von critiska, 16.07.2009

Eine neue Klasse geistert herum in dieser Gesellschaft, die “kreative Klasse“. Allerdings muss, so scheint es zumindest, keine_r Angst entwickeln zu müssen vor diesem Gespenst. Denn alle lieben diese Klasse: Sie ist “kreativ” schon im Begriff, etwas, was wir doch alle sind bzw. sein wollen (siehe den Artikel “Kreativität” von Ulrich Bröckling im Glossar der Gegenwart).

Und sie ist ökonomisch ausdrückbar, was meint, dass sie Nutzen bringen kann für Unternehmen, nationalökonomische Zusammenhänge usw. Die Subjekte, sofern sie sich als “Unternehmerisches Selbst” (Ulrich Bröckling) verstehen, können in ihren Arbeits- und Lebenszusammenhängen etwas “schaffen” – für sich und diese Gesellschaft.

Aber was meint hier eigentlich kreativ im Kontext einer Klasse? Das erscheint mir doch sehr wie ein bekanntes Ab- und Ausgrenzungsspiel.

Das erinnert an die symbolischen und materiellen Ausgrenzungskämpfe a la “abgehängtes Prekariat” und “Unterschicht”, denen ihr kulturelles Kapitel durchgegangen ist und die qua Habitus zu quasi unrettbaren Subjekten für unsere produktive “Gesellschaft mit beschränkter Haftung” gemacht wurden. Ein wahres Elend, wie es ein Arikel von Walter Wüllenweber zutreffend konstruiert.

Und es erinnert an die Anfänge und Zeiten des Fordismus zu Beginn des letzten Jahrhunderts, in der auf der grundlage tayloristischer Arbeitsorganisation plötzlich den Facharbeiter_innen ihre Kompetenzen bei der Gestaltung der Arbeit und ihrer Produkte entzogen wurden. Hier liegt taucht der Manager als Figur der Fabrik- und Arbeitsorganisation, und nicht zuletzt der Entmachtung der Arbeiter_innen in der Geschichte auf.

Die Trennung zwischen “Geistige[r] und körperliche[r] Arbeit”, die schon Alfred Sohn-Rethel problematisiert hat, schein heutzutage ein update zu erfahren.

Oder wir könnten die Tätigkeitstheorien nach L. S. Wygotsky oder A. N. Leontjew in eine theoriepolitische Stellung bringen, die ebenfalls bezweifeln, dass sich Denken und Handeln so einfach trennen lassen.

Aber lassen wir das Rumgemäkel. Lassen wir die Texte zu uns sprechen. Es gibt, um diese zu finden, bereits ein eigenes Internetportal für “die Kreativen”: Kreativwirtschaft Deutschland heißt es. Unter “Über uns” ist zu lesen:

“Unser Ziel ist es, Kultur und Kreativität als Wirtschaftsfaktor verständlicher und bekannter zu machen.

Bernd Fesel: “Aus 15 Jahren Berufspraxis – im Kunstmarkt als Galerist, im Deutschen Bundestag als Lobbyist für die Kunst und Kultur sowie im Sponsoring in fast allen Branchen der Kultur – weiß ich, dass die Vermittlung der verschiedenen Welten von Kultur und Wirtschaft unter Erhaltung ihrer jeweiligen Identität eine ständige Aufgabe ist. 2003 gab es dafür weder ein bundesweit öffentliches Fachforum noch eine Priorität auf der politischen Agenda. Dies zu ändern, war meine Motivation das Büro für Kulturpolitik und Kulturwirtschaft zu gründen. Nicht zu letzt aus meinen Doppel-Studium der Volkswirtschaftslehre (Diplom) und der Philosophie (Magister) war die Verbindung von Wirtschaft und Werte theoretisch und persönlich vertraut.”

Unser Credo:
Die Verbindung von Kulturpolitik und Kulturwirtschaft wie von Kultur und Wirtschaft, das Schnittstellen-Management und die damit verbundene Sprach-Übersetzung ist der rote Faden für die Arbeit des Büros für Kulturpolitik und Kulturwirtschaft.”

Aha. Kultur und Kreativität als Wirtschaftsfaktor verständlicher und bekannter machen. Ein Glück, der Text trennt Kultur von der Kreativität, nachher käme noch eine auf eine Klageidee, dass das eben nicht das Gleiche ist. Naja, und verstehen … das ist immer gut. und Wirtschaftsfaktor … klasse! Bin dafür.

Und es geht noch weiter, mit richtigen Definitionen:

“Unsere Perspektive
Der Begriff Kulturwirtschaft bzw. Kreativwirtschaft wird von verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen verwandt und erforscht – immer mit anderen Konotationen. Unsere Perspektive orientiert sich am Selbstverständnis der Kulturunternehmer, nicht einer bestimmten wissenschaftlichen Disziplin. Vielmehr werden diese wie in einem “tool box” herangezogen, um verschiedene Phänomene in der Kulturwirtschaft mit verschiedenen wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen.

Zunächst ist wichtig zu sehen, dass der Begriff meistens heute nicht (mehr) im Sinne der Kritik Adornos an der industrialisierten Produktion von Kultur gebraucht wird. Unverändert wird der Begriff jedoch vielfach als “Kritik” verwandt, um eine falsche Ökonomisierung nicht-ökonomischer Produkte bzw. Prozesse zu kennzeichnen. Auch dient der Begriff vielen dazu, das Engagement von Sponsoren aus der Industrie für die Kultur zu bezeichnen. Auch diese Perspektiven sind mit dem seit 2004 verwandten Begriff der Kultur- und Kreativwirtschaft nicht gemeint.

