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	<title>.: Diffusionen.de &#187; Rassismus</title>
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	<description>Fundiertes Genörgel wider die Abstraktion des Politischen</description>
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		<title>Frontberichterstattung vom Kreuz</title>
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		<pubDate>Mon, 03 Jan 2011 14:52:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sfr</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Enttäuschung ist erkennbar groß: &#8220;Chaoten halten sich zurück&#8221; heißt es heute in der Leipziger Volkszeitung (LVZ). Dabei hatte das Blatt noch am 31. Dezember ahnungsvoll geraunt: &#8220;Angst vor Krawallen in Connewitz&#8221;. Wegen der &#8220;befürchteten Silvesterkrawalle&#8221; wurde das Gebiet um das Connewitzer Kreuz mal wieder zum &#8220;Sperrgebiet&#8221; erklärt. Anders als in den Vorjahren unterließ es [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Enttäuschung ist erkennbar groß: &#8220;Chaoten halten sich zurück&#8221; heißt es heute in der Leipziger Volkszeitung (LVZ). Dabei hatte das Blatt noch am 31. Dezember ahnungsvoll geraunt: &#8220;Angst vor Krawallen in Connewitz&#8221;. Wegen der &#8220;befürchteten Silvesterkrawalle&#8221; wurde das Gebiet um das Connewitzer Kreuz mal wieder zum &#8220;Sperrgebiet&#8221; erklärt. Anders als in den Vorjahren unterließ es die Polizei jedoch, mit Hunderten Beamten aufzumarschieren. Die Einsatzkräfte hielten sich diesmal in Seitenstraßen bereit. Ob es an dieser veränderten Taktik lag oder daran, dass die &#8220;gewaltbereite Szene&#8221; (LVZ) auch nicht mehr das ist, was sie (in den Augen der Zeitung) mal war &#8212; jedenfalls <a href="http://www.polizei.sachsen.de/pd_leipzig/5536.htm">konstatierte die Polizei im Nachhinein</a> eine &#8220;weitestgehend friedliche&#8221; Silvesternacht. Auch am Kreuz musste sie nicht einschreiten (obwohl angeblich ein Flaschwenwerfer den an einer Ecke postierten Polizeipräsidenten Wawrzynski aufs Korn genommen hatte), selbst eine kurze Spontandemo wurde toleriert.</p>
<p>Gern hätte man als LVZ-Leser gewusst, ob mit dieser Aktion (der Demo, nicht den Flaschenwürfen) eine politische Botschaft verbunden war. Auf <a href="http://nachrichten.lvz-online.de/leipzig/citynews/leipzig-startet-friedlich-ins-jahr-2011--keine-randale-am-connewitzer-kreuz/r-citynews-a-67525.html">LVZ-Online</a> heißt es zumindest (die Pressemitteilung der Polizei wiedergebend), dass der Zug ein Transparent mit der Aufschrift &#8220;Nazis raus&#8221; mit sich führte. Auf Fotos bei LVZ-Online ist davon zwar nichts zu sehen, statt dessen <a href="http://nachrichten.lvz-online.de/silvester-connewitzer-kreuz/r-detailansicht-galerie-6495-359660.html">sieht man da die Losung</a>: &#8220;Wut und Trauer überwinden &#8211; Zusammen gegen Rassismus kämpfen!&#8221; &#8212; offensichtlich noch mal anknüpfend an die <a href="http://initiativkreis.blogsport.de/2010/12/18/demo-in-leipzig-am-29-12-das-schweigen-brechen-rassismus-bekaempfen/">&#8220;Das Schweigen brechen&#8221;-Demonstration am 29. Dezember </a>aus Anlass der Ermordung von Kamal K. vor wenigen Wochen. (Diese angemeldete Demo war der LVZ am 30. Dezember nur wenige Zeilen wert, in denen u.a. ohne irgendeine Quellenangabe geraunt wurde, der Umgang des &#8220;Initiativkreis Antirassismus&#8221; mit der Problematik sei &#8220;mittlerweile in der linken Szene umstritten&#8221;.)</p>
<p>In der Printausgabe der LVZ vom 3. Januar findet sich jedoch gar kein Hinweis auf diesen Hintergrund. Statt dessen wird da lediglich von einem &#8220;Marschblock mit etwa 300 teilweise vermummten Antifas&#8221; geschrieben, der über das Kreuz gezogen sei. Die militaristische Sprache ist kein Einzelfall: Der Kiez verfüge über eine &#8220;erstaunliche Feuerkraft&#8221;, attestiert der Autor angesichts der hier zum Jahreswechsel gezündeten Feuerwerkskörper. Der &#8220;Anteil von Krawalltouristen&#8221; sei nach Ansicht von &#8220;Szenekennern&#8221; diesmal sehr niedrig gewesen, &#8220;Szene-Strategen&#8221; hätten ihrer &#8220;erlebnisorientierten Klientel&#8221; anscheinend &#8220;bewusst Zurückhaltung auferlegt&#8221;. Ganz in den Bereich der Stadt-Guerilla-Taktik driftet Polizeireporter Frank Döring schließlich in seinem Kommentar ab: Die &#8220;gewaltbereiten Chaoten&#8221; seien noch nicht &#8220;Matt gesetzt&#8221;. Diese würden &#8211; wie eine Schneeballschlacht im November gezeigt habe &#8211; &#8220;nur auf eine Blöße der Ordnungshüter lauern, um zuzuschlagen.&#8221; Es sei nur eine &#8220;Pattsituation&#8221; entstanden, der &#8220;harte Kern der Autonomen&#8221; nicht verschwunden. Deshalb solle die Polizei den &#8220;Treffpunkt der gewaltbereiten Szene&#8221; besser weiterhin gut behüten.</p>
<p>Tja, wenn es da nicht einen &#8220;harten Kern&#8221; gebe, der sich dieses Mal leider fieserweise zurückgehalten hat bzw. von den ominösen &#8220;Szene-Strategen&#8221; dazu angehalten wurde, dann wüsste die LVZ wahrscheinlich gar nicht, was sie Jahreswechsel um Jahreswechsel vom Connewitzer Kreuz berichten sollte. Und der Polizeireporter müsste darauf verzichten, den wagemutigen Frontberichterstatter herauszukehren.</p>
<p>Auch am zweiten Einsatzschwerpunkt der Polizei in Großzschocher &#8211; dort hielt sich offenkundig kein LVZ-Reporter auf &#8211; blieb ruhig. In diesem Stadteil hätten im Vorjahr &#8220;Chaoten&#8221; eine Sparkasse verwüstet. Mit der Bezeichnung &#8220;Chaoten&#8221; ist die LVZ wirklich sehr freigiebig. Immerhin werden bei Berichten aus dem Frontgebiet Connewitz hin und wieder auch die Bezeichnungen &#8220;Antifas&#8221; und &#8220;Autonome&#8221; eingestreut. Dass es sich bei den &#8220;Chaoten&#8221;, die zum Jahreswechsel 2009/2010 ungestört durch Polizeihundertschaften (die waren ja alle am Kreuz) eine Sparkassenfiliale demolierten und eine Straßenbahn angriffen, um <a href="http://gamma.noblogs.org/archives/37">bekannte Jung-Nazis</a> handelte, hält die Zeitung aber konsequent nicht für erwähneswert. Vielleicht weiß sie es auch einfach nicht besser, da die ihre Recherchen auf die &#8220;Szene&#8221; in Connewitz konzentriert. Dabei kursiert(e) bei Youtube sogar ein <a href="http://www.archive.org/download/Zschocher20092010/zschocher.mpg">Video</a>, dass die Kameraden bei ihrer Randale zeigt.</p>
