von elb, 25.07.2010

Das erste Mal war ich ziemlich überrascht. Ein Kommilitone fragte mich, ob denn die Gerüchte stimmten und man gratulieren dürfe. Ich war etwas perplex und fragte: welche Gerüchte? Dass ich schwanger sei. Ich verneinte. Das war vor etwa fünf Jahren. Inzwischen bin ich dreißig und nicht mehr überrascht. Aber so langsam werde ich wütend.

Ehemalige Klassenkameradinnen, flüchtige Bekanntschaften, wildfremde Kellner_innen, berufliche Kontakte stellen diese und verwandte Fragen mit einer Selbstverständlichkeit, die irritiert. Auslöser sind regelmäßig meine Kleidung, meine Figur, die Tatsache, dass ich manchmal alkoholfreies Bier bestelle (und auch gern trinke). Die Ursache? Vermutlich, dass ich eine Frau bin, im gebärfähigen Alter, wie man sagt. Zu bestimmten Gelegenheiten – wie Klassentreffen – achte ich darauf, möglichst früh mit brennender Zigarette im Mund und Alkohol in der Hand aufzutreten. Egal, wie das sonst wirken mag. Hauptsache: diese Frage vermeiden.

Bedeutungsschwangere Blicke von der Freundin beim Bestellen des alkoholfreien Biers. „Hast Du mir was zu sagen?“ Beim dritten alkoholfreien Bier (in einer Kneipe, in der ich noch nie gewesen war) fragt die Kellnerin, warum ich dieses Getränk bestelle: weil ich fahren muss, weil ich schwanger bin oder weil es schmeckt? Der ältere Mann, mit dem ich eine Schlüsselübergabe nach einer Party mache, fragt mich beim Smalltalk, wann ich denn Mama werde, wann es denn so weit ist. Die Klassenkameradin beim Klassentreffen, der ich erzähle, dass ich mit einem Mann zusammenlebe, fragt mit Blick auf meine Zigarette und mein Oberteil (man nennt sowas, glaube ich, Tunika): aber schwanger bist Du nicht, oder? Ein Bekannter aus politischen Zusammenhängen ist aus irgend einem Grund der Meinung, dass ich ein Kind habe. Die Sekretärin des Lehrstuhls, an dem ich einmal beschäftigt war, ist sich hingegen nicht mehr sicher, ob es eines oder zwei waren.

Ich habe kein Kind. Ich bin nicht schwanger. Und es geht euch nichts an. Die Vermutung mag amüsant, gar freundlich sein – die Frage ist unverschämt.

Ist den Leuten nicht klar, wie intim diese Frage ist? Nach meinem Gewicht, meiner Lebensplanung, meiner Sexualität, meiner Gesundheit, meinem Beziehungsglück würden diese Menschen mich üblicherweise nicht fragen. All diese und noch mehr sensible Punkte sind mit der Frage nach der Schwangerschaft berührt. Warum halten sie sich für berechtigt, die Frage zu stellen und nicht andere? Ich muss an einen Blog-Post von Jessica Valenti denken, die darüber berichtet, wie wildfremde Menschen sich aufgrund ihrer Schwangerschaft berechtigt fühlen, ihren Bauch anzufassen. Der weibliche Körper wird mit der Schwangerschaft zum öffentlichen Gut, so die Analyse: die Frau hat eine Intimsphäre, die (werdende) Mutter nicht (siehe auch hier). Daran anschließend frage ich mich: ist mein Ärgernis eine Erweiterung davon? Endet mein Recht auf Privatsphäre schon da, wo es um meine potenzielle Rolle als Kinderproduktionsstätte geht? Bin ich darüber auskunftspflichtig? Es geht hier nicht um gekränkte Eitelkeit, damit komme ich klar. Es geht um die Zumutung – eine Zumutung, der Teenager, Männer und dünne Frauen vermutlich seltener ausgesetzt sind.

Ein junger Mann, den ich zum ersten Mal treffe, fragt, ob ich schon Kinder hätte und ob ich bald welche will. Wenn wildfremde Leute mich anlächeln, frage ich mich auch schon, ob es an der Schwangerschaftsvermutung liegt. Denn Schwangere lächelt man an. So heißt es.

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 25. Juli 2010 von elb veröffentlicht. Die Kommentare zu diesem Eintrag lassen sich durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können den Beitrag kommentieren, oder einen Trackback auf ihrer Seite einrichten. Der Beitrag wurde folgenden Themen zugeordnet: , , , , , .

