeigt zwei übermäßig glückliche Frauen in einem Blumenfeld. Das Glücksversprechen, das Bezug nimmt auf eine Aussage des ehemaligen Premierministers John Howard, wird überzeichnet und konfrontiert mit den Mythen australischer Patriotismuskonzepte und aktueller touristischer Werbemittel, die auch in der symbolträchtigen Goldakazie eingeschrieben sind.

Auch die Arbeiten der anderen Künstler_innen verorten sich provokant bis politisch zumeist in dem Spannungsverhältnis von oberflächlicher Schönheit/Gemütlichkeit und einem Tiefenblick der Verstörung bis Entsicherung.

Das kuratorische Konzept

Das Konzept überzeugt durch zwei wichtige Leitlinien. Einerseits inszeniert es die Kunstwerke so, dass sie in einem Kontinuum zwischen intimen bis dominanten Einsätzen variiert und ihre Einsätze verstärkt werden. Die zwei großen Solitäre von Richard Bell und Vernon Ah Kee erzeugen ihre Dominanz im Vorraum, sowie zentral in der Haupthalle. Die beiden Installationen im vorderen Bereich der Eingangshalle entwickeln einen neugierigen Sog. Der neu geschaffenen Innenraum innerhalb der Haupthalle schafft eine intimere Wohnzimmer-Atmosphäre und lädt zum längeren Verweilen ein – auch ermöglicht durch verschiedene Medien wie Video-Installationen und Computer-Plätze mit Kunstwerken, die die Besucher_in selber aktivieren kann. Durch einen geschaffenen Treppenaufgang mit Zugang zu einem Podest, in dem wir mit der „Yeah“-Idee von Jon Campbell in seiner Miniaturform konfrontiert werden (der Diskussion einer neuen Flagge für Australien) erreichen wir einen – aber eben nur – nahezu intimen Video-Ort mit drei parallel geschalteten Videofilmen, die auf großflächigen Leinwänden ideal wirken und einen in diese verstörende und faszinierende Welt des Strandes mitnehmen wollen.

Zweitens ist die Anordnung zwischen den verschiedenen Medien, die zu den Besucher_innen sprechen, gut variiert worden. So finden sich immer Möglichkeiten, verschiedene Sprachen aufzunehmen und eigene Vorlieben der Kunstrezeption zu verfolgen.

Auch wird der Raum der Halle 14 gut genutzt. Unbeabsichtigt ist vielleicht die Assoziation, durch die Flecken auf dem Boden der Ausstellungshalle eine Inselwirkung erzeugt zu haben. So kann man das Gefühl entwickeln, auf einem Australischen Archipel vor der Küste des Hauptlandes hin- und her zu reisen.

Auch der erste Eindruck, dass der Raum der Halle zu großzügig genutzt wird – und damit die Spannung der Ausstellung auszufransen droht – hat sich nach einigen Minuten bei mir gelegt. Anderen könnte dies eventuell anders ergehen. Im Gegenteil, der offene rechte Seitenbereich wirkt später wie eine offene Sichtachse, durch die man ohne feste Strukturierungen und Blickleitmedien einfach eine Möglichkeit anderer Assoziationsproduktion erhalten kann. Und den Titel Niemandsland aufnehmend, wirkt dieser Bereich ein wenig wie der noch nicht angeeignete kuratorische Raum.

Zwei Kritikpunkte zum Schluss: Eine Ausstellung „Terra Nullius“ zu nennen, spielt einerseits mit dem Mythischen, dem Unentdeckten, der (noch) verborgenen Welt, aber der Titel schließt zugleich aus. Auch wenn der Untertitel „Zeitgenössische Kunst aus Australien“ diese Projektionsfläche bricht. Wäre „Niemandsland“ (die dt. Übersetzung) nicht auch eine Alternative gewesen? Andererseits kann man auch argumentieren, dass gerade der Sog des Unbekannten seine Wirkung viel mehr in der lateinischen Version entwickeln kann. Aber die Möglichkeiten des Ausschlusses durch Sprache bzw. der Erzeugung von Wissensbarrieren durch „Fremd-“Sprachen sollte zentral diskutiert werden in einer kuratorischen Entwicklung.

Noch viel problematischer ist der Umgang mit Begriffen wie „Völker“ und „indigene Völker“, die sowohl im einleitenden Ausstellungstext wie auch in der Ausstellung – hier in der Kurzbeschreibung der Arbeit von Tony Albert – zu finden sind. Gerade die Verbindung von Wörtern wie „Volk“ in einem Absatz mit „zivilisatorische Kraft“ irritiert zu Recht. Was „Zivilisation“ als Mission und Begriff selber für ein Problem darstellt, sollte in so einem Ausstellungskonzept offensichtlich sein. Trotzdem werden dieser Begriff und seine Volkskomponente einfach unkritisch benutzt. Zwar behilft sich der Ausstellungstext damit, folgende absolut notwendigen Zusatzzeilen zu formulieren: Er sagt, dass es um eine zivilisatorische Kraft geht, „… die physische und psychologische Grenzen negiert, das idyllische Konstrukt vom offenen Einwandererstaat der Harmonie unterwandert, politische Komplexitäten und Unstimmigkeiten in der australischen Gesellschaft hinterfragt, soziale Ausgrenzungen aufgrund religiöser und kultureller Unterschiede sowie die Vertretung der Interessen der indigenen Völker und die historische und gegenwärtige Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik untersucht.“ Aber ist De-Kontextualisierung so einfach? Gerade durch die Arbeit von Tony Albert, in der er das Wort „Sorry“ mit selbst (!) hergestellten, vermeintlich den „Ureinwohner_innen“ zuzuordnenden Kunstwerken formt und provokant auflädt, wird eigentlich die Konstruktion von „Volk“ und völkischem Denken fundamental unterwandert. Im erklärenden Text zum Kunstwerk können wir dann allerdings von „einen Australischen nationalen Gedächtnis“, einem „Volk“, sowie der „Nation“ und dass ein „Land langsam erwachsen wurde“ lesen. Wie Länder erwachsen werden, ist mir schleierhaft? Warum der Begriff der Gesellschaft, der nicht so problematisch aufgeladen ist, nicht genutzt wird, ist mir unverständlich.

Fazit: Eine sehr gelungene Ausstellung, mit den eben genannten Einschränkungen. Insgesamt lädt sie ein, unsere eurozentristische Perspektive (weiter) zu dezentrieren. Und positiv zu bewerten ist nicht zuletzt der kostenlose Zugang zur Ausstellung – in Zeiten der Reproduktion und des Durchreichens der Wirtschaftskrise auch ins kulturelle Feld ein guter Kontrapunkt.

Der Beitrag wurde am Mittwoch, den 1. Juli 2009 von critiska veröffentlicht. Die Kommentare zu diesem Eintrag lassen sich durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können den Beitrag kommentieren, oder einen Trackback auf ihrer Seite einrichten.

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