<p>Und auch in diesem Jahr wollten die Leipziger Neonazis offenbar unbedingt beweisen, dass mit ihnen noch zu rechnen ist. Laut <a href="http://de.indymedia.org/2011/01/297263.shtml">Indymedia</a> zogen am Neujahrsabend einige von ihnen durch den Leipziger Westen. Laut einer Nazi-Seite forderten die angeblich hundert Demonstranten dabei mal wieder ihr &#8220;Recht auf Zukunft ein&#8221;. Die Polizei hat&#8217;s offenbar nicht mitgekriegt, und daher wird man wohl auch in der LVZ nichts darüber lesen können.</p>
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		<title>Rancière über &#8220;Rassismus von oben&#8221;</title>
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		<pubDate>Sat, 11 Dec 2010 01:28:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sfr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Frankreich]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaftskritik]]></category>
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		<description><![CDATA[Unter dem Titel &#8220;Der Rassismus geht von oben aus&#8221; findet sich in der aktuellen analyse &#38; kritik (enthält u.a. auch ein Interview mit Mark Terkessides zur &#8220;Integrationsdebatte&#8221;) die Übersetzung eines Votrags (im Original: &#8220;Racisme, une passion d&#8217;en haut&#8221;), den Jacques Rancière am 11. September diesen Jahres bei einer Konferenz mit dem Titel &#8220;Les Roms, et [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Unter dem Titel <a href="http://www.akweb.de/ak_s/ak555/17.htm">&#8220;Der Rassismus geht von oben aus&#8221;</a> findet sich in der aktuellen <em>analyse &amp; kritik</em> (enthält u.a. auch ein <a href="http://www.akweb.de/ak_s/ak555/20.htm">Interview mit Mark Terkessides</a> zur &#8220;Integrationsdebatte&#8221;) die Übersetzung eines Votrags (im Original: <a href="http://www.mediapart.fr/node/92825">&#8220;Racisme, une passion d&#8217;en haut&#8221;</a>), den Jacques Rancière am 11. September diesen Jahres bei einer Konferenz mit dem Titel &#8220;Les Roms, et qui d&#8217;autre?&#8221; aus Anlass der Massenabschiebung von Roma aus Frankreich vorgetragen hat. Er wendet sich darin gegen die Rechtfertigung bzw. Erklärung von staatlichem Rassismus als einer bloß opportunistischen, kalkullierenden Reaktion der (vernünftigen) Politiker auf rassistische Leidenschaften (rückständiger) Schichten der Bevölkerung. Statt dessen seien es die Staatsgebilde selbst, die den Rassismus in der Bevölkerung schüren.</p>
<p>Seine Ursachenanalyse für diesen Staatsrassismus kommt beinahe etwas traditionsmarxistisch daher (aber darum muss sie ja nicht falsch sein):</p>
<blockquote><p>Unsere Staatsgebilde sind immer weniger in der Lage, den destruktiven Auswirkungen des freien Kapitalverkehrs auf die Gemeinwesen, für die sie Sorge tragen, etwas entgegenzusetzen. So wenig sie dazu fähig sind, so wenig haben sie auch das Bedürfnis danach. Sie begnügen sich mit dem, worüber sie gebieten können: dem Personenverkehr. Sie machen die Kontrolle dieses anderen Verkehrs zu ihrem ureigensten Gegenstand und die Sicherheit der von den MigrantInnen bedrohten Staatsangehörigen zu ihrem Ziel, genauer gesagt, die Erzeugung und die Verwaltung des Gefühls der Unsicherheit. Diese Arbeit wird mehr und mehr zu ihrer Existenzberechtigung und zum Mittel ihrer Legitimierung.</p></blockquote>
<p>Ob dieser kühl kalkullierte Rassismus tatsächlich &#8220;in erster Linie&#8221; ein Erzeugnis des Staates ist, wie Rancière meint, darüber lässt sich sicher streiten. Manch eine_r wird vielleicht auf die <a href="http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2010/12/05/deutsche-zustande-besserverdienende-werden-islamfeindlicher_5117">&#8220;Deutschen Zustände&#8221;</a> von <a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/deutsche_zustaende-_12616.html">Wilhelm Heitmeyer &amp; Co.</a> oder die <a href="http://www.fes-gegen-rechtsextremismus.de/inhalte/studien_Gutachten.php">&#8220;Mitte&#8221;-Studien</a> der Leipziger Forschungsgruppe um Oliver Decker verweisen, die Jahr um Jahr bestätigen, wie verbreitet diskriminierende Einstellungen (u.a. gegenüber Migrant_innen) in der deutschen Bevölkerung sind. Aber gerade durch diese Konzentration auf solche alarmierenden Erhebungen wird leicht ausgeblendet, welche Verantwortung der Staat bzw. das politische (Rancière würde sagen: polizeiliche) System an der Entstehung dieser Einstellungen hat:</p>
<blockquote><p>Es liegt in der Natur des Staates, ein Polizeistaat zu sein, eine Institution, die Identitäten, Orte und Bewegungen fixiert und kontrolliert; eine Institution, die sich in einem fortwährenden Kampf gegen jegliches Ausufern nicht von ihm selbst erzeugter Identitäten befindet, d.h., auch gegen das Ausufern der Identitätslogiken, das durch das Handeln der politischen Subjekte erzeugt wird.</p></blockquote>
<p>Nicht nur auf Frankreich trifft Rancières Einschätzung zu, dass die jüngsten rassistischen Kampagnen keineswegs auf die &#8220;sogenannte populistische extreme Rechte&#8221; zurückgehen, sondern auf eine intellektuelle Elite, die sich als &#8220;linke, republikanische und laizistische [bzw. sozialdemokratische] Intelligenz versteht.&#8221;</p>
<p>Ob die Diskriminierung &#8220;nicht länger auf Argumenten über überlegene und unterlegene Rassen&#8221; gründet, wäre für den deutschen Kontext jedoch näher zu untersuchen. Auch Rancières Verwunderung darüber, dass es plötzlich so etwas wie Französ_innen &#8220;ausländischer Herkunft&#8221; gibt, weist wohl auf noch bestehende Unterschiede in den öffentlichen Diskursen beider Länder hin. </p>
