von sfr, 31.05.2011

Nachdem das Sächsische Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) bereits am 10. Mai mit einer Kurzmeldung darauf hingewiesen hatte, dass sich auch “Linksextremisten” – konkret Mitglieder der “maßgeblich von Autonomen initiierten” Kampagne “Fence Off” gegen ein Nazizentrum in Leipzig – an einer “nicht extremistischen 8.-Mai-Demonstration” gegen ein “rechtsextremistisches Treffobjekt” (besagten NPD-Zentrum) beteiligten, hat die Behörde nun auch eine von der Kampagne veröffentlichte Broschüre in die Hände bekommen und knallhart ausgewertet: “Kampagne »Fence Off« veröffentlicht »antifa jugendinfo« mit extremistischem Inhalt”.

Beleg für das Verdikt “extremistisch” (diesmal sogar ohne den Vorsatz “links-”!) ist zum einen, dass in dem Blättchen auch zwei Gruppen mit Texten vertreten sind, die schon seit vielen Jahren mit schöner Regelmäßigkeit im sächsischen Verfassungsschutzbericht vertreten sind (“Leipziger Antifa” und “Antifaschistischer Frauenblock Leipzig”). Während auf den AFBL-Beitrag mit dem Titel “Was ist Antiamerikanismus?” nicht weiter eingegangen wird, werden aus dem LeA-Beitrag einige Passagen zitiert, die nach VS-Ansicht belegen, dass sich die Gruppe darin “einem gängigen Argumentationsmuster von Linksextremisten” bedient:

Dem Leser soll [...] vermittelt werden, dass nicht der Rechtsextremismus der Gegner sei, sondern die politische Ordnung der Bundesrepublik Deutschland, die das Entstehen des Rechtsextremismus erst möglich mache. Zu ihren Zielen äußert sich die LeA darin wie folgt: »Wir sind vielmehr daran interessiert, auch die konkrete Form und spezifische ideologische Verfasstheit der Gesellschaft im heutigen Deutschland zu kritisieren und abzuschaffen.« Daher fordert die LeA: »Staaten abschaffen, Deutschland zuerst!«.

Inwieweit dieser Ansatz tatsächlich ein “gängiges Argumentationsmuster von Linksextremisten” darstellt, wäre zu diskutieren. Immerhin grenzt sich die Gruppe in diesem Text von “antinationalen” Linken ab und versucht – laut Untertitel – darzulegen, warum “einige Linksradikale sich als antideutsch verstehen”.

Aber schon nach der ersten Meldung hatte die “Fence Off”-Kampagne selbst beim VS nachgefragt, wie dieser denn zu seiner Einschätzung komme. Das Landesamt hat darauf nach einiger Zeit tatsächlich geantwortet. Die in dem knappen Antwortschreiben genannten Belege für den der Kampagne attestierten “Linksextremismus” hat “Fence Off” nun auf seiner Homepage veröffentlicht – nicht ohne diese kritisch zu hinterfragen:

Als erstes führt der VS tatsächlich an, dass die Kampagne das Antifa-Logo (und damit das “Symbol der linksextremistischen ‘Antifaschistischen Aktion / Bundesweite Organisation’”) verwende. Des weiteren habe es in einem Aufruf für eine Kundgebung im Rahmen der Kampagne “in typisch (antideutscher) linksextremistischer Diktion” gehießen: “Es geht also auch, aber nicht nur gegen Nazis, und das geht nicht mit, sondern nur ohne Deutschland’.” (Immerhin wird hier durch den Klammer-Einschub dezent darauf aufmerksam gemacht, dass diese “Diktion” wohl nicht für alle “Linksextremisten” typisch ist.) Schließlich verweist das Landesamt noch auf seine eigene, alles andere als stringente “Linksextremismus”-Definition aus dem “Sächsischen Handbuch zum Extremismus und zu sicherheitsgefährdenden Bestrebungen”, ohne jedoch darzulegen, wo und in welcher Weise die Kampagne bspw. für “revolutionäre Gewalt” plädiert, die “Dikatur des Proletariats” anstrebt oder sich auf “Theorien weiterer Ideologen wie Stalin, Trotzki, Mao Zedong und andere” beruft.

Ob der VS nach dieser Zurückweisung seiner Belege durch die Kampagne noch mal nachlegt, bleibt abzuwarten. Beinahe drängt sich angesichts der flott ausgetauschten Argumente der Eindruck eines zwanglosen, herrschaftsfreien Diskurses auf, aber das täuscht möglicherweise. Zumal die “Vorstellung eines freien, selbstbestimmten Lebens innerhalb »herrschaftsfreier Räume«” ja laut VS selbst ein Merkmal von “Linksextremisten” ist, die sich an anarchistischen Ideologien orientieren (im Gegensatz zu “marxistisch-revolutionären” bzw. “orthodox-kommunistischen” Strömungen).

In dem kritisierten “antifa jugendinfo” findet sich übrigens auch ein Text der INEX, in dem dargelegt wird, warum “Die Extremismustheorie [...] politischer Unsinn” ist. Damit scheint sich das LfV nicht wirklich auseinander gesetzt zu haben. Immerhin wird diesem Text bzw. dieser Gruppe vorerst noch nicht vorgeworfen, “(links-)extremistisch” zu argumentieren.

Der Beitrag wurde am Dienstag, den 31. Mai 2011 von sfr veröffentlicht. Die Kommentare zu diesem Eintrag lassen sich durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können den Beitrag kommentieren, oder einen Trackback auf ihrer Seite einrichten. Der Beitrag wurde folgenden Themen zugeordnet: , , , , , , , , .

.: Kommentare

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  1. sfr

    2.07.2011 | 15:48

    Das “Antifa-Jugendinfo” und die darauf bezogene “Rezension” des Verfassungsschutzes gibt es jetzt hier zum Nachlesen (und selber eine Meinung dazu bilden).

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