von critiska, 23.10.2009

demokratie und erziehung. so sollte es wohl sein. so gehört es sich doch, oder? nicht demokratie gegen erziehung. das ist doch unsinn. das ist doch nicht normal.

es heisst doch: erziehung zur mündigkeit. erziehung zum gemeinwesenorientierten wesen. zum demokratischen staatsbürger. bzw. zur staatsbürgerin mit und ohne uniform. die formierung des demokraten und der demokratin als ziel und mittel zum zweck. der entwicklung und etablierung des homo demokraticus.

wenn es so einfach wäre. dann wären die wahlbeteiligungen bei ca. 100 %. Dann wären die Parteien in der Lage, ihre Mitglieder selber auszuwählen – vielleicht sogar in politisch-ideologischen assessment-centern. naja, wir wollen auch nicht übertreiben. aber es gäbe eine kultur des demokratischen und eine demokratische kultur, die nicht ihre kinder frist. Und die schon gar nicht diesen kindern die revolutionären demokratieideen einbimsen müsste. so ist es, leider, ein trauerspiel, getränkt in melancholie, begleitet von musik im moll.

der titel dieses textes wiederum verweist auf eine idee, die john dewey in den diskurs gebracht hat. eins seiner bücher heisst “democracy and education”. die idee von dewey fusst auf dem fundament, die mit dem begriffspaar “demokratie als lebensform” seine inhaltliche füllung erhält (vgl. u. a. folgenden text von gerhard himmelmann). damit ist verbunden, alle bereichen des lebens – öffentlich und privat – zu einem demokratischen raum zu machen. d.h.: demokratie ist eine selbstverständlichkeit in allen alltagslagen. eine große vision, ich weiss. aber auch eine bedenkenswerte und praktikable idee, wie ich finde.

demokratie im 21. jahrhundert?

demokratie im 21. jahrhundert – so ist eine konferenz überschrieben, die vom 22.-24.10.09 in leipzig ihren raum erhalten hat. diese konferenz wiederum korrespondiert allerdings wenig bis gar nicht mit der idee von demokratie und erziehung, die john dewey vertreten hat.

nähmen wir dewey ernst – was ich in diesem fall möchte – dann ist allein die konferenzentwicklung schon kein demokratischer prozess. denn die stadt leipzig hat diese, unter der projektleitung von dr. georg girardet, dem ehemaligen leipziger bürgermeister für kultur, an eine gruppe von menschen delegiert, die nicht demokratisch opperiert, noch demokratisch gewählt und unterstützt worden ist. das könnten wir noch unter “diese gruppe ist ja im auftrag der gewählten vertreter_innen vom oberbürgermeister bis zu den stadtratsmitgliedern eingesetzt worden – also zumindest indirekt gewählt worden” als sekundäre form des demokratischen abtun bzw. zu einer nichtigkeit stilisieren.

aber die konferenz selber funktioniert so: alte “männer” (und drei “frauen”) reden über demokratie. und das publikum hört zu. fragen sind wenig bis gar nicht erlaubt, zumindest nicht im offiziellen teil. allein am ersten tag haben uns dafür sechs menschen erzählt, was demokratie für sie ist bzw. nicht ist. das ist schön, aber nicht demokratisch im sinne von dewey. der wissende lehrmeister – manchmal auch als lehrmeisterin – der dort auftritt, trifft keine alltags, noch begegnet er menschen in einer gleich(berechtigt)en art und weise. er tritt vom pult uns autoritär und belehrend gegenüber. es war und ist ermüdend, langweilig, uninspirierend. selbst provokationen a la graf von kielmannsegg, der die monokausale platitüde aufstellt, dass nur demokratie und kapitalismus miteinander liiert sein dürfen, verhallen im raum dumpfen strukturkonservatismus. john dewey, warum warst du nicht hier …

ach ja, und ein weiterer wichtiger punkt ist die dichte sozialen und vor allem kulturellen kapitals, die zum sprechen berechtigt – also die wichtigkeit der referent_innen qua status. alle referent_innen haben einen professor_innentitel und/oder sind minister (a.d.) oder andere hyperwichtige politikgrößen. ein trauerspiel des demokratische abgesangs. alle reden vom “volk”, nur wo bleibt die gesellschaft bei so viel elitären verhebungen.

auf die spitze wird die ironie des demokratischen getrieben, wenn wir uns anschauen, wann “die jugend” eingreifen darf. sie wird seperat behandelt. wahrscheinlich, um sie vor sich und den anderen zu schützen. oder, genau, um sie herrschaftsfrei diskutieren zu lassen. denn, am dritten tag, dem 24.10.09, darf sie – endlich in (inter)aktiven workshops – ihre meinungen abgeben. und: immerhin darf sie auch vorher teilnehmen an der konferenz und ihrem rahmenprogramm. und das sogar kostenlos inklusive verpflegung, unterkunft und fahrtkosten. immerhin, und das essen und trinken ist reichlich, fast paradisisch überüppig.

aber warum trennen wir die representant_innen des demokratischen von den demokrat_innen, die wie kinder im garten der vernunft spielen, sich austauschen und sich entwickeln dürfen. ist das demokratie? ist das eine demokratische praxis nach dewey?

wo ist sie geblieben, die vision vom demokratischen als die verschiedensten formen und inhalte alltäglicher as.soziationen. wo sind sie geblieben, die räume, die träume, die räusche, die exzesse, , die idiotenfeste, die extasen des demokratischen? die experimente, die risiken, die (un)denkbaren ideen und ideale einer anderen,  besseren welt? in dieser konferenz kamen sie – wenn überhaupt – nur am rande vor.

tja, und damit bleibt mindestens eine frage – für die zukünfte – im raum: is this conference that idealtyp, how democracy looks like? or can we move on beyond this? dewey, übernehmen sie bitte!

Der Beitrag wurde am Freitag, den 23. Oktober 2009 von critiska veröffentlicht. Die Kommentare zu diesem Eintrag lassen sich durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können den Beitrag kommentieren, oder einen Trackback auf ihrer Seite einrichten.

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