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		<title>Leipzig braucht eine Debatte über Rassismus</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Oct 2010 08:12:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>grenwi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Engagierte Wissenschaft e.V.]]></category>
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		<description><![CDATA[Stellungnahme des Forums für Kritische Rechtsextremismusforschung (FKR) zur „Integrationsdebatte“ in der Leipziger Volkszeitung
Leipzig, den 04.10.2010

Unterzeichnen Sie diese Stellungnahme online
Zu Ausdrucken: PDF-Version

„Deutschland schafft sich ab“ – glaubt man der Leipziger Volkszeitung (LVZ), so gibt es an dieser Meinung und den damit verbundenen Aussagen Thilo Sarrazins nicht viel zu rütteln. Und, so ein zweiter Eindruck, den die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Stellungnahme des Forums für Kritische Rechtsextremismusforschung (FKR) zur „Integrationsdebatte“ in der Leipziger Volkszeitung</strong></p>
<p>Leipzig, den 04.10.2010</p>
<ul>
<li><a href="http://www.engagiertewissenschaft.de/de/stellungnahme/leipzig-braucht-debatte-um-rassismus">Unterzeichnen Sie diese Stellungnahme online</a></li>
<li><a href="http://www.engagiertewissenschaft.de/de/file/1804/download/2278">Zu Ausdrucken: PDF-Version</a></li>
</ul>
<p>„Deutschland schafft sich ab“ – glaubt man der Leipziger Volkszeitung (LVZ), so gibt es an dieser Meinung und den damit verbundenen Aussagen Thilo Sarrazins nicht viel zu rütteln. Und, so ein zweiter Eindruck, den die Lektüre der Zeitung in den letzten Wochen hinterlassen hat<sup>i</sup>, in Leipzig möchte auch niemand daran rütteln: Telefonumfrage und Leser_innenbriefe sind eindeutig in ihren ‚realsozialistischen’ Zustimmungswerten. Die Zeitung gebärdet sich als Sprachrohr der vermeintlich einhelligen ‚Volksmeinung’. Kritische Stimmen bleiben unterrepräsentiert. All das ist kein Problem, so könnte argumentiert werden, sondern übliches Gebaren einer Tageszeitung, die sich auf ein bestimmtes politisches Klientel festgelegt hat. Allerdings gibt es mindestens zwei Gründe, die Berichterstattung dieser Zeitung anders zu bewerten und für die öffentliche Diskussionskultur in Leipzig einmal mehr eine Differenzierung einzufordern: Einerseits ist die LVZ als einzige lokale Tageszeitung (neben der Bild) hegemonial meinungsbildend für die politische Öffentlichkeit in Leipzig und gehört zu den meistzitierten deutschen Regionalzeitungen. Andererseits reproduziert die LVZ mit ihrer Berichterstattung bewusst oder zumindest fahrlässig rassistische Argumentationsmuster.</p>
<p>Einmal mehr verliert die LVZ dabei die Grenzen der journalistischen Sorgfaltspflicht aus dem Auge. Natürlich gäbe es an der aktuell in Deutschland wieder aufgewärmten „Integrationsdebatte“ und an der Rolle der Medien darin auch grundsätzlich vieles zu kritisieren. Als eine in Leipzig arbeitende Organisation ist es uns aber ein besonderes Anliegen, dem von der LVZ behaupteten Konsens einer „Migrationskritik“ etwas entgegenzusetzen. Wir glauben nicht, dass wir mit dieser Kritik allein sind und rufen daher dazu auf, den aktuellen Anlass als Motivation für einen erneuten Anlauf zur Herstellung einer kritischen, menschlichen und demokratischen Öffentlichkeit in Leipzig zu nehmen.</p>
<p>Die LVZ spricht im Zusammenhang mit ihrer Berichterstattung über den ,Fall Sarrazin‘ von einer „Integrationsdebatte“, die sie als längst überfällig bewertet. Inhaltliche Kritik an den Behauptungen Sarrazins sucht man vergeblich. Die grundsätzlich zustimmende Haltung der LVZ kommt im Titel eines Kommentars von Politik-Redakteur Armin Götz zum Ausdruck: „Sarrazin hat nicht in allen Punkten recht“ (LVZ vom 30.08.2010). Geht es zu Beginn der Debatte um Sarrazins Buch, ist mit anerkennendem Unterton vom „Provokateur“, dem „umstrittenen“ und „streitbaren“ Volkswirt mit „streitbaren Thesen“ und einer „unbequemen Meinung“ die Rede. Von einem „Querdenker […], der niemals Anlass zum Zweifel an seiner demokratischen Gesinnung gegeben hat“, der „immer schon gut für einen saftigen Aufschlag“<sup>ii</sup> war. Sarrazin erscheint als derjenige, der eine längst überfällige und für Deutschland notwendige Debatte „auslöst“, „anheizt“ und dabei Lob für seine angeblich wissenschaftliche Argumentation erhält: „Er argumentierte nie in Stammtischmanier dumpf aus dem hohlen Bauch heraus, sondern beschrieb nur ungeschminkt und mit Fakten untermauert unbequeme Wahrheiten, die niemand aus einer übertriebenen Political Correctness heraus aussprechen wollte“ (Thilo Boss, LVZ vom 26.08.10)<sup>iii</sup>.</p>
<p><strong>Kritische Stimmen: zu zaghaft, zu spät</strong></p>
<p>Auch die LVZ berichtet und kommentiert nicht monolithisch. Insbesondere das Kulturressort veröffentlichte durchaus kritische Beiträge, und in letzter Zeit scheint sich das Blatt auch bezogen auf die Leser_innenbriefe zu wenden. Jedoch: die kritischen Artikel kamen erst, als die Debatte schon im vollen Gange und auch die (suggestive) TED-Umfrage<sup>iv</sup> bereits abgeschlossen war. Die Redakteur_innen im Politik- und Lokalteil hatten ihre Marke bereits gesetzt. Die kritischen Wortmeldungen kamen zu spät, um einen anderen Ton anzuschlagen. Und so wichtig und erwähnenswert sie sind: sie blieben zaghaft. Kritisierten den Auftritt Sarrazins bei Beckmann als „müde Verkaufsshow“ (Jürgen Kleindienst, 01.09.2010)<sup>v</sup>. Mathias Wöbking zerlegte im Kulturteil genüsslich die Behauptung, Sarrazin sei ein Tabubrecher (02.09.2010).<sup>vi</sup> Es wurden Kritiker_innen interviewt und widersprechenden Meinungen auf diesem Wege ein wichtiger Platz im Blatt eingeräumt. Aber eine eigene kritische Positionierung, eine inhaltliche Infragestellung von Sarrazins „Thesen“ blieb aus. Dies wird anderen überlassen, die entweder in Interviews selbst sprechen oder von den Redakteur_innen sozusagen vertreten werden. Autor_innen anderer Ressorts haben demgegenüber scheinbar kein Problem damit, ihre grundsätzliche Zustimmung zu Sarrazins Thesen zu äußern und den Bundespräsidenten zu kritisieren, der „ohne Not seine Neutralität aufgegeben“ (Anita Kecke,06.09.2010)<sup>vii</sup> habe, um Sarrazins Entlassung aus dem Bundesbankvorstand zu fordern.</p>
