von sfr, 14.03.2010

Rund zwei Jahre nach den von lokalen Medien zum “Disko-Krieg” hochstilisierten Auseinandersetzungen zwischen Türstehern und zumeist als “Ausländern” betitelten jungen Männern in Leipzig,  bei denen u.a. ein Unteiligter erschossen und mehrere Menschen schwer verletzt wurden, hat die Staatsanwaltschaft nun erste Anklagen erhoben. In der medialen Berichterstattung war zunächst weitestgehend die Perspektive der Security-Leute eingenommen worden. Trotzdem wurde bald klar, dass es sich bei den Sicherheitsleuten, die den Zugang zu innenstädtischen Diskotheken kontrollieren, um alles andere als unbescholtene Bürger handelt. Trotzdem empfindet es die LVZ nun als ungerecht, dass sich demnächst einzig sieben Türsteher vor Gericht verwantworten müssen. In einem Kommentar in der Ausgabe vom 13./14. Februar heißt es:

Zudem würden die Security-Männer als einzige Schuldige der brutalen Auseinandersetzungen dastehen. Und dies hätte – bei allen vielleicht berechtigten Vorbehalten gegenüber der Türsteher-Szene – mit der Realität nicht mehr viel zu tun.

Wie aber sieht sie aus, die Realität? Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten vor, am 8. März 2008 mit zehn weiteren, bislang noch unbekannten Männern in der Diskothek Schauhaus eine “Migranten-Gang” (LVZ) angegriffen zu haben. Dass die Tumulte in dieser Nacht durch einen gewalttätigen Übergriff der Türsteher ausgelöst worden waren, hatte man so in der LVZ bisher nie lesen können. Handelt es sich also um eine Wende im “Disko-Krieg”?

Keine Sorge, vieles bleibt beim Alten. So wird betont, dass die Tatverdächtigen “allesamt Deutsche” seien.  Sie hätten beabsichtigt, ihren “Kontrahenten” eine “Abreibung” zu verpassen. Die Angegriffenen erlitten bei der unter anderem mit Stock und Baseballschläger ausgeführten Attacke Kopf- und Schnittverletzungen. In welcher Art Konkurrenzverhältnis sich die beiden Gruppen befanden, wird leider nicht mitgeteilt. Und das, obwohl die Bezeichnung “Kontrahent” gleich mehrfach zur Charakterisierung der “Migranten” verwendet wird. So habe “ein Kontrahent” während der Tumulte den Chef einer Leipziger Security-Firma, der sich jetzt unter den Angeklagten befindet, niedergestochen. Kurz danach hatte dieser einen gebürtigen Armenier, der als Anführer der im Schauhaus angegriffenen Gruppe gilt und der von der LVZ als “sein Erzfeind” bezeichnet wird, als Täter beschuldigt, danach aber keine Aussagen mehr gemacht.

Aufgrund der geringen Aussagebereitschaft der Beteiligten konnte die Staatsanwaltschaft bisher nur diesen ersten Zwischenfall erhellen, nicht jedoch die darauf folgenden gegenseitigen Übergriffe in der Nacht. Trotzdem ist für die Polizei (und damit auch für die LVZ) offenbar klar, dass es sich um einen Konflikt zwischen (deutschen) Türstehern und (kriminellen) Migranten handelt. Der Leipziger Polizeispräsident Horst Wawrzynski, dessen Vorgänger nach den Vorfällen vom März 2008 abgelöst wurde, äußerte sich in der LVZ kürzlich so über die aktuelle Situation:

Die Migrantenszene ist in der Tat ruhiger geworden, seit ihr Anführer Artur T. das Land verlassen hat. Aber der Konflikt zwischen Türsteherszene und Migrantenszene schwelt nach wie vor.

Angesichts solch einer Reduzierung des Problems auf einen nicht näher erläuterten Konflikt zwischen zwei Gruppen, die der Einfach heit halber als “Türsteher” und “Migranten” bezeichnet und damit irreführend auf ihre Nationalität (“allesamt Deutsche”) bzw. ihre nicht-deutsche Herkunft (“Migranten”) beschränkt und als jeweils homogene Gruppen dargestellt werden, ist es kaum verwunderlich, dass sich die LVZ-Leserschaft in den Online-Kommentaren zu dem Artikel ebenfalls nicht so recht über die Anklageerhebung erfreut zeigt. In einem der ersten Einträge heißt es da:

Ich sehe den Tag kommen, wo die Leipziger genötigt sein werden, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Da wir von diesem Staat nichts mehr zu erwarten haben, sind alles Vertrauen und alle Hoffnung, die Angelegenheit werde rechtssaatlich gelöst, eh für die Katz. Wir haben viel zu lange still gehalten. Das müssen wir uns vorhalten lassen. Aber auch unsere Geduld wird einmal ein Ende haben.

Ein anderer schreibt:

… es kann nicht sein, dass “migranten” hier in diesem land besser dastehen wie wir deutschen!!! ich hoffe es ändert sich balde hier im land was, es kann nicht so weiter gehen!!!!!!!!!!

Die rassistischen Wahrnehmungmuster in den öffentlichen Debatten um „Jugendkriminalität”, „Ausländerkriminalität” und „Extremismus” hatte das Forum für Kritische Rechtsextremismusforschung (FKR) noch vor den blutigen Auseinandersetzungen im März 2008 in einem gemeinsamen Positionspapier mit dem Antidiskriminierungsbüro (ADB) kritisiert. Anlass dafür war unter anderem die LVZ, die bereits im Oktober 2007 den “Disko-Krieg” ausgerufen und in diesem Zusammenhang von einer “Debatte um kriminelle Ausländer” geschrieben hatte. Das Positionspapier endet mit folgender Passage:

Sowohl die gegenwärtige Debatte über „Ausländerkriminalität” als auch die Extremismusdiskussion reproduzieren und stärken vorurteilsgeprägte Wahrnehmungsmuster und Lösungsvorschläge, die auf Abschottung und einen „starken Staat” zielen. Wir kritisieren deshalb die gegenwärtigen populistischen Diskurse, ihre Sprachbilder und undifferenzierten Erklärungsmuster, denn sie laufen auf die Bedrohung einer weltoffenen, vielfältigen Lebenskultur hinaus.

Diese Einschätzung hat in Bezug auf die LVZ offenbar auch nach mehr als zwei Jahren nichts von ihrer Berechtigung verloren.

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 14. März 2010 von sfr veröffentlicht. Die Kommentare zu diesem Eintrag lassen sich durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können den Beitrag kommentieren, oder einen Trackback auf ihrer Seite einrichten. Der Beitrag wurde folgenden Themen zugeordnet: , , , .

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