von critiska, 21.09.2009

Dass “Fett” ekelig ist, z.B. wenn es aus der Pfanne spritzt und unsere Lieblingsklamotten versaut, das kommt uns ab und zu als vertrautes Ereignis vor. Es ist eben nicht wie Wasser einfach entfernbar.

Manchmal nervt es Menschen sogar an ihren Körpern. Einige finden “Fett” vielleicht sogar überhaupt nicht normal an und im Menschen, sondern sogar pervers, extrem, oder in einer ähnlichen Art und Weise als deviant (nicht normal) klassifiziert. Das ist ein eventuell recht vertrauter Diskurs. Und den muss Mensch auch nicht mögen.

Allerdings wird es mir zur Zeit gesellschaftlich etwas zu ungemütlich, wenn ich immer mal wieder über Menschen lesen muss, die sich als “Fett” bezeichnen und dann noch sagen, dass das nicht mehr so weiter geht – und zwar nicht (allein) individuell, sondern das gleich auf die ganze Gesellschaft als Reformprojekt übertragen wollen. Das heisst: Dick sein ist doof – Abnehmen die Devise! Und “wir” sollen daraus auch unsere Lehren ziehen. Aha, das erzeugt das Aufstellen der Nackenhaare zur “Standing ovation” … Dazu folgendes Beispiel, dass ich in der Frankfurter Rundschau lesen durfe.

Zuletzt durften wir so einen Diskurs also bei Reiner (“Calli”) Calmund bewundern, der in der Frankfurter Rundschau (v. 18.8.09) dazu befragt wurde, warum er denn in einer Fernseh-Show öffentlich abnimmt.

Wer ist Reiner Calmund, werden eventuell einiger Leute (zurecht!) fragen? Dass ist mal ein Fussball-Manager des Vereins Bayer 04 Leverkusen gewesen, also für die Nicht-Fussball-Interessierten nicht wirklich eine relevante Person.

Wie auch immer: Fett ist out und muss weg. Sonst … kommt “Iron Calli” oder die Gesellschafts-Absaug-Polizei, die sich um ihre Bevölkerung und ihre zu dicken Subjekte kümmern wird.

Dazu das erste passenden Zitate aus dem Interview mit “Calli”:


“FR: Woher kommt diese Maßlosigkeit?

R.C.: Ich komme aus ganz, ganz einfachen  Verhältnissen. Bei uns zu
Hause hing der Brotkorb hoch. Wenn meine Eltern bei der Arbeit waren, habe ich gekocht – hauptsächlich in der Abteilung: Patisserie und Pudding.”

Maßlosigkeit, wartet mal, ach ja, da war doch mal was – genau, die Maßlosigkeit ist auch eine Todsünde, die schon in der Bibel erwähnt wurde. Na dann, am…, ähh, ist ja alles klar: Denn die Bibel als transgeschichtliches Metawissen hat natürlich immer (noch) recht, oder?!

Der passende Kritik-Artikel zum “Fett-Diskurs” und der Maßlosigkeit der vermeintlichen “Unterschicht” steht übrigens in dem Buch “Von ‘Neuer Unterschicht’ und Prekariat” und ist von Eske Wollrad geschrieben worden.

Unter dem Titel “WHITE TRASH – DAS RASSIFIZIERTE „PREKARIAT“ IM POSTKOLONIALEN DEUTSCHLAND” schreibt Wollrad zu unserem Thema:

“Ausschließungssysteme bilden notwendige Voraussetzungen für das
Funktionieren einer Gesellschaft und arbeiten mit Dichotomisierungen:
oben – unten, reich – arm, männlich – weiblich, Weiß – Schwarz, legal –
illegal, gesund – krank (Foucault 1976: 57).”

In unserem Fall ist es der kranke, fette weiße Mensch, der sich gefälligst wieder “normal” verkörpern soll. Calli ist dafür die beispielhafte Materialisierung und das Symbol des “kranken” bzw. nicht ganz gesunden Subjektes.

Wollrad weiter:

“Imaginationen des Prekariats sind vielfach skandalisiert worden –
auch in der Wissenschaft. So spricht der Historiker Paul Nolte von der
neuen Unterschicht, in der sich gleichgültige und verkommene Lebensarten
ausgebildet haben, in denen „Vernachlässigung, Verwahrlosung,
im Extremfall Gewalt“ (Nolte 2006: 99) herrschen. Was diese neue Unterschicht
kennzeichnet, ist nach Nolte vor allem das Defizitäre: Ernährungsdefizite,
Bewegungsmangel, Sprachdefizite und Bildungsrückstände,
dagegen besteht ein Übermaß an Fernseh- und Handykonsum
(vgl. Kessel 2005), wobei diese Gruppe das sog. „Unterschichtsfernsehen“
(RTL und SAT.1) (Nolte 2004: 42) favorisiert.
Diese Defizite werden diskursiv mit moralisch ethischen Defiziten
verkoppelt, anschaulich verdichtet auch in den Medien. Im Heft GEO
Wissen 2005 zum Thema „Sünde und Moral“ werden u. a. die sieben
Todsünden in einer Fotostrecke thematisiert: Die vierte Todsünde wird
„soziale Verwahrlosung“ genannt:

