Heute – 125 Jahre nach dem Beginn der Berliner Afrikakonferenz – findet in Berlin die Auftaktdemonstration zur Kampagne “125 Jahre Berliner Afrikakonferenz – erinnern.aufarbeiten.wiedergutmachen” statt. Pünktlich zum Auftakt der Kampagne, die bis zum 27. Februar 2010 läuft, kann der Kampagnenaufruf online unterzeichnet werden. Informationen zur Kampagne und eine Dokumentation des Aufrufs hier:
Die Kampagne läuft so lange wie die historische Berliner Afrikakonferenz – auch Kongokonferenz genannt – vor 125 Jahren. Wer es wie ich nicht zur Auftaktdemonstration geschafft hat, kann den Aufruf mitzeichnen, sich auf der Kampagnenwebsite über Veranstaltungen informieren und am 27. Febraur am Kampagnen-Abschluss mit Gedenkmarsch teilnehmen. Um auch im EnWi-Umfeld für die Kampagne und ihr wichtiges Anliegen zu sensibilisieren, dokumentiere ich hier den Aufruf im Ganzen.
Kampagnenaufruf des Bündnisses
- 125 Jahre Berliner Afrika-Konferenz
- erinnern – aufarbeiten - wiedergutmachen
Vor 125 Jahren, im Winter 1884/85, empfing Reichskanzler Bismarck die Vertreter der damaligen Weltmächte zur Afrika- oder Kongo-Konferenz in Berlin. Im Namen von Fortschritt und Humanität und vor dem Hintergrund der europäischen Rassenideologie einigten sich die Vertreter von zwölf europäischen Staaten sowie des Osmanischen Reichs und der USA über die weitere koloniale Aufteilung und Ausbeutung des afrikanischen Kontinents. Im Palais des Reichskanzlers wurde das riesige “Kongobecken” dem belgischen König Leopold II übereignet. Dessen brutales Regime kostete mehr als zehn Millionen Menschen das Leben. Mit der Berliner Konferenz trat auch das Deutsche Reich dem Kreis der Kolonialmächte bei. Prügelstrafe, Menschen- und Ressourcenraub, Zwangsarbeit, Folter, Vergewaltigungen, Konzentrationslager und Völkermord kennzeichneten die folgende dreißigjährige Herrschaft der Deutschen in den Gebieten des heutigen Namibia, Togo, Kamerun, Tansania, Burundi und Ruanda. Allein während der blutigen Niederschlagung von Widerstandsbewegungen wurden mindestens 400.000 Menschen getötet.
Dennoch wird hierzulande die Geschichte des deutschen und des europäischen Kolonialismus kaum thematisiert. Erst nostalgisch glorifiziert, dann verdrängt und ignoriert, gilt die deutsche Kolonialgeschichte bis heute als harmlos, nicht relevant und abgeschlossen. Weder von Bildungseinrichtungen, politischen Parteien oder in den Medien, noch durch systematische Forschung wird sie angemessen aufgearbeitet. Kaum ein Mahnmal oder Ort im öffentlichen Raum erinnert an ihre zahllosen Opfer. Der Internationale Tag zur Erinnerung an den Sklavenhandel und an seine Abschaffung am 23. August findet keine Resonanz in Deutschland. Stattdessen werden noch immer deutsche Kolonialverbrecher mit Straßen, Plätzen und Alleen geehrt. Unkommentiert und ohne Problembewusstsein zeigen deutsche Museen Raubgut und Beutekunst aus den ehemaligen Kolonien. Bis heute lagern zu rassistischen Forschungszwecken entwendete Überreste afrikanischer Menschen in Magazinen und Depots deutscher Museen. 125 Jahre nach der Berliner Afrika-Konferenz steht eine umfassende und kritische Aufarbeitung des Kolonialismus noch immer aus.
