von grenwi, 9.07.2009

Euphemismen in der Politik sind seit jeher Gang und Gäbe. Der Kriegsminister wurde in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zum Verteidigungsminister. Die Bundesrepublik “bestellt” Botschafter wie zuletzt den Iranischen zu “Gesprächen” ein. Innenpolitisch werden z.B. flächendeckende Gehaltskürzungen als Tarifkorrekturen und Wirtschaftrezessionen als Null- oder Negativwachstum beschönigt. In der Regel funktioniert der Mechanismus so, dass für ein Signifikat ein im sprachlichen Gebrauch als “besser” konnotierter Signifikant eingeführt wird. Oft mit erheblichen Aufwand in Sachen Öffentlichkeitsarbeit und z.T. auch nachhaltigen Erfolg.

Einen umgekehrten Fall scheinen die vorgestern von Bundeskanzlerin Angela Merkel erstmals verliehenen, sogenannten “Tapferkeitsorden”, offiziell “Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit” zu bilden. Sprachlich wird zwar auch hier das von den Nazis zur Stärkung der Truppenmoral wiederbelebte “Eiserne Kreuz” umbenannt. Funktional und gestalterisch aber bleibt es aber ein zum Verwechseln ähnliches Objekt. Nichtsdestotrotz wird ein erheblicher Aufwand betrieben, dem Signifikanten “höchste militärische Auszeichnung verliehen für herausragende Taten” einen neuen Inhalt, einen neuen Sinn zu verpassen.

Schön zusammengefasst hat das die ARD in ihrer Ausgabe des Nachtmagazins vom 7. Juli 2009. In der elften Minute der Sendung heißt es “Das Eiserne Kreuz: [...] die Nazis verliehen es gleich zwei Millionen mal. Der Tapferkeitsorden ähnelt zwar dem Eisernen Kreuz, ist aber neu in der Bedeutung. Er soll den gestiegenen Gefahren bei Auslandseinsätzen Rechung tragen”. Die Verleihungszeremonie sei angeblich ganz ohne Pathos erfolgt, der Orden eine notwendige und überfällige Anerkennung der Leistungen der Truppe im Afghanistaneinsatz.

Wo genau sich jetzt allerdings das Neue verbirgt bleibt das Geheimnis sowohl des Beitrags als auch der Bundesregierung. Zwar werden Medien und Bundesregierung nicht müde den Charakter der Bundeswehr als Armee von Bürgern in Uniform, deren Mission die Bewahrung der Demokratie sei, zu betonen. Gerade aber die Anlehung an militaristische Traditionen der deutschen Vergangenheit, und nichts anderes ist die Verleihung einer höchsten Ordensauszeichung, die dazu noch optisch das Eiserne Kreuz kopiert, scheint wenig geeignet die vorgeblichen Ideale der Bundeswehr zu stärken. Ein ausgezeichneter Soldat sagt stolz im Beitrag: “Es ist schön, dass es endlich eine Medaille gibt für Tapferkeit. Ich wünsche mir Unterstützung für die Truppe”.

Also doch: Ausmaß an Pathos hin oder her, es geht um Stolz, Truppenunterstützung und letztlich Heldenkult. Ein Vertreter der Bundeswehr verheddert sich gar in seinen Widersprüchen, als er statt eines Heldenkultes “wirkliche Helden” fordert (die er dann anscheindend nicht mehr ehren möchte).

So ist denn auch dem ebenfalls im Beitrag zu Wort kommenden Politikwissenschaftler Jochen Hippler uneingeschränkt zuzustimmen, der in der Verleihung des Ordens einen bewussten Prozess zur “Normalisierung” (im Sinne von Normal-Machung) militärischer Gewalt als Teil deutscher Außenpolitik sieht. Soldaten und Öffentlichkeit sollen wieder an Krieg und damit notwendig verbundene Opfer wieder gewöhnt werden. Und dazu bedarf es eben eines neuen, ganz anderen Inhaltes und Sinns des Ordens…

Mal sehen ob die Botschaft ankommt. Der umgekehrte Prozess der Einführung neuer Worte zur Beschönigung beschissener Situationen funktioniert ja bislang auch nur begrenzt (ich erinnere mich an den kalten Schauer, der mir in der späten Schröder-Ära über den Rücken lief, sobald von “Reform” die Rede war). Dem konservativen Wähler, der sich von dieser Maßnahme so kurz von den Wahlen angesprochen fühlt, dürfte ein “neuer Sinn” hinter der höchtsen militärischen Auszeichung am Ende womöglich eh schnuppe sein.

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