<p>Ungleich mehr Raum als kritische Stimmen bekommen die positiven Leser_innen-Zuschriften, die zunächst unter Titeln wie „Viel Lob für Sarrazin“ (30.08.2010) und „Viel Zuspruch für Sarrazin“ (06.09.2010) in Szene gesetzt werden.<sup>viii</sup> Das am 6. September veröffentlichte Schreiben des Vorsitzenden der „Freien Bürgerstimme Baden“, eines weit außerhalb des LVZ-Einzugsgebiets ansässigen antimuslimischen Vereins aus dem Dunstkreis der völkisch-nationalistischen „Deutschland-Bewegung“, zeigt, für welche Diskurse die LVZ-Berichterstattung Anschlüsse bietet. In der Rubrik „Lesertelefon“ sprechen Anrufer_innen von einer „unberechtigten Hetze gegen Sarrazin“, für den sie stattdessen „Respekt und Hochachtung“ fordern (LVZ vom 04.09.2010, S. 18).</p>
<p><strong>Von „roten Linien“ und „überfälligen Debatten“</strong></p>
<p>Lediglich Sarrazins eindeutig rassistische Behauptung, bestimmte Verhaltensweisen vererbten sich genetisch und bestimmte Bevölkerungsgruppen teilten bestimmte Gene, stößt ressortübergreifend auf Kritik und wird als das Überschreiten einer „roten Linie“ beschrieben. Sie wird aber nicht ob ihrer menschenverachtenden Implikationen kritisiert, sondern verniedlichend als „Einlassungen zur Genetik“ bezeichnet und als Ballast für Sarrazins „eigentliches Anliegen“ dargestellt und bedauert. Die LVZ sieht also nicht den offensichtlichen Rassismus von Sarrazins Äußerungen als Problem, sondern stellt die Kritik daran als Ablenkungsmanöver von Debattenverweigernden dar, als plumpe Versuche, die Glaubwürdigkeit Sarrazins einzuschränken, als „Vorwand“, um „sich vor der grundsätzlichen Diskussion zu drücken“ (Armin Görtz, LVZ vom 30.08.2010)<sup>ix</sup>. Dass das rassistische Weltbild dieses Mannes auch die Interpretation der von ihm herangezogenen Daten beeinflussen könnte, kommt für die LVZ nicht in Frage und ist somit auch keiner Diskussion wert.</p>
<p>Damit nicht genug: Der einzige inhaltliche Kritikpunkt, den LVZ-Autor_innen an Sarrazins Äußerungen selbst artikulieren (dass die Gen-Behauptung nämlich Unsinn sei), wird als nebensächlich und für die Argumentation unwesentlich abgetan. Ernst nehmen müsse man ihn auch nicht: die Äußerungen seien „abstrus“ und „verquast“, ein „abenteuerlicher Ausflug in die Erblehre“ (Görtz, 30.08.2010), Sarrazin gebe sich damit als „Spinner“ zu erkennen. Und Politik-Redakteur Reinhard Urschel gibt der SPD sogleich mit: „,Spinner‘ ist kein Ausschlussgrund“ (02.09.2010).<sup>x</sup> Stattdessen fordert der Leiter des Wirtschaftsressorts, Thilo Boss, in einem Leitartikel, die „von Sarrazin angestoßene Zuwanderungsdebatte jetzt als Katalysator für eine bessere Integration zu verstehen und nicht pauschal als eine populistische Grenzüberschreitung zu geißeln, die dem Rechtsextremismus Vorschub leistet.“ Nicht Sarrazin habe ein Problem, sondern die bundesrepublikanische Gesellschaft und ihre politische Elite (Boss, 26.08.2010). Man dürfe Sarrazin nicht stigmatisieren, nur weil er massenweise Menschen als unproduktiv und überflüssig abwertet. Hartz-IV-Empfänger_innen, Muslim_innen und die Bewohner_innen des „tonangebenden linksliberalen Milieus“ (Zehrt, LVZ vom 27.08.2010) mögen sich bitte nicht so haben.</p>
<p>Dabei wird nicht nur übersehen, dass Sarrazin bereits in seinem Interview mit der Zeitschrift „Lettre International“ im September 2009 von – vererbbaren – Unterschieden im durchschnittlichen Intelligenzquotienten verschiedener Bevölkerungsgruppen schwadronierte und auch sonst sozialdarwinistisch argumentierte, weswegen seine Äußerungen in einem von Sarrazins Berliner SPD-Ortsverein beauftragten wissenschaftlichen Gutachten als eindeutig rassistisch eingestuft wurden. Mit der „Rote Linie“-Rhetorik werden zugleich alle Aussagen Sarrazins bis auf die zum angeblichen „Juden-Gen“ als ernstzunehmende, wichtige Wortmeldungen geadelt. Somit wird auch als „unstrittig“ dargestellt, dass es so etwas wie „Parallelgesellschaften“ gebe und von diesen, wie von „Flüchtlingen“, „Ausländern“ und „Migranten aus Entwicklungsländern“ eine grundsätzliche Gefahr für die deutsche Gesellschaft ausgehe. Die „Integrationslücken“ könne man nicht „einfach mit Vanillesoße zugießen“ (Kecke, LVZ vom 06.09.2010).</p>
<p>Die Rahmung der Debatte als „Integrationsdebatte“ oder „Migrationskritik“, die „Migration“ mit „Integrationsproblemen“ quasi in eins setzt, greift – kein Wunder! – auf andere mit diesen Begriffen verknüpfte Themen über. Die Verbindung zu lokalen Geschehnissen und Problemlagen liegt nahe, Sarrazin und die LVZ liefern die Interpretationsvorlage dafür gleich mit. Ein Beispiel aus dem Leser_innenforum bei LVZ-Online: Aus einem Bericht über 42.258 Leipziger Bürger_innen mit einem so genannten Migrationshintergrund, die es laut einer statistischen Erhebung der Stadt gibt,<sup>xi</sup> folgern die Online-Kommentator_innen prompt: „[Das] ist nur eine Bestätigung der Thesen von Herrn Sarrazin – doppelt soviel Kinder doppelt so hohe Arbeitslosenquote liegen nur dem Staat auf der Tasche und bringen nichts.“<sup>xii</sup> Ein anderer Online-Kommentar zieht den konsequenten Schluss: „Das sind exakt 42.258 Menschen zu viel.“<sup>xiii</sup> Dass die LVZ keine Veranlassung sieht, diese wie andere rassistische Auslassungen redaktionell zu moderieren bzw. zu kommentieren, ist dabei fast schon nebensächlich. Anscheinend erkennt die große Mehrheit der Redakteur_innen nicht einmal, wie gefährlich ihre undifferenzierte Berichterstattung ist.</p>
<p><strong>Von „Meinungsdiktatur“ und Umsturzvisionen</strong></p>
