von elb, 12.09.2009

“Weltmeisterin Semenya ein Zwitter?” steht am 11.9. auf dem GMX-Portal. Wer auf den Link klickt, erhält sogleich die Antwort: “Zeitung enthüllt: Leichtathletik-Weltmeisterin Caster Semenya ist ein Zwitter.”

Unmengen Artikel wurden über die 18-Jährige Mittelstreckenläuferin Caster Semenya und ihre sexuelle Identität geschrieben und ich will hier nur eine kleine Zusammenschau bieten. Besonders geht es dabei um die Sprache, die verwendet wird. Die Bezeichnung von Caster Semenya als “Zwitter” ist nur die Spitze des Eisbergs.

Die Irritation begann gleich am Tag von Caster Semenyas Sieg über 800 Meter bei der Leichtathletik-WM in Berlin. Da war ein Mann im Fernsehen, der sagte, es würden “gender determination tests” an Semenya durchgeführt, die chromosomale, gynäkologische und hormonelle Tests ebenso beinhalteten wie psychologische Tests und Röntgenaufnahmen. Für mich als aufmerksame Wikipedia-Leserin* erschloss sich nicht, warum zur Bestimmung des “’sozialen’ oder ‘psychologischen’ Geschlechts” nach innenliegenden Geschlechtsorganen oder hohen Testosteronwerten gefahndet werden müsse. Man könnte Caster Semenya einfach fragen und hey, wer weiß, vielleicht wäre ja ihre Teilnahme am Wettbewerb für Frauen ein kleines Indiz. Diesem Mann im Fernsehen ging es selbstverständlich nicht um “gender”, sondern um “sex”. Zur Disposition stand das biologische Geschlecht Caster Semenyas, verbunden mit der Vorstellung, dieses ließe sich immerhin dahingehend eindeutig determinieren, dass als Frau nur zu gelten habe, wer “ausschließlich” Frau sei. Also mit Uterus, ohne Hoden, mit “normalen” Testosteronwerten.

Dass “Gender” für viele nichts anderes ist als ein irgendwie höflicheres oder moderneres Wort für “Geschlecht”, wird nicht nur daran deutlich. Dass dieses soziale Geschlecht nur als männlich oder weiblich denkbar sei, sagt uns jeder Fragebogen. Aber das am Rande. Es soll hier um den “Fall” Caster Semenya gehen.

Also zurück zur Berichterstattung. Nach diesem Abend in Berlin ging es (wieder auf GMX) so los:

Seit gestern Abend rätseln die Sportfans: Ist Caster Semenya – frischgebackene Leichtathletik-Weltmeisterin – wirklich eine Frau?

Die Boulevardpresse titelt ähnlich: “Ist diese Weltmeisterin ein Mann?” (BILD), “Prove You Are Not A Boy!” (ein südafrikanisches Boulevardblatt, das leider namenlos bleibt: Titelbild hier), etc.

Die taz macht einen Artikel, der sich später durchaus kritisch mit der Frage der Eindeutigkeit des biologischen Geschlechts auseinandersetzt, dann doch lieber wie folgt auf:

Es müssen nicht immer Dopingmittel sein, mit denen sich Athleten einen Vorteil verschaffen. Manchmal rennt eine Sie einfach nur schnell, weil sie ein Er ist.

Das klingt so, als hätte Caster Semenya sich absichtlich einen Vorteil verschafft, als hätte sie betrogen. So etwas geschehe, staatlich begünstigt, “vor allem in Entwicklungsländern”, so IAAF-Mitglied Digel in der Süddeutschen Zeitung. Das ganze Bohei hat also auch etwas damit zu tun, dass Semenya aus Südafrika kommt – und, wie hier auf TransGriot und elaborierter auf feministe ausgeführt, auch damit, dass sie Schwarz ist. Ganz nebenbei: Semenya ist zwar sehr schnell gelaufen und hat eine Jahresbestzeit hingelegt. Diese liegt aber noch deutlich (mehr als 2 Sekunden) über dem aktuellen Weltrekord der Frauen.

Der erste Artikel auf feministing dazu kritisiert die Sprache der unterlegenen Läuferinnen. “These kinds of people should not run with us”, habe die Sechstplatzierte gesagt. Auf die Spitze treibt es die bekannte britische Feministin Germaine Greer im Guardian. In ihrem Artikel zum Thema schreibt sie, dass Transmenschen (nebenbei: darum geht es hier ja gar nicht) an Wahnvorstellungen leiden:

Nowadays we are all likely to meet people who think they are women, have women’s names, and feminine clothes and lots of eyeshadow, who seem to us to be some kind of ghastly parody, though it isn’t polite to say so. We pretend that all the people passing for female really are. Other delusions may be challenged, but not a man’s delusion that he is female.

Hier ein Artikel auf the f-word, der Greers etwas widersprüchlichen Artikel kritisch kommentiert.

Und was machen Frauen, die angeblich nicht weiblich genug aussehen? Richtig, sie bekommen ein Makeover (siehe auch hier und hier).

Nun also sind inoffizielle Ergebnisse im Umlauf und unter anderem GMX und die Welt entscheiden sich für die Bezeichnung “Zwitter”. Diese ist bezogen auf Menschen nicht (mehr) besonders gebräuchlich und außerdem unzutreffend – selbst im o.g. taz-Artikel steht, dass “echte Zwitter” beim Menschen selten seien. Gemeint sind hier Menschen mit “männlichen” und “weiblichen” äußeren Geschlechtsorganen, ein Phänomen, das auch als Hermaphroditismus bezeichnet wird/wurde. Für die Situation, die in Bezug auf Semenya behauptet wird – eine “Nichtübereinstimmung” innerer und äußerer Geschlechtsorgane – wäre der Begriff Intersexualität korrekter und geläufiger.

Dass sich nicht alle Menschen den Idealtypen “Mann” und “Frau” zuordnen lassen, ist längst bekannt. Dennoch wird an der Binarität festgehalten, wie dieses Beispiel aus o.g. Welt-Artikel zeigt:

„Manchmal ist die Bestimmung des Geschlechts eine willkürliche Festlegung im großen Kontinuum zwischen männlich und weiblich“, warnt der Hormonexperte Martin Bidlingmaier von der Ludwig-Maximilians-Universität München, „es gibt etliche Frauen, die nach wissenschaftlichen Kriterien eigentlich Männer sind.“

Ungefährlich sind solche Tests und Zuordnungsversuche auch bei erwachsenen Menschen nicht. Die indische Mittel- und Langstreckenläuferin Santhi Soundarajan unternahm einen Selbstmordversuch, nachdem ihre Chromosomen als männlich identifiziert wurden.

Hier noch ein guter zusammenfassender Artikel auf The Root.

* (man denke sich ein Augenzwinkern dazu)

Der Beitrag wurde am Samstag, den 12. September 2009 von elb veröffentlicht. Die Kommentare zu diesem Eintrag lassen sich durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können den Beitrag kommentieren, oder einen Trackback auf ihrer Seite einrichten. Der Beitrag wurde folgenden Themen zugeordnet: , , .

.: Kommentare

Nutzungsbedingungen

Bisher gibt es keine Kommentare zu diesem Artikel.

Kommentar verfassen:

Name (erforderlich)

Email (erforderlich)

Webseite