.: Kommentare

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  1. Miriam

    26.07.2010 | 08:53

    Mir ist das auch vor ein paar Tagen passiert… Ich kam mit meinem 1-jährigen Sohn auf dem Arm in die Sandkiste und wurde gefragt, wie weit die beiden auseinander seien… Zuerst dachte ich, die Nachbarstochter, die ich häufig mit in die Sandkiste nehme, und schonmal für meine Tochter gehalten wird, sei irgendwo in der Nähe. War sie aber nicht. Also fragte ich: “Wer?” Zur Antwort sagte die Frau “Er und…” und zeigte auf meinen Bauch. Ich habe dann geantwortet: “Ich bin nicht schwanger, der Bauch ist einfach so dick.” Das war ihr sichtlich unangenehm…
    Einer Freundin ist kürzlich was sehr ähnliches passiert, da wurde sie von einer Schuhverkäuferin gefragt, wann es denn soweit sei.
    Ich habe das Erlebnis in der Sandkiste auch als sehr übergriffig empfunden, diese totale Selbstverständlichkeit, mit der davon ausgegangen wurde, dass ich schwanger sei. Die Frage “Bist du schwanger?” empfinde ich da fast noch als akzeptabel, immerhin lässt diese Frage ja noch die Möglichkeit offen, dass man es nicht ist, auch wenn es die meisten Leute, die das fragen, wenig angeht.

  2. Alocin

    26.07.2010 | 12:05

    Mein Eindruck ist nicht, dass unterstellte Schwangerschaften so eine Ausnahme darstellen. Bei Schwangerschaftsfragen zeigt sich offenbar eine verkorkste Lebensablaufs- und Körpernorm. Nur, unter welchen Umständen körperliche und sexuelle Intimsphäre eigentlich respektiert werden, ist mir nicht klar.
    Schon vor den Schwangerschaftsfragen (die auch nach meinem Eindruck mit dem 25. Geburtstag beginnen) wird der Körper nicht weniger übergriffig kommentiert. Wurde euch nicht regelmäßig mitgeteilt, dass ihr zu-/abgenommen habt? Gerade als Teenager als “erwachsen geworden” bezeichnet- mit den dazugehörigen Blicken? Von Freunden der Eltern, Lehrern, also Leuten, die der eigene Körper nicht das mindeste angeht?
    Mit einer Frau zusammen zu sein führt zum Beispiel zu den Fragen: “Fehlt euch nicht der Schwanz?” und “Wie kann man da Sex haben?” -bei der ersten Begegnung. Außerdem gibt es Angebote im Sinne von: “willst du dann nicht noch einen Mann dazu”. Wegen der fehlenden Auslastung, vermute ich. Vielleicht ist das verdient durch die Normverletzung (dann wäre ‘im gebärfähigen Alter keine Kinder haben’ die äquivalente Normverletzung)? Aber Teenager zu sein ist doch kein Regelbruch?
    Ich frage mich, wie man ein Recht auf Intimsphäre erlangt.

  3. elb

    27.07.2010 | 08:58

    Richtig, alocin… ich wollte damit keinesfalls sagen, dass übergriffige Kommentare zum Körper sonst nicht passieren. Die Teenager kommen nur vor, weil diese spezielle Zumutung auf sie nicht zutrifft, meiner Erfahrung nach. Und ich möchte auf keinen Fall zurück in die Zeit, in der (interessanterweise fast nur weibliche) Verwandte und Freundinnen der Eltern glaubten, unaufgefordert und öffentlich meine Brüste kommentieren zu dürfen. Hoffentlich ist auch klar, dass ich nicht denke, dass dünne Frauen (von denen ich vermute, dass sie seltener grundlos für schwanger gehalten werden, aber vielleicht irre ich mich da auch) keine übergriffigen Körperkommentare zu erleiden hätten. Meine Vermutung war lediglich: auch Leute, die sexistische und sexualisierende Kommentare zum Körper für inakzeptabel halten oder sich verkneifen würden, fühlen sich berechtigt zu übergriffigem Verhalten, wenn es um eine (vermutete) Schwangerschaft geht. Es spielt dabei, glaube ich, eine Rolle, dass der Körper auf eine jeweils andere Rolle reduziert wird.

    Die Frage nach dem Recht auf Intimsphäre ist auf jeden Fall wert, diskutiert zu werden! Und ich glaube, Teenager zu sein ist insofern schon ein Regelbruch, als dass die Pubertät als “Ausnahmezustand” gilt. Wäre gespannt auf weitere Kommentare dazu!

  4. elb

    10.03.2011 | 22:16

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