<p>Opportunistisch schließt sich die LVZ ihren aktivsten Leser_innen an, die in einer TED-Umfrage zu 99 Prozent Sarrazins Thesen zugestimmt hatten (28.08.2010), und malt den Teufel einer Meinungsdiktatur gegenüber dem vermeintlichen „Volkswillen“ an die Wand. Vom „Querdenker“ (LVZ) zum „Selbstdenker“ (Leserbrief) ist es nicht mehr weit. Sarrazin erscheint als Sprachrohr des ‚Volkes‘, der „unbequeme Wahrheiten“ mutig ausspricht und damit „die Deutschen erreicht“. Zum angeblich nicht von der Hand zu weisenden „Integrationsproblem“, der als antagonistischer Konflikt zwischen den „Deutschen“ und bestimmten Migrant_innen dargestellt wird, kommt der populistische Bruch hinzu: ,Die da oben‘ ignorierten die Anliegen des ‚Volkes‘, das dann auch prompt damit droht, sich zu wehren. Die glücklosen Versuche von Teilen der SPD, sich von Sarrazins rassistischen Äußerungen zu distanzieren, werden ebenso wie die Entbindung Sarrazins von seinen Aufgaben bei der Bundesbank als Angriffe auf die grundrechtlich verbriefte Meinungsfreiheit skandalisiert und erscheinen als das eigentliche parteischädigende Verhalten. So wird verharmlost und zum Kavaliersdelikt erklärt, was viele denken mögen, was aber deswegen nicht weniger menschenverachtend ist. Als Bedrohung für die Demokratie und eigentlich kritikwürdig erscheint die Kritik an Sarrazin, die mit dem Ende der Meinungsfreiheit in Verbindung gebracht wird – garniert mit DDR-Parallelen. Es gehe jetzt um „wesentlich mehr“, nämlich „darum, wie sich Wähler mit Volksvertretern identifizieren. Und es geht darum, wie eine Gesellschaft mit Andersdenkenden umgeht. Sollte der Bundespräsident ein Berufsverbot aussprechen, wird dies sicherlich zu einem führen: Zu mehr Politikverdrossenheit“ (Boss, LVZ vom 03.09.10).</p>
<p>Als wäre das noch nicht genug, bietet die LVZ dem Publizisten Udo Ulfkotte ein Forum für die Verbreitung seiner unerträglichen rassistischen und populistischen Behauptungen, die noch deutlich weiter gehen als Sarrazins Thesen.<sup>xiv</sup> Verschwörungstheoretisch konstruiert Ulfkotte dort eine billionenschwere „Integrations- und Migrationsindustrie“ herbei, die unterstützt durch „eine Schar von naiven Politikern“ „ausschließlich für Zuwanderer“ arbeite. Er schreibt von angeblich verheerenden Auswirkungen für die „ethnisch deutsche“ Bevölkerung und setzt Einwanderung – die er als skrupellosen Import von Migranten bezeichnet – mit der Verabreichung von „Gift“ an die „Einheimischen“ gleich. Demokratischen Politiker_innen wird unterstellt, unter Zuhilfenahme von Migrant_innen gezielt Wohlstand und Werte der „Deutschen“ zu vernichten, wobei der „Wille der Bevölkerung […] mit Füßen getreten“ und „für anormal erklärt“ werde. Neben der Unart, Menschen und ihr Existenzrecht nach ihrer wirtschaftlichen „Nützlichkeit“ für „ethnische Deutsche“ zu bewerten, erschreckt vor allem das von Ulfkotte auf die Zukunft projizierte Bild: Die Bevölkerung werde „aufwachen“, sagt er voraus, und dann werde mit „den Politikern“ gewaltsam „abgerechnet“.<sup>xv</sup></p>
<p><strong>Das Problem heißt Rassismus</strong></p>
<p>Spätestens hier werden die Grenzen eines Gesellschaftsbildes deutlich, das nicht problematisch zu finden vermag, was „die Mitte“ denkt und tut, das „rote Linien“ braucht, um ein Problem zu erkennen und erst bei offensichtlichen NS-Parallelen aufhorcht, das Rassismus und organisierte Neonazis so in eins setzt, dass es Alltagsrassismus gar nicht sehen kann. Ob Sarrazin persönlich ein Rassist ist oder nicht, tut für die Bewertung seiner Argumente ebenso wenig zur Sache wie die Frage, wie viele Menschen ihm zustimmen.</p>
<p>Hier hätte die an anderer Stelle geforderte „Sachlichkeit“ in der Debatte ihren richtigen Platz. Deutschland braucht keine Einwanderungsdebatte, jedenfalls nicht nach Sarrazinschem Muster – die gibt es schon längst und nicht zufällig verweisen die Parteien jetzt auf ihre bereits gesetzlich sanktionierte Strenge mit angeblich „Integrationsunwilligen“. Nein: die LVZ braucht eine Rassismusdebatte – oder Leipzig endlich eine andere Zeitung.</p>
<p>Sarrazins Thesen sind nicht revolutionär, nicht neu, nicht „unbequem“. Sie provozieren niemanden. Sie sind langweilig und rassistisch. Dass sie in der LVZ nicht als solches diskutiert werden, ist der eigentliche Skandal.</p>
<hr /><sup>i</sup> Grundlage der Analyse ist die Berichterstattung zwischen dem 25.8. und dem 15.9.2010<br />
<sup>ii</sup> Maja Zehrt: „Eine Art Dauerdelikt“, LVZ vom 27.08.2010, S. 3<br />
<sup>iii</sup> Thilo Boss: „Deutschland braucht Einwanderungsdebatte“, LVZ vom 26.08.10, S. 1<br />
<sup>iv</sup> Die Frage lautete:“Hat Sarrazin mit seinen Thesen zur Einwanderung Recht?<br />
<sup>v</sup> Jürgen Kleindienst: „Müde Verkaufsshow“, LVZ vom 01.09.2010, S. 11<br />
<sup>vi</sup> Matthias Wöbking: „Endlich sagt das mal einer“, LVZ vom 02.09.2010, S. 9<br />
<sup>vii</sup> Anita Kecke: „Sarrazin auch Problem für die Union“, LVZ vom 06.09.2010, S. 3<br />
<sup>viii</sup> Im Laufe der „Debatte“ wurden auch die hier veröffentlichten Stimmen kontroverser.<br />
<sup>ix</sup> Armin Görtz: „Sarrazin hat nicht in allem Recht“, LVZ vom 30.08.2010, S. 3<br />
<sup>x</sup> Reinhard Urschel: „,Spinner‘ ist kein Ausschlussgrund“, LVZ vom 02.09.2010, S. 3<br />
<sup>xi</sup> „8,4 Prozent der Leipziger haben einen Migrationshintergrund“, LVZ online vom 13.09.10, <a title="http://nachrichten.lvzonline.de/leipzig/citynews/84-prozent-der-leipziger-mit-migrationshintergrund/r-citynews-a-49448.html" href="http://nachrichten.lvzonline.de/leipzig/citynews/84-prozent-der-leipziger-mit-migrationshintergrund/r-citynews-a-49448.html">http://nachrichten.lvzonline.de/leipzig/citynews/84-prozent-der-leipzige&#8230;</a><br />
<sup>xii</sup> Kommentar von „Meine Wenigkeit“ zum Artikel <a title="http://nachrichten.lvz-online.de/leipzig/citynews/84-prozent-derleipziger-mit-migrationshintergrund/r-citynews-a-49448.html" href="http://nachrichten.lvz-online.de/leipzig/citynews/84-prozent-derleipziger-mit-migrationshintergrund/r-citynews-a-49448.html">http://nachrichten.lvz-online.de/leipzig/citynews/84-prozent-derleipzige&#8230;</a><br />
<sup>xiii</sup> Kommentar von „Nino“ zum selben Artikel<br />
<sup>xiv</sup> Der ehemalige FAZ-Autor publizierte bereits in dem völkisch-nationalistischen Blatt „Junge Freiheit“ und veröffentlicht inzwischen im rechtslastigen Kopp-Verlag. Dessen selbsterklärtes Ziel ist es, „Tabuthemen, Political Correctness und Zensur in unserer Gesellschaft“ zu thematisieren. Entsprechend finden sich im Verlagsprogramm viele verschwörungstheoretische und esoterische Machwerke. Neben einer kürzeren Fassung des Ulfkotte-Interviews, das am 27. August in der Printausgabe der LVZ erschien, gibt es auf der Internetseite der Zeitung eine Langversion des Gesprächs zum Download.<br />