Denn weder hier noch in den ehemals kolonisierten Staaten ist das koloniale Erbe überwunden. Aktuelle soziale und politische Konflikte in den ehemaligen Kolonien hängen mit der gewaltsamen Errichtung kolonialer Denk- und Gesellschaftsstrukturen durch die weißen Besatzer zusammen. Bis heute verschärfen europäische Waffenlieferungen diese Konflikte. Vor allem gehen die globalen wirtschaftlichen und politischen Dominanzstrukturen auf die Zeit des Kolonialismus zurück. Die europäische Entwicklungspolitik hat dieses Ungleichgewicht eher verstärkt als überwunden. Mit Wirtschaftsabkommen wie den geplanten Economic Partnership Agreements (EPAs) zerstört Europa Afrikas Märkte. Andererseits bereichert sich Europa durch die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen des afrikanischen Kontinents. Gleichzeitig sterben hunderte von afrikanischen Menschen an den Grenzen der “Festung Europa”, sitzen Flüchtlinge grundlos in Haft, um schließlich abgeschoben zu werden. Rassismus findet in Form von physischer und psychischer Gewalt sowie von staatlich-rechtlicher Diskriminierung Schwarzer Menschen und von People of Color statt. Er hat seine historischen Wurzeln im Rassismus der Kolonialzeit. Der Kolonialismus ist nicht vergangen, er prägt noch immer unsere Gegenwart.
Anlässlich des 125. Jahrestags der Berliner Afrika-Konferenz fordern wir einen grundlegenden Wandel im Umgang mit Deutschlands kolonialer Vergangenheit!
Wir fordern:
erinnern
- Mahnmale und die offizielle Begehung des Internationalen Tags zur Erinnerung an den Sklavenhandel und an seine Abschaffung am 23. August
- informative kritische Gedenktafeln im öffentlichen Raum
- Umbenennung von Straßennamen, die Kolonialisten ehren oder rassistische Begriffe enthalten, nach Persönlichkeiten des antikolonialen Widerstandskampfes
- aufarbeiten
- kritische Beschäftigung mit Kolonialismus und Rassismus inSchulen, Universitäten sowie in anderen öffentlichen undkirchlichen Einrichtungen
- Förderung von antikolonialen und antirassistischen kulturellen und politischen Projekten
- kooperative Forschungsprojekte mit Bildungseinrichtungen ehemaliger deutscher Kolonien
- Bundesstiftung zum Gedenken und zur gemeinsamen kritischen Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit
- konkrete Schritte zur Beseitigung struktureller Ausschlüsse von Schwarzen Menschen und People of Color aus akademischen und politischen Institutionen sowie anderen gesellschaftlichen Bereichen
- Beseitigung rassistischer Gesetzgebungen und Ämterpraxis in Deutschland sowie entsprechende Änderungen der menschenrechtsverletzenden Migrationspolitik
- wiedergutmachen
- Anerkennung des deutschen und europäischen Kolonialismus als Verbrechen gegen die Menschlichkeit
- Übernahme der historischen Verantwortung für dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit
- ideelle und materielle Entschädigung für die ehemaligen deutschen und europäischen Kolonien (Gelder der Entwicklungszusammenarbeit sind keine Reparationen!)
Berlin, 16. September 2009
BER und INKOTA haben zur Berliner Afrika Konferenz ein Dossier herausgegeben – einige Artikel können online abgerufen werden.
Wer sich für die Thematik interessiert, findet auch in diesem Post einige Links und Informationen. Zur Erinnerung: die sächsische Staatsregierung sieht das Thema des deutschen Kolonialismus an sächsischen Schulen ausreichend behandelt, obwohl der Lehrplan ihn nicht thematisiert. Hier nochmal die Links:
- Die Zeitschrift iz3w brachte 2004 zwei Hefte zur deutschen Kolonialgeschichte heraus und setzt sich in einer losen Reihe mit dem deutschen Kolonialismus weiter auseinander; außerdem betreibt das iz3w das Projekt freiburg-postkolonial.de.
