von Elena, 7.08.2009

“Slow blogging” soll ja ein Trend sein – so waberte es zumindest vor einigen Monaten durch die Blogosphäre. In diesem Sinne folgt jetzt ein Beitrag zu einer Fundsache aus dem November 2008. Sie passt zur Debatte um engagierte Wissenschaft, die wir im und um den gleichnamigen Verein führen.

Engagierte Wissenschaft, das heißt ja auch: als Wissenschaftler_in und als Person Stellung zu beziehen. Damit setzt man sich dem Verdacht aus, voreingenommen zu sein. Zur engagierten Wissenschaft gehört mithin auch akademische Lehre.

Joanna Walters berichtete im Guardian im November 2008 über neue Studien, die konservative Indoktrinierungsängste widerlegen:

Fresh research carried out in the US on America’s universities has produced results purporting to show that students’ politics are not formed by their tutors. Although American universities are indeed stuffed full of liberal and social democratic faculty, they do not try to turn their students into lefties, say the authors.

The new claims attempt to assuage the suspicions of conservatives – including many parents and politicians – who have long complained of brainwashing and bias on campus, even setting up bodies to monitor and expose alleged offenders.

Dabei ist es einer Studie zweier Politolog_innen (Woessner und Kelly-Woessner) zufolge auch nicht nötig, die eigene (politische) Meinung zu verstecken:

The authors do not deny that the majority of academics are left of centre, and that many of them reveal their politics to students. “But that is different from indoctrinating them with it,” says Kelly-Woessner, who works at nearby Elizabethtown College in Pennsylvania.

Die politische Einstellung sei meist zu Beginn des Studiums schon recht gefestigt (Fritschler/Mayer/Smith; Mariani/Hewitt). Sofern sich die politische Einstellung während des Studiums änderte, seien den Studien zufolge eher Interaktionen mit den Kommiliton_innen (Woessner/Kelly-Woessner) oder andere Faktoren wie Gender und sozioökonomischem Status (Mariani/Hewitt) ausschlaggebend.

Eine den USA vergleichbare Angst vor Gehirnwäsche und entsprechende Hexenjagden, wie sie im zitierten Artikel beschrieben werden, hören sich für hiesige Verhältnisse fremd an. Völlig irrelevant sind die Ergebnisse für unsere Debatte jedoch nicht. Für engagierte Wissenschaft bedeuten solche Ergebnisse meiner Ansicht nach: In wissenschaftlichen Auseinandersetzungen, auch in der Lehre, ist die Qualität der Argumentation ausschlaggebend. Den Gesprächspartner_innen ist zuzumuten, zwischen Argument und politischem “Bekenntnis” zu differenzieren und sich ihre eigene Meinung zu bilden. Also keine Angst vor kontroversen Themen, keine Angst vor politischen Statements, keine Angst vor engagierter Wissenschaft. Denn:

The twist, points out Fritschler, is that fears of being accused of indoctrination have led to a disengagement from civic and political affairs and discouragement of debate. The problem now, he fears, is: “Not too much politics, but too little.”

Literatur:

Mariani, Mack D./Hewitt, Gordon J. (2008): “Indoctrination U.? Faculty Ideology and Changes in Student Political Orientation”, in: PS: Political Science & Politics (2008), 41 (4):773-783

Smith, Bruce L.R./Mayer, Jeremy D./Fritschler, A.Lee (2008): Closed Minds? Politics and Ideology in American Universities, Brookings Institution Press

Woessner, Matthew/Kelly-Woessner, April (2009): “I Think My Professor is a Democrat. Considering Whether Students Recognize and React to Faculty Politics“, in: PS: Political Science & Politics (2009), 42 (2):343-352

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