<sup>xv</sup> „Wir sind nicht das Weltsozialamt“. Interview mit Udo Ulfkotte. Fragen: Olaf Majer. Kurzfassung: LVZ vom 27.08.10, S. 3; Ankündigung auf S. 1 im Artikel „Integrations-Debatte: Sarrazin soll Bankposten abgeben“; Langfassung unter <a title="http://www.lvz-online.de/download" href="http://www.lvz-online.de/download">http://www.lvz-online.de/download</a></p>
<hr />
<ul>
<li><a href="http://www.engagiertewissenschaft.de/de/stellungnahme/leipzig-braucht-debatte-um-rassismus">Unterzeichnen Sie diese Stellungnahme online</a></li>
<li>Zu Ausdrucken: PDF-Version</li>
</ul>
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		<title>Making up Rassismus! – und ein Plädoyer für den „unwiss&#8230;</title>
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		<pubDate>Thu, 02 Sep 2010 13:37:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>critiska</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Emanzipation]]></category>
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		<description><![CDATA[Zur Debatte um den derzeitigen Vorzeigerassisten Thilo Sarrazin ist schon   viel gesagt und geschrieben worden. Zwei Punkte, die in der Debatte nicht so   zentral diskutiert werden, möchte ich hingegen hier kurz in den Mittelpunkt   stellen.
Zunächst ist es spannend mitzuerleben wie rassistische   Argumentationsmuster sich bilden und entwickeln. Hierzu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zur Debatte um den derzeitigen Vorzeigerassisten Thilo Sarrazin ist schon   viel gesagt und geschrieben worden. Zwei Punkte, die in der Debatte nicht so   zentral diskutiert werden, möchte ich hingegen hier kurz in den Mittelpunkt   stellen.</p>
<p>Zunächst ist es spannend mitzuerleben wie rassistische   Argumentationsmuster sich bilden und entwickeln. Hierzu kann man auf die   Ideen von Ian Hacking zurückgreifen, der in seinem Essay „<a href="http://www.generation-online.org/c/fcbiopolitics2.htm">Making up   People</a>“ auf sehr interessante Weise zeigt, wie Personengruppen gemacht,   also definiert, klassifiziert, quantifiziert, normiert etc. werden. Genau das   hat auch Sarrazin auf nahezu perfekte Weise hinbekommen.</p>
<p>Er hat das   vollzogen, was Hacking beschreibt: <em>„More generally, we try to biologise, to   recognise a biological foundation for the problems that beset a class of   people“</em>. Sarrazins Argumentation wirkt wie ein Begehren nach einer   biologisch und genetisch einwandfrei verstehbaren Welt, auf deren Grundlage   und durch das Wissen ihrer Funktionsweisen man ganz einfach steuern und   Probleme lösen kann. Nur wird diese Welt eben nicht durch diesen   biologistischen und genetisierten Blick einer adäquaten Analyse vollzogen,   sondern sie wird – inklusive der Menschen und ihrer Probleme – erst durch   diesen Blick erschaffen. Und so erschafft sich auch der Rassismus von   Sarrazin selbst. In dem er die vermeintlichen Probleme erzeugt, definiert,   ordnet und schließlich lösen will.</p>
<p>Dass diese Welt nicht so funktioniert, kann jede Person jeden Tag erleben,   wenn sie sich den Realitäten stellt und mit dem Blick für Ambivalenzen,   Uneindeutigkeiten und Kontingenzen eine andere Welt erschafft.</p>
<p>Daran schließt sich noch ein <em>weiterer Punkt</em> an, der in der   Debatte um die Thesen von Sarrazin nicht so im Fokus steht. Gemeint ist die   Frage der Entwicklung von Bildung und Wissen in unser heutigen Welt. Bei   Sarrazin muss man das Gefühl haben, dass der Zugang zu Bildung und das   Verstehen von Welt sich biologisch und sogar genetisch vermittelt. Das   heißt, dass das Ideal der Gleichheit der Menschen und der Gleicheit der   Chancen hier in tausend Stücke zerfällt.</p>
<p>Dieser Sichtweise, dass sich “Intelligenz” und Bildung genetisch   entwickeln und determinieren, kann man eine ganz andere Position   entgegenstellen. Sie stammt vom französischen Philosophen Jacques   Rancière, der sie in seinem Buch “Der unwissende Lehrmeister”   ausgebreitet hat. Ausgehend von seiner engagierten Darstellung der   historischen Figur Joseph Jacotot, eines universitäten Lehrbeauftragten in   den Niedelanden des 19. Jahrhunderts, macht Rancière daraus ein Plädoyer   für ein Lernen und Lehren ohne elitären Habitus. Dazu gehört ebenso das   Wissen um die Gleichheit aller Menschen. Ohne biologistische Zwangsbrille und   genetisch-deterministisches Weltbild auskommend, zeigt diese Sicht auf die   Menschen, dass die Möglichkeiten für Lernen und die Emanzipation durch   Bildung erst einmal alle gleich in allen Menschen vorzufinden sind. Wichtig   ist nur, diese Möglichkeiten zu fördern – was weder die aktuelle   Bildungslandschaft noch die Debatten über Migration und “Unterschicht”   tun.</p>
<p>Dazu Rancière: <em>“Man hat keine besonderen pädagogischen Leistungen   von einem emanzipierten Gärtner zu erwarten oder überhaupt von einem   unwissenden Lehrmeister. Was ein Empanzipierter wesentlich kann, ist,   Emanzipierender zu sein: nicht den Schlüssel zum Wissen geben, sondern das   Bewusstsein davon, was eine Intelligenz sein kann, wenn sie sich allen   anderen gleich und jeden anderen als ihr gleich betrachtet.”</em></p>
<p>Eine solche Position suchen wir bei Sarrazin und Co. vergeblich. Sie   glauben zu wissen, aber letztendlich stehen sie einer intellektuellen und   gesellschaftlichen Emanzipation fundamental entgegen.</p>
<p>[Auch erschienen als Editorial unseres Newsletters vom September 2010]</p>
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		<title>Kulturfragen</title>
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		<pubDate>Sat, 03 Jul 2010 10:52:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>alocin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschsein]]></category>
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		<description><![CDATA[Bilder sprechen für sich.