„Soziale Verwahrlosung – diese Trägheit des Herzens – gibt es in allen Gesellschaftsschichten.
Auffällig wird sie aber nur dort, wo sich innere Lieblosigkeit
und äußere Wurstigkeit vereinen. Im so genannten white trash, der heruntergekommenen
Lebensart eines Teils der Unterschicht, ergeben sie eine unansehnliche
Melange: Menschen, die seelisch erkalten und unempfänglich werden
für Signale jeglicher Art.“ (GEO Wissen 2005).

Das Bild zeigt eine Weiße Frau und einen Weißen Mann, die auf einem
Sofa eine unansehnliche Mahlzeit zu sich nehmen. Beide sind leicht bekleidet,
ihre Kleidung weist Flecken auf, und die Frau ist deutlich übergewichtig.
Beide starren vor sich hin, zwischen ihnen sitzen ein Hund
und eine Katze. Diese Bebilderung inszeniert nicht Armut, sondern
„Verkommenheit“ und Schmutz, nicht Hunger, sondern abstossende Sättigung,
welche in Fettleibigkeit mündet. Der White trash wird als Abschaum
der Gesellschaft imaginiert, als wertloser Weißer Abfall, weil es
ihm am Menschlichen, an Seele und an der Fähigkeit zu empfinden
mangelt.”

Bei Calmund ist es nicht diese “Verkommenheit”, sonder “nur” der zu große, zu raumgreifende Körper, der ein Problem darstellt. (In dem Interview gibt es in der Mitte ein großes Bild von “Calli” mit dem T-Shirt zur Show auf seinem zum Problem gemachten Körperteil.) Calli ist deshalb nicht “white trash”, weil er noch an sich glaubt, weil er sich noch als menschliches Wesen sieht und sich empfindet – als zu dick.

Er hat (noch) nicht aufgegeben. Und, nicht zuletzt, er hat überhaupt die Möglichkeit, sich selbst zu inszenieren (bzw. sich inszenieren zu lassen). Denn “Calli” ist nicht “Unterschicht”, sondern ein Promi im Zirkuszelt der Kulturindustrie, irgendwo zwischen Privatfernsehen, Fußball-Industriellem-Komplex und dem Gesellschaftsspiel um eine gesunde Gesellschaft. Brot-und Spiele halt.

Und meine These: Er ist quasi die Anrufung an den White Trash, bzw. genau die Leute, die kurz davor stehen, zu ihm, zum “abgehängten Prekariat” zu werden. Er sagt stellvertretend: Leute – Lasst euch nicht hängen! Kämpft! Seid mutig! Nehmt ab um euer Leben! Und tut dies auch für “uns” alle. Es geht um das (Über-)Leben unserer Gesellschaft und unser Gesundheitssysteme!

Unglaublich, dieses Regieren über Fett …

Hier noch weitere Auszüge aus dem Interview:

“FR: Wieso soll eine Diät ausgerechnet im Fernsehen funktionieren?

R.C.: Du stehst stärker unter Druck, wenn du weißt: Nächste Woche steigst du bei Stern-TV beim Jauch auf die Waage, du musst bei Twitter Rede und Antwort stehen. Außerdem hat mir das Fernsehen eine Ernährungsberaterin zur Seite gestellt, und ihr Rat zu Trennkost hat sich bewährt. Ich musste nicht mal hungern. Wenn Du dich mit einer Nulldiät ins Krankenhaus legst, nimmst du natürlich schneller ab, als wenn du intensiv trainierst. Wenn ich jeden Tag zehn Kilometer walke oder 30 Kilometer radele, baue ich Muskeln
auf. Der Speck wird sozusagen in Muskeln umgewandelt. Die wiegen natürlich was. Aber ich schaffe das schon noch. Ich bin jetzt bei 28 Kilo weniger.

FR: War es Ihnen nicht peinlich, sich so fürs Fernsehen zu entblößen?

R.C.: Was mir nicht gefallen hat, ist die Szene, in der ich mit nacktem Oberkörper meinen EKG-Belastungstest mache. Ich sehe aus wie ein weißer Wal, der abgehauen ist. Aber eine Doku ist kein Wunschkonzert. Im richtigen Leben lege ich mich nicht mit nacktem Oberkörper an den Strand. Ein bisschen eitel bin auch ich.

