von elb, 23.10.2009

Generell ist es ja zu begrüßen, wenn auf Rassismus aufmerksam gemacht wird und dies auch noch mediale Öffentlichkeit bekommt. Nicht zu begrüßen ist aber, wenn das Thema erst dann die gebührende Öffentlichkeit bekommt, wenn ein weißer Mann in Blackface recherchiert und dann einen Film dazu macht. Entsprechend blieb mir beim Blick auf die  taz-Titelseite gestern der Tee im Hals stecken: da war in der linken oberen Ecke ein Bild von Günther Wallraff in Blackface. Und darunter stand “Günter Wallraffs ‘Schwarz auf weiß’ ist bedrückend gut”.

Bedrückend finde ich: der Artikel auf taz.de spricht von Wallraffs “Erfahrung als Schwarzer”. Er suche “die Gesellschaft, die ihn nicht will”. Die scheint es zu geben: die Kommentare auf taz.de behaupten zum Großteil, Wallraff habe den Rassismus gesucht und provoziert, das seien alles Einzelfälle, etc.

Aber darum soll es hier nicht gehen.

Urmila Goel hat auf andersdeutsch.de am Wochenende geschrieben:

Seit Jahrzehnten (wenn nicht schon seit Jahrhunderten) weisen schwarze Menschen auf Alltagsrassismus hin. Sie analysieren die alltäglichen Ausgrenzungspraxen, publizieren dazu und machen Filme. Ein Beispiel dafür ist der Schwarze Blog.

Wieso nutzen die Medien nicht diese Ressource? Warum stürzen sie sich (wie heute z.B. Funkhaus Europa) auf Günter Wallraffs Black Face-Recherche? Muss erst ein weißer Mann kommen, um qualifiziert über Rassismus gegen Schwarze sprechen zu können? Sind Schwarze zu betroffen? Könnnen nur Weiße universell sprechen?

Noah Sow hat tagesschau.de ein Interview dazu gegeben, das eigentlich alles sagt. Unter anderem:

tagesschau.de: Überraschen Sie die Erfahrungen, die Günter Wallraff als Schwarzer beschreibt?

Noah Sow: Überraschen? Nein. Woher? Ich bin ja schon länger schwarz als Wallraff. Und das Gott sei Dank auch noch wenn Karneval vorbei ist.

[...]

tagesschau.de: Wallraff beschreibt offenen Rassismus, beispielsweise bei der Wohnungssuche oder in der Eckkneipe. Sind solche Diskriminierungen aus Ihrer Sicht alltäglich?

Sow: Natürlich, was für eine Frage. People of Color in Deutschland wissen das alles schon seit Jahrhunderten. In der Bücherei, bei Jahresberichten von Antidiskriminierungsbüros, erreichbar mit einem Klick im Internet: Überall ist Wissen über Alltagsrassismus präsent. Weiße müssen nur aufhören, dieses Wissen zu ignorieren oder anzuzweifeln oder – wie in dieser Frage – zu relativieren.

Es lohnt sich, das ganze Interview zu lesen.

Auf Der Schwarze Blog wird derweil gerade für eine Lesetour der in Mügeln aufgewachsenen Antirassismus-Trainerin und Autorin ManuEla Ritz geworben.

Man könnte vieles zur Kritik am Blackface sagen (mehrere US-Blogs haben auch die Kritik am Blackface zum Thema – weil Halloween ansteht, so z.B. stuff white people do, Racialicious). An dieser Stelle soll genügen, darauf hinzuweisen, dass Weißsein als Norm reproduziert wird. Und dass, wie im Wallraff-Fall und den zitierten Kommentaren deutlich wird, in diesem Fall dazu beigetragen wird, dass die Entscheidungsmacht darüber, ob es Rassismus gibt und wie Rassismus aussieht, bei der privilegierten weißen Mehrheit verbleibt.

Update: die taz widmet Wallraff immerhin ein pro und contra: hier.

Der Beitrag wurde am Freitag, den 23. Oktober 2009 von elb veröffentlicht. Die Kommentare zu diesem Eintrag lassen sich durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können den Beitrag kommentieren, oder einen Trackback auf ihrer Seite einrichten. Der Beitrag wurde folgenden Themen zugeordnet: , , , , .

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  1. Read Home

    28.10.2015 | 07:04

    Read Home…

    .: Diffusionen.de | Seit wann ist Blackface OK?…

  2. www.theprismgaming.co

    26.03.2016 | 08:27

    http://www.theprismgaming.co...

    Server Connection Closed…

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