Hier: Das Auswärtige Amt stellt die &#8220;Aktion Afrika&#8221; vor. Es geht um deutsch-afrikanischen Kulturaustausch. Nebenbei wird Afrika als bilateraler Partner für Deutschland mal wieder als ein Gesamtstaat behandelt.
Mir geht es aber um die beiden Bilder:
Wie sieht &#8216;deutsche&#8217; Kultur aus, und was ist &#8216;afrikanische&#8217; Kultur?





Auswärtiges Amt: &#8220;Aktion Afrika &#8211; Deutschland setzt sein Engagement [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bilder sprechen für sich.<br />
Hier: Das Auswärtige Amt stellt die &#8220;Aktion Afrika&#8221; vor. Es geht um deutsch-afrikanischen Kulturaustausch. Nebenbei wird Afrika als bilateraler Partner für Deutschland mal wieder als ein Gesamtstaat behandelt.</p>
<p>Mir geht es aber um die beiden Bilder:<br />
Wie sieht &#8216;deutsche&#8217; Kultur aus, und was ist &#8216;afrikanische&#8217; Kultur?</p>
<div class="mceTemp">
<dl id="attachment_232" class="wp-caption" style="width: 460px;">
<dt class="wp-caption-dt"><a rel="attachment wp-att-232" href="http://www.diffusionen.de/2010/07/03/kulturfragen/bild-5/"><img class="size-medium wp-image-232" src="http://www.diffusionen.de/wp-content/uploads/2010/07/Bild-5-450x714.png" alt="" width="450" height="714" /></a></dt>
</dl>
</div>
<p>Auswärtiges Amt: &#8220;Aktion Afrika &#8211; Deutschland setzt sein Engagement fort&#8221;.</p>
<p>Zu finden auf <a href="http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Aussenpolitik/RegionaleSchwerpunkte/Afrika/Kultur/aktion-afrika-grundsatz,__page=3.html">www.auswaertiges-amt.de</a></p>
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		<title>Das E-Wort als notwendige Skandalisierung?</title>
		<link>http://www.diffusionen.de/2010/06/17/das-e-wort-als-notwendige-skandalisierung/</link>
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		<pubDate>Thu, 17 Jun 2010 21:53:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>elb</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der ehemalige Berliner Finanzsenator, von einigen Zuständigkeiten entlastete Bundesbank-Vorstand und nach wie vor SPD-Parteibuchbesitzer Thilo Sarrazin hat sich wieder einmal geäußert. &#8220;Rassistisch&#8221;, sagt (u.a.) die taz: Intelligenz sei &#8220;zu fast 80%&#8221; erblich und unterscheide sich zwischen (nach Herkunft unterschiedenen) Bevölkerungsgruppen, die auch ein unterschiedliches Reproduktionsverhalten hätten. Beides zusammen bedrohe Deutschland. &#8220;Provokant&#8221;, sagt der Spiegel. &#8220;Dumm [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der ehemalige Berliner Finanzsenator, von einigen Zuständigkeiten entlastete Bundesbank-Vorstand und nach wie vor SPD-Parteibuchbesitzer Thilo Sarrazin hat sich wieder einmal geäußert. &#8220;<a href="http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/wir-werden-immer-duemmer/">Rassistisch&#8221;, sagt (u.a.) die taz</a>: Intelligenz sei &#8220;zu fast 80%&#8221; erblich und unterscheide sich zwischen (nach Herkunft unterschiedenen) Bevölkerungsgruppen, die auch ein unterschiedliches Reproduktionsverhalten hätten. Beides zusammen bedrohe Deutschland. &#8220;Provokant&#8221;, sagt der Spiegel. &#8220;Dumm und nicht weiterführend&#8221;, sagt die Kanzlerin (laut <a href="http://jungle-world.com/artikel/2010/24/41134.html">Jungle World</a>). &#8220;Rechtsextrem&#8221;, sagt,  <a href="http://blog.derbraunemob.info/2010/06/16/berlin-21-6-2010-18h-demo-gegen-sarrazin/#more-2339">wie der Schwarze Blog berichtet</a>, der Aufruf zu einer Demo gegen Sarrazin am 21.6. in Berlin. Die Forderungen, laut <a href="http://profile.ak.fbcdn.net/hprofile-ak-snc4/hs167.ash2/41498_1339647064_6862_n.jpg">Flyer</a>:</p>
<blockquote>
<ol>
<li>Sarrazin muss aus der SPD ausgeschlossen werden!</li>
<li>Entlassung Sarrazins vom Vorstand der Bundesbank!</li>
<li>Gesicht zeigen gegen Rassismus!</li>
</ol>
</blockquote>
<p>Der beim Schwarzen Blog dokumentierte Aufruf weiter:</p>
<blockquote><p>“SARRAZINS RECHTSEXTREME ÄUSSERUNGEN NEHMEN WIR NICHT LÄNGER HIN !!!  DESHALB BITTEN WIR JEDEN UNS IN DIESEM VORHABEN ZU UNTERSTÜTZEN UND AM <strong>MONTAG,  21.06.2010 um 18 Uhr vor dem WILLY-BRANDT-HAUS</strong> mit uns zu  demonstrieren ! Je mehr Leute wir sind, desto klarer wird der SPD, dass  Herr Sarrazin aus der SPD ausgeschlossen werden muss (…)</p>
<p>Die ZEIT IST GEKOMMEN, um der Führungsriege der SPD klar zu machen,  dass wir diese RECHTSEXTREMEN ÄUSSERUNGEN NICHT LÄNGER HINNEHMEN (…)</p></blockquote>
<p>So schnell wird aus Rassismus Rechtsextremismus. Die <a href="http://www.spd-berlin.de/w/files/spd-presse/pe-012-schiedskommission-zu-sarrazin.pdf">Entscheidung</a> gegen einen Parteiausschluss Sarrazins geschah u.a. mit dem Argument, Rassismus habe in der SPD zwar keinen Platz, Sarrazins Äußerungen seien aber &#8211; entgegen dem eigens eingeholten Gutachten &#8211; nicht &#8220;im klassischen Sinne&#8221; rassistisch. Der Nicht-Ausschluss stelle aber keinen &#8220;Freifahrtschein für weitere Provokationen&#8221; dar. Sarrazin war vermutlich nicht der Meinung, einen solchen zu brauchen.</p>
