von critiska, 1.07.2009

Im Freitag Nr. 25, v. 18.6.09 befindet sich ein sehr lesenswerter Artikel über die Zukunft der Fragekunst, in dem der Autor Michael Angele versucht, die habermasche Intellektuellenfigur mit den neuen Kritikmöglichkeiten im Internet zu verbinden und die Zukunft kritischer Interventionen auszuloten.

“Das Netz bietet großartige Möglichkeiten zu debattieren, aber dem klassischen Intellektuellen stellt es eine echte Herausforderung dar: Was kommt nach der Ära Habermas?”

Zu Beginn sagt der Autor:

“Nein, einen so großartigen Intellektuellen wie Jürgen Habermas hat das Internet bislang nicht hervorgebracht. Auch wenn zu meinen sogenannten „Freunden“ auf der Plattform Facebook, nun ja, ein „Jürgen Habermas“ gehört. Aber es hilft nichts, den Jürgen anzustupsen oder dem Jürgen eine Nachricht zu senden, wie Facebook vorschlägt. Jürgen antwortet nicht, mir nicht und keinem anderen. Ein Witz, dass ausgerechnet der große Theoretiker des kommunikativen Handelns beharrlich schweigt. Vielleicht ist sich der User, der hinter dem Profil von Habermas (samt Photo) steckt, der Symbolik seiner Tat bewusst. Vielleicht weiß er sogar, dass er mit dieser dadaistischen Geste einen bestimmten Typus von Intellektuellen zur Farce macht. Aber vielleicht ist er auch nur ein Scherzbold. Im Netz ist das manchmal schwer zu beurteilen.”

Dann eine sehr schön Stelle:

“Nein, Subtilitäten sind noch nicht die Stärken dieses Mediums. Ironie wird kaum goutiert, was kompliziert scheint, wird ­ignoriert. In einem viel diskutierten Beitrag hat der Zeit-Autor Adam Soboczynski diese, sagen wir ruhig, Dummheit des Netzes in drastischen Worten beklagt. Er erinnerte an das heroische Bild, das José Ortega y Gasset vom Intellektuellen gezeichnet hatte: „Auf den ersten Blick scheint er ein Zerstörer, man sieht ihn, einem Metzger vergleichbar, stets die Hände voll von Eingeweiden der Dinge. Aber das Gegenteil ist der Fall. Der Intellektuelle kann nicht, auch wenn er es wollte, im Hinblick auf die Dinge Egoist sein. Er macht aus ihnen ein Problem. Das ist das höchste Kennzeichen der Liebe.“”

Und zum Schluss ein nachdenklicher Tonfall:

“Was bleibt, über den mehr oder weniger gepflegten Austauch von Meinungen hinaus? Die Kunst, Fragen zu stellen, Anregungen zu geben, Gewissheiten zu zerstören, auf subversive Distanz zu gehen – gerade auch gegenüber dem Medium, im dem er sich artikuliert. Das, vielleicht, wäre der „Netz-Intellektuelle“.

Aber wird er auch gehört? Die Aufmerksamkeit im Internet ist gut verteilt und flüchtig. “In diesem Medium verlieren die Beiträge von Intellektuellen die Kraft, einen Fokus zu bilden“, klagte Habermas vor drei Jahren über das Internet. Einen Fokus bilden, die Aufmerksamkeit bündeln, mit anderen Worten, die Öffentlichkeit wachrütteln, darin eben bestand die Kunst des heroischen Intellektuellen. Im Netz existieren unzählige Gemeinschaften, aber kann es darin auch eine Öffentlichkeit geben?”

Tja, wie weiter mit Kritik, intellektueller Produktion ohne elitärem Habitus (die quasi an ihrer eigenen Abschaffung arbeitet), der Demokratisierung und Emanzipation von Wissen und seinen Produktionsverhältnissen? Der Freitag-Beitrag liefert, wie ich finde, spannende Anregungen. Ich bin auf weitere Antworten und Dissenzen gespannt …

Der Beitrag wurde am Mittwoch, den 1. Juli 2009 von critiska veröffentlicht. Die Kommentare zu diesem Eintrag lassen sich durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können den Beitrag kommentieren, oder einen Trackback auf ihrer Seite einrichten.

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