von critiska, 15.07.2009

Die Türkei: Projektionsfläche von antieuropäischen Ressentiments, westlichen Ordnungsvorstellungen, antislamischen und -türkischen Reflexen. Dazu gelobtes Land von Modernisierung und Laizismus, emanzipativer nationaler Konstruktion, etc. pp. Nicht zuletzt: “unser” Urlaubsland.

Das dies alles nicht so einfach funktioniert, ist vermutlich vielen Leuten klar. Doch welche Geschichte repräsentieren die angesprochenen Bilder. Und wofür steht “die Türkei”, wenn es sie denn so gibt?

Dazu hat Perry Anderson, ein renommierter, kritischer Historiker, gerade ein Buch veröffentlicht, dass nun auch auf Deutsch erschienen ist. Es heißt “Nach Atatürk. Die Türken, ihr Staat und Europa“, Perry Anderson. Aus dem Englischen von Joachim Kalka. Berenberg, Berlin 2009, 184 S., 19 €

Eine Rezension dazu im Freitag vom 2.7.2009.

Die Herstellung der “modernen” Türkei wird darin als eine “Revolution von oben” dargestellt, der sozusagen schon seit ihrer erfolgreichen Implementierung ihre Basis in der Bevölkerung gefehlt hat. Weitere Brüche und problematische Politiken dieses nationalen Projektes beschreibt der Rezensent:

“Dessen [der Massenmord an den Armeniern, c.] bis heute andauernde Leugnung hält Anderson – ganz zu Recht – für einen ähnlichen schwerwiegenden Geburtsfehler der Republik wie den falschen Säkularismus. In seinem Bestreben, die Religion zu kontrollieren, habe der „robuste Atheist“ Atatürk die Religion erst verstaatlicht, dann aber zunehmend als Identitäts-Füllstoff für das „dubiose Konstrukt“ seiner erfundenen Nation instrumentalisiert. Zusammen mit der „Sakralisierung des Staates“ sei jene „pervertierte Dialektik von Staat und Religion“ entstanden, die die Türkei heute noch beherrscht. Die Entwicklung der Religion als „unausgesprochener Definition des Nationalen“ hallt in dem legendären Satz des Putschgenerals Evren nach: „Laizismus bedeutet nicht Atheismus“, den Anderson zitiert. Die Mär vom Militär als „Hüter des Säkularismus“ sieht man bei diesem Bekenntnis in einem anderen Licht.”

Und heute: scheinen die Homogenierungsträume der Politiker_innen nicht mehr so einfach zu funktionieren. Die Gesellschaft scheint gespalten zwischen religiösen bzw. religiös-strategischen Machtakteur_innen, Militärinteressen, sowie laizistischen Akteur_innen, die ebenfalls um ihre Machtbasen und Einflussnahmen in dieser Gesellschaft streiten. Das ist vielleicht, bei allen unerwünschten und mehr kritikablen Gewaltverhältnissen besser, als wenn sich eine Vorstellung von “der Türkei” durchgesetzt hätte – sowohl im Inneren, als auch, was die westlichen Bilder der Türkei betrifft. Und wer noch etwas über die Bilder Europas lernen und lesen will, kann gerne den Artikel von Perry Anderson aus der lettre international nr. 79 zu Rate ziehen.

Mit welchem Ausgang pakt die Geschichte die Lebenden? The Future is unwritten…

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