von elb, 14.06.2010

Tag vier der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer in Südafrika und schon gäbe es Stoff für viele, viele Blogposts. Ein erster Eindruck.

Bleiben wir erst mal lokal: der LVZ-Sportreporter Guido Schäfer ist “gut in Südafrika gelandet” und, wie er seinen “Freunden der Nacht” im Videoblog erzählt, auch gleich bei den weiblichen Hotelangestellten, die ihn unabhängig von ihrem Familienstand “verehren”. Ist ja klar. Die LVZ bewegt sich gewohnt gekonnt an und jenseits der Grenze des guten Geschmacks und berichtet auch vom “Sexy Fußball oben ohne” in Berlin.

Ansonsten fällt auf: viel Afrika in den Medien und im Fernsehen. Das ist zu begrüßen, ist die Afrikaberichterstattung doch sonst recht einseitig. Und wo viel gesendet wird, gibt es auch mehr Vielfalt – und verschiedene Normalitäten und Realitäten flimmern über den Bildschirm. Und dass es zu einer WM in Südafrika passend erscheint, etwas über den Kongo zu berichten, sollte angesichts dessen nicht zu doll stören. Ich bezweifle aber, dass zur Fußball-WM in Deutschland viel über Griechenland oder Finnland berichtet wurde, weil die WM ja schließlich in Europa stattfand. “Treat Africa as if it were one country”, schreibt Binyavanga Wainaina in seiner Gebrauchsanleitung “How to write about Africa”, und diesen Rat haben die Programmgestalter_innen beherzigt.

Auch wo das nicht so ist, scheint es ohne Klischees vom “wilden Afrika” nicht zu gehen. Der KI.KA beispielsweise hat eine an sich tolle Sendung, in der Jacky, ein elfjähriger Deutsch-Sansibari, mit dem KI.KA-Mobil von Sansibar nach Johannesburg zur WM fährt. In der ersten Folge zeigt er “sein” Sansibar. Die Texte dazu sind aber klischeebeladen: “Jackys wilde Afrika-Tour” ist selbstverständlich wild, schließlich geht es durch “das wilde Afrika”. Er lebt “wie ein kleiner Robinson Crusoe in einer Palmwedelhütte direkt am Strand”. “Wie wird er die erste Nacht in der Wildnis Afrikas überstehen?” – er “erlernt das Pfeil- und Bogenschießen! Und fühlt sich schon wie ein richtiger afrikanischer Krieger!”. Es geht um Tiere, duftende Gewürze, AIDS, Slums, Fußball und gute Hilfsprojekte. Die Sendung ist Teil eines Schwerpunktes bei KI.KA: “Dabei stehen neben der Schönheit des Landes und seiner faszinierenden Tiere auch Themen wie Kriminalität oder mangelnde Bildung im Vordergrund.”

Zurück zum Fußball. Von den Vuvuzelas sind scheinbar alle genervt: “Lass die Finger von der Vuvuzela” ist noch eine ganz lustige Ausprägung, und dass die Kommentare für Sehbehinderte schwieriger zu verfolgen sind, kann ich mir vorstellen. Auch die Gefahr für das Gehör leuchtet mir ein. Aber: unzählige Facebook-Gruppen wollen sie abgeschafft sehen. Schon nach wenigen Tagen. Und es gibt die Idee, die Tonspur im Stadion durch die Aufnahme eines “normalen Bundesliga-Spiels” zu ersetzen. Geht es da wirklich um das Getröte? Oder darum, dass die Bedingungen im Stadion, wo auch immer auf der Welt, bitte so sein mögen wie bei einem “normalen Bundesliga-Spiel”? Die britische Hymne, oft gegen Ende eines Spiels von den England-Fans als letzte Rettung ausgepackt, übertönte die Vuvuzelas am Samstagabend jedenfalls spielend.

Musikalisch gibt’s noch mehr. Bonfire haben die deutsche Nationalhymne verstadionrockt und, wie es sich für deutsche Hardrocker gehört, auch gleich als Ballade mitveröffentlicht. Eine Gruppe Studierender aus Münster nimmt den Grand-Prix-Siegersong aufs Korn und besingt unter dem Namen “Uwu Lena” “Schland oh Schland” – das Stück endet mit einem beherzten “Deutschland”-Ruf. Bushido, dessen Lied “Fackeln im Wind” die deutsche Nationalmannschaft sich angeblich immer wieder in der Kabine antut, glaubt, er spräche “für das ganze Land”, das auch “mitfiebert” – schließlich sind “wir Deutschen [...] grad so stolz”.

So stolz wie Katrin Müller-Hohenstein? Die deutsche Nationalmannschaft hat gegen Australien verdient haushoch gewonnen. Der ZDF-Fußballexpertin zufolge war Miroslav Kloses Tor demselben ein “innerer Reichsparteitag“: hier auf Youtube nachzuhören.

Ein solcher lenkt natürlich hervorragend ab von Koalitionskrisen, Sparpaketen, Ölteppichen und Papst-Entschuldigungen. Schließlich steht ja die Hauptstadt noch.

Der Beitrag wurde am Montag, den 14. Juni 2010 von elb veröffentlicht. Die Kommentare zu diesem Eintrag lassen sich durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können den Beitrag kommentieren, oder einen Trackback auf ihrer Seite einrichten.

.: Kommentare

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  1. Rassismus im Zuge der WM « Afrika Wissen Schaft

    16.11.2012 | 07:56

    [...] Edit: Gerade habe ich noch einen interessanten Beirtrag gefundenm den ich euch nicht vorenthalten möchte: “Wildes Afrika”, Vuvuzelas, innere Reichsparteitage. [...]

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