Definitionsansatz
Kultur- und Kreativwirtschaft meint demnach alle Aktivitäten zur Herstellung und zum Vertrieb von Kulturprodukten mit dem Ziel Geld zu verdienen. Dies umfaßt das Kommissions- wie auch das Lizenzgeschäft und das Urheberrecht als dem wesentlichen Marktordnungsgesetz. Damit ist zugleich klar: Kulturwirtschaft ist keine neue Branche oder Tätigkeit, sondern ist seit Jahrtausenden bekannt.

Heute gibt es in Europa eine Vielzahl von Ansätzen, wie man Kultur und Kreativität als Wirtschaftstätigkeit verstehen und interpretieren kann. In einem Vortrag auf der 4. Jahrestagung Kulturwirtschaft hat Joachim Geppert dazu einen kompakten Überblick gegeben.

Was sind Kulturgüter im Unterschied zu Industriegütern?
Aus unserer Sicht ist der Kern der Kulturwirtschaft, dass Kulturgüter handelbare Wirtschaftsgüter sind, dessen Ziel nicht Gewinnerzielungsabsicht ist. Und dies bei der Entstehung wie beim internationalen Marken-Durchbruch. Kulturprodukte haben bzw. behalten eine kulturelle Identität, die durch den Markt nicht erodiert – wenn sie auch zweifelsfrei in einem Spannungsverhältnis dazu steht. Erodiert die kulturelle Identität, ist es kein Kulturprodukt mehr.

Für solche Kulturgüter gibt es eigene Marktgesetze, die auch die Volkswirtschaft mit den Ansätzen “Öffentliche Güter”, Spieltheorie und Neue Institutionen Ökonomie erforscht hat. Danach sind Kulturprodukte – im Unterschied zu Industriegüter – keine Erfahrungsgüter, sondern Vertrauensgüter. Vielfach überascht auch, dass gerade die ökonomische Theorie die öffentliche Finanzierung von Kultur wirtschaftlich begründen kann.”

Zunächst: Adorno und Kritik sind out. Schade eigentlich. Naja, man kann nicht alles haben.

Zweitens: Diese Leute sind rafinierte Postmoderne: Sie nutzen den Begriff “Der Begriff Kulturwirtschaft bzw. Kreativwirtschaft”, wie es ihnen passt. In Pippi Langstrumpfscher Manier (“wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt”) orieniert sich deren “Perspektive … am Selbstverständnis der Kulturunternehmer, nicht einer bestimmten wissenschaftlichen Disziplin”. Denn die Begriffe “werden .. wie in einem ‘tool box’ herangezogen, um verschiedene Phänomene in der Kulturwirtschaft mit verschiedenen wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen”. Super, Eklektizismus in Reinform. Ich werde noch “Fan” von dieser Kreativwirtschaft bei Facebook, aber zumindest möchte ich sie als “Freund” haben.

Drittens: “Kulturprodukte haben bzw. behalten eine kulturelle Identität”. Ähem … was ist das nun wieder, eine kulturelle Identität. Wusste ich noch gar nicht, das es sowas gibt … muss ich beizeiten mal bedenken.

Viertens: Theorien erklären die Welt, Teil ???: In unserem Fall “die Volkswirtschaft mit den Ansätzen ‘Öffentliche Güter’, Spieltheorie und Neue Institutionen Ökonomie” haben was “erforscht” und bestätigen: “Danach sind Kulturprodukte – im Unterschied zu Industriegüter – keine Erfahrungsgüter, sondern Vertrauensgüter. Vielfach überascht auch, dass gerade die ökonomische Theorie die öffentliche Finanzierung von Kultur wirtschaftlich begründen kann.” Was machen affirmative Theorien sonst, wenn nicht begründen, was sie erforschen sollen – oder? Ach, ich bin ganz durcheinander … das viele Kreative ist mir zu Kopf gestiegen. Oder doch in den Körper …?

Alles Kreativ, oder was? Wohl eher alles Machtspiele, Distinktionskämpfe und halbgares Popökonomisieren! Ach, Karl, lass analytischen und kreativen Verstand regnen …

Der Beitrag wurde am Donnerstag, den 16. Juli 2009 von critiska veröffentlicht. Die Kommentare zu diesem Eintrag lassen sich durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können den Beitrag kommentieren, oder einen Trackback auf ihrer Seite einrichten. Der Beitrag wurde folgenden Themen zugeordnet: , , , , , , .

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  1. Christoph Mandl

    19.07.2009 | 20:02

    Bei dem Begriff “kreative Klasse” handelt es sich in erster Linie um die Übersetzung einer eingetragenen Marke (http://www.google.at/search?q=creative+class&ie=utf-8&oe=utf-8&aq=t&rls=org.mozilla:de:official&client=firefox-a) von Richard Florida, Ökonom und Unternehmer. Und nein, Angst muss man tatsächlich keine haben. Nicht vor Eklektizismus noch vor dem Absprechen von Gewinnerzielungsabsichten, die weitgehend gegeben sind – sei es beim Malerfürsten oder der Agentur-Holding. Angst sollte man nur vor Begriffen wie “Kreativindustrie” haben. Diese suggerieren Innovation nach fordistischem Modell, sind also unter der Kategorie “Oximoron” abzulegen (und zu vergessen).

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