- berlin-postkolonial.de
- m-strasse.de: “Unterm Teppich? Rassistische Konzepte, koloniale Fantasien am Beispiel eines Berliner Straßennamens”
- DEPO Deutschland postkolonial erinnern und versöhnen e.V.
- Die Filme von Martin Baer: baerfilm.de
Und zur Theorie der Postkolonialismen ist in diesem Semester die Diskurswerkstatt empfehlenswert.
Dazu passt (gerade weil die Berliner Afrikakonferenz von 1884/85 und ihre Bedeutung nicht erwähnt werden) eine Reportage aus der LVZ vom 20.11. über “Neuen Rassismus in Namibia”. Gemeint sind damit “antideutsche, antiweiße, geschichtsverneinende und intolerante Seiten” im “Sonnenstaat”. Der Autor ist selbst betroffen, da ihm eine Arbeitserlaubnis bei einer deutschsprachigen Zeitung verweigert wurde.
Rassismus gibt es sicher auch in Namibia — wobei schon zu fragen wäre, inwieweit er mit dem hierzulande grassierenden zu vergleichen ist. Als eine Erklärung für den ausgemachten anti-weißen Rassismus wird genannt, das dieser möglicherweise mit den anstehenden Wahlen in Verbindung stehe: “Man muss damit rechnen, dass die Regierung des Tages ihren Wählern zeigen muss, wessen Interessen sie zu vertreten hat”, wird der scharf analysierende Vorsitzende des “Deutschen Kulturrats” zitiert.
Harten Tobak bietet dann diese Formulierung: “Nur die den Freiheitskampf unterstützenden Angolaner und Asiaten werden als gute Freunde der Namibier behandelt. Dabei wäre Namibia ohne das Geld der Weißen etwa für Straßen und Bildung heute nie so weit.” Kennt man ja, ohne uns Weiße bekommen die Schwarzen da unten nichts auf die Reihe!
Zum Kolonialismus wird in einem Stichwort-Kasten nur gesagt, dass die Beziehungen zwischen Namibia und Deutschland aufgrund der Kolonialherrschaft “auch heute noch sehr intensiv” seien. Und: “Swakopmund gilt vor allem wegen seiner vielen Kolonialbauten gar als südlichstes deutsches Seebad.”
Ganz besonders skurril finde ich die Rahmung des Artikels. Da wird von einem abmontierten Reiterstandbild aus der Kolonialzeit berichtet. Soll anscheinend bildlich für die neuen “antideutschen” Tendenzen stehen. Ist ja auch ungehörig: Da lassen die “schwarzen Machthaber”, denen der Reiter spätestens seit der Unabhängigkeit des Landes 1990 ein “Dorn im Auge” gewesen sei, dieses Denkmal nun tatsächlich abmontieren! Um an dessen Stelle ein Museum (“Protzbau”) zu errichten, mit dem an den “Unabhängigkeitskampf gegen die letzten – die südafrikanischen – Besetzer” erinnert werden soll. Sowas freches aber auch!
Immerhin konnte die “deutsche Gemeinschaft”, insbesondere der Deutsche Kulturrat (DKR), verhindern, dass das Reiterdenkmal, das “an die gefallenen Deutschen zwischen 1903 und 1908 im damaligen Südwest-Afrika” erinnert, auf dem Schrottplatz der Geschichte landet. Der Text endet daher mit dem optimistischen Ausblick: “Am 27. Januar 2010, zwei Monate nach den Wahlen und genau 98 Jahre nach seiner Enthüllung am angestammten Platz, soll er an neuer Stelle wiedereingeweiht werden. Ob das Windhoek beziehungsweise Namibia, auf das er dann blickt, wieder etwas toleranter eingestellt ist, ist derzeit noch völlig ungewiss.”
Was die Deutschen ab 1884 in “Südwest-Afrika” gewollt und getrieben haben und in was für einem Kampf die mit dem Bronze-Reiter geehrten Deutschen gefallen sind – das wird in dem Text leider total ausgeblendet. Eine echte Meisterleistung!