von sfr, 11.12.2010

Unter dem Titel “Der Rassismus geht von oben aus” findet sich in der aktuellen analyse & kritik (enthält u.a. auch ein Interview mit Mark Terkessides zur “Integrationsdebatte”) die Übersetzung eines Votrags (im Original: “Racisme, une passion d’en haut”), den Jacques Rancière am 11. September diesen Jahres bei einer Konferenz mit dem Titel “Les Roms, et qui d’autre?” aus Anlass der Massenabschiebung von Roma aus Frankreich vorgetragen hat. Er wendet sich darin gegen die Rechtfertigung bzw. Erklärung von staatlichem Rassismus als einer bloß opportunistischen, kalkullierenden Reaktion der (vernünftigen) Politiker auf rassistische Leidenschaften (rückständiger) Schichten der Bevölkerung. Statt dessen seien es die Staatsgebilde selbst, die den Rassismus in der Bevölkerung schüren.

Seine Ursachenanalyse für diesen Staatsrassismus kommt beinahe etwas traditionsmarxistisch daher (aber darum muss sie ja nicht falsch sein):

Unsere Staatsgebilde sind immer weniger in der Lage, den destruktiven Auswirkungen des freien Kapitalverkehrs auf die Gemeinwesen, für die sie Sorge tragen, etwas entgegenzusetzen. So wenig sie dazu fähig sind, so wenig haben sie auch das Bedürfnis danach. Sie begnügen sich mit dem, worüber sie gebieten können: dem Personenverkehr. Sie machen die Kontrolle dieses anderen Verkehrs zu ihrem ureigensten Gegenstand und die Sicherheit der von den MigrantInnen bedrohten Staatsangehörigen zu ihrem Ziel, genauer gesagt, die Erzeugung und die Verwaltung des Gefühls der Unsicherheit. Diese Arbeit wird mehr und mehr zu ihrer Existenzberechtigung und zum Mittel ihrer Legitimierung.

Ob dieser kühl kalkullierte Rassismus tatsächlich “in erster Linie” ein Erzeugnis des Staates ist, wie Rancière meint, darüber lässt sich sicher streiten. Manch eine_r wird vielleicht auf die “Deutschen Zustände” von Wilhelm Heitmeyer & Co. oder die “Mitte”-Studien der Leipziger Forschungsgruppe um Oliver Decker verweisen, die Jahr um Jahr bestätigen, wie verbreitet diskriminierende Einstellungen (u.a. gegenüber Migrant_innen) in der deutschen Bevölkerung sind. Aber gerade durch diese Konzentration auf solche alarmierenden Erhebungen wird leicht ausgeblendet, welche Verantwortung der Staat bzw. das politische (Rancière würde sagen: polizeiliche) System an der Entstehung dieser Einstellungen hat:

Es liegt in der Natur des Staates, ein Polizeistaat zu sein, eine Institution, die Identitäten, Orte und Bewegungen fixiert und kontrolliert; eine Institution, die sich in einem fortwährenden Kampf gegen jegliches Ausufern nicht von ihm selbst erzeugter Identitäten befindet, d.h., auch gegen das Ausufern der Identitätslogiken, das durch das Handeln der politischen Subjekte erzeugt wird.

Nicht nur auf Frankreich trifft Rancières Einschätzung zu, dass die jüngsten rassistischen Kampagnen keineswegs auf die “sogenannte populistische extreme Rechte” zurückgehen, sondern auf eine intellektuelle Elite, die sich als “linke, republikanische und laizistische [bzw. sozialdemokratische] Intelligenz versteht.”

Ob die Diskriminierung “nicht länger auf Argumenten über überlegene und unterlegene Rassen” gründet, wäre für den deutschen Kontext jedoch näher zu untersuchen. Auch Rancières Verwunderung darüber, dass es plötzlich so etwas wie Französ_innen “ausländischer Herkunft” gibt, weist wohl auf noch bestehende Unterschiede in den öffentlichen Diskursen beider Länder hin.

Der Beitrag wurde am Samstag, den 11. Dezember 2010 von sfr veröffentlicht. Die Kommentare zu diesem Eintrag lassen sich durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können den Beitrag kommentieren, oder einen Trackback auf ihrer Seite einrichten. Der Beitrag wurde folgenden Themen zugeordnet: , , , , , .

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