FR: Haben Sie jemals ans Fettabsaugen gedacht?

R. C.: Nee, ich habe mich mal beraten lassen, ob man sich die Fettschürze wegmachen lassen kann. Aber das war mir unheimlich. Einige meiner Kumpels haben sich erfolgreich ein Magenband einsetzen lassen, aber die hatten danach keinen richtigen Appetit mehr. Für mich wäre das nur der letzte Ausweg.

FR: Lieber geben Sie sich im TV dem Spott preis: Was ist Ihr größter Antrieb beim Abnehmen?

R.C.: Die Angst vorm Sterben. Wenn man älter wird, schlagen die Bomben näher ein. Da verliert man Freunde. Ich habe fünf Kinder, drei Enkelkinder, eine junge Frau. Meine medizinischen Werte waren zwar gut, aber was nützt es dir, wenn du abends mit dem Bambusknüppel einen bekommst, und dann liegst du neben der Spur?

Interview: Antje Hildebrandt”

Ach ja, die Bomben … wie schön, noch eine Kriegsmetapher zum Abschlussgebet. Also eher altes Testament. Hätte ich mir ja denken können. Nichts mit andere Wange hinhalten … die ist sich schon dünn trainiert. Na dann: gute Nacht …

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.: Kommentare

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  1. grenwi

    24.09.2009 | 21:39

    Dazu passt, dass US-Forscher kürzlich medienwirksam veröffentlichten, dass Fettleibigkeit zu Hirnschwund führe: http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,645113,00.html

    Das ist zumindest, was der Spiegel aus der Studie als implizites Ergebnis präpariert. Dicke sind also nicht nur zur Unterschicht verdammt, weil sie dick sind. Stattdessen kommt alles Schlimme zusammen, da die Forschung nun auch beweisen konnte, dass Dicke tendenziell dümmer sind.

  2. ?

    1.10.2009 | 10:57

    … es scheint mit dem Dicksein also ein Teufelskreis zu sein. Sichtbares Fettgewebe am Körper (außer natürlich, wohl dosiert, in weiblichen Brüsten) gilt nicht nur als hässlich, sondern auch als selbst verschuldet – ein Indiz für die falschen Prioritäten, für mangelnde Disziplin, mangelnde Selbst-Regierung. Das kann schließlich nur passieren, wenn man zuviel oder falsch isst, sich zu wenig bewegt, zu wenig auf sich achtet. Das ist dumm, also ist, wer dick ist, dumm – und wird, wie grenwi oben zeigt, noch dümmer. Oh je.
    Menschen mit Körperfett taugen daher nicht zum Vorbild – es sei denn, sie begreifen das Problem und nehmen ab, um dann zum Ex-Fett-Vorbild werden zu können. Vielleicht ist es deswegen üblich, dass Magazincover immer mit Photoshop “verschönert” werden. Wie im Fall von Kelly Clarkson – hier Artikel dazu auf Body Impolitic und feministing. Die Sängerin gilt als dick, beschreibt aber im Interview zur Fotosession, dass sie mit ihrem Körper auch so zufrieden ist (zumindest manchmal) – aber die Fotos werden so retuschiert, dass sie dünn aussieht. Deswegen gilt es als total subversiv, wenn Zeitschriften nicht retuschierte Fotos veröffentlichen (Glamour macht damit nach einer guten Erfahrung sogar richtig Werbung). Mit dem Nebeneffekt, dass nochmal subtil darauf verwiesen wird, dass Kleidergröße 38 schon ziemlich riesig ist. Und wer eine neue Zeitschrift weltweit bekannt machen will, druckt am besten vorne Beth Ditto ohne Klamotten drauf (ich bewundere Beth Ditto auch, aber möchte mal den Beitrag über sie lesen, in dem NICHT betont wird, wie dick sie ist, und wünsche mir eine Welt, in der ein Foto einer dicken Künstlerin nicht wochenlang für Gesprächsstoff sorgt).
    Und so toll “reclaiming” auch ist, und so wichtig ich “fat acceptance” finde: ich möchte, dass es möglich ist, sich wohl zu fühlen, ohne eine Diät zu machen UND ohne sich als “fett und selbstbewusst” zu definieren. Das scheinen gerade die einzigen beiden Möglichkeiten zu sein – und es ist ja schon toll, dass es zwei gibt und nicht mehr bloß eine. Trotzdem zum Kotzen. An dieser Stelle also ausnahmsweise mal ein Plädoyer für eine “starke Mitte” (im doppelten Sinne)!
     

  3. Frdws.Net

    30.10.2015 | 06:51

    Frdws.Net…

    .: Diffusionen.de | Das Fett regieren?…

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