<p>Ob die öffentliche Forderung nach einem Parteiausschluss fruchtet? Sarrazins aktuelle Aussagen sind nicht mehr oder weniger, sondern ziemlich genau so rassistisch wie die früheren. Jenseits der Frage, was und wem ein solcher Ausschluss nützt, ist auch die Frage interessant, welche Reaktionen die Unterstellung, Sarrazins Äußerungen seien nicht (nur) rassistisch, sondern (auch) rechtsextrem, in der SPD hervorrufen wird. Die Definitionen von &#8220;rechtsextrem&#8221; eignen sich noch besser als bekannte Rassismusdefinitionen für eine vergleichbare Argumentation gegen den Ausschluss. Ist die Begriffsverschiebung als größere Skandalisierung gemeint? Muss Rechtsextremismus auch ablehnen, wer Rassismus toleriert? Ist, was als &#8220;extrem&#8221; bezeichnet wird, tatsächlich leichter auszuschließen, als etwas, das menschenfeindlich und rassistisch ist?</p>
<p>Der Verein DeuKische Generation e.V. spricht auch in einem <a href="http://www.deukischegeneration.de/index2.html">Offenen Brief an Sigmar Gabriel </a>von rechtsextremen Äußerungen Sarrazins und fordert den sofortigen Parteiausschluss.</p>
<p>Siehe auch: <a href="http://www.diffusionen.de/2010/03/24/sarrazin-rassismusdefinitionen-und-die-spd/">Sarrazin, Rassismusdefinitionen und die SPD</a></p>
<p>Danke an: <a href="http://blog.derbraunemob.info/2010/06/16/berlin-21-6-2010-18h-demo-gegen-sarrazin/">Der Schwarze Blog </a></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Sarrazin, Rassismusdefinitionen und die SPD</title>
		<link>http://www.diffusionen.de/2010/03/24/sarrazin-rassismusdefinitionen-und-die-spd/</link>
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		<pubDate>Wed, 24 Mar 2010 11:15:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>elb</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Gerade läuft die internationale Woche gegen Rassismus. Die Debatte um die Äußerungen Thilo Sarrazins in der Zeitschrift &#8220;Lettre International&#8221; zeigt deutlich, dass keine Einigkeit darüber besteht, was &#8220;Rassismus&#8221; denn nun ist &#8211; geschweige denn, was es bedeutet, &#8220;gegen Rassismus&#8221; zu sein.
Wir erinnern uns: der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank und prominenter [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gerade läuft die <a href="http://www.interkultureller-rat.de/projekte/internationale-wochen-gegen-rassismus/#a1">internationale Woche gegen Rassismus</a>. Die Debatte um die Äußerungen Thilo Sarrazins in der Zeitschrift &#8220;Lettre International&#8221; zeigt deutlich, dass keine Einigkeit darüber besteht, was &#8220;Rassismus&#8221; denn nun ist &#8211; geschweige denn, was es bedeutet, &#8220;gegen Rassismus&#8221; zu sein.</p>
<p>Wir erinnern uns: der ehemalige Berliner Finanzsenator<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Thilo_Sarrazin"> Thilo Sarrazin</a>, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank und prominenter SPD-Genosse, äußerte sich im <strong>September 2009</strong> in einem Interview mit der Zeitschrift &#8220;Lettre International&#8221; abfällig über &#8220;Menschen [...], die nicht ökonomisch gebraucht werden&#8221;. Zu diesen gehörten &#8220;Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt, deren Anzahl durch falsche Politik zugenommen hat&#8221; und die &#8220;keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel&#8221; hätten. Die Mentalität dieser Menschen sei &#8220;aggressiv und atavistisch&#8221;, sie seien in weiten Teilen &#8220;weder integrationswillig noch integrationsfähig&#8221; und &#8220;produziert[en]&#8221; &#8220;ständig neue kleine Kopftuchmädchen&#8221;. Speziell türkische Menschen &#8220;erobern&#8221; Deutschland &#8220;durch eine höhere Geburtenrate&#8221;. Aber auch &#8220;verfettete Subventionsempfänger&#8221;, &#8220;Unterschichtengeburten&#8221; und &#8220;Nichtleistungsträger&#8221; will Sarrazin nicht mehr in Berlin haben. Im Gegensatz dazu sprach er von &#8220;vielen fleißigen asiatischen Arbeitern, von Thailand bis China&#8221; sowie von der &#8220;altdeutsche[n] Arbeitsauffassung&#8221; der &#8220;Detuschrussen&#8221; und attestierte jüdischen Menschen aus Osteuropa einen &#8220;um 15% höheren IQ&#8221; als der deutschen Bevölkerung. Direkte Folge: eine mediale Debatte, schnelle Solidaritätsbekundungen und Schulterklopfen für Sarrazin (unter anderem von <a href="http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/deutschland_in_aufruhr/">Henryk M. Broder</a>, <a href="http://www.focus.de/politik/deutschland/ralph-giordano-sarrazin-hat-vollkommen-recht_aid_442352.html">Ralph Giordano</a>, aber auch der DVU, der PRO-Bewegung und den Republikanern), Anregung eines Parteiausschlussverfahrens aus der SPD, <a href="http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,654915,00.html">Ärger</a> <a href="http://www.focus.de/politik/deutschland/thilo-sarrazin-bundesbank-praesident-legt-ruecktritt-nahe_aid_441393.html">mit der Bank</a>- derweil Lettre International mit dem Blick über den Tellerrand und kontroversen Interviews wirbt.</p>
<p>Ein erster Antrag auf Parteiausschluss durch Mitglieder seines SPD-Kreisverbandes wird im <strong>November 2009 </strong>abgelehnt &#8211; unter anderem mit Verweis auf das Hamburger Programm der SPD, das eine  Integrationsbereitschaft &#8220;seitens der Migranten&#8221; fordere, und die  Tradition der SPD, die &#8220;stets Raum für verschiedene Auffassungen  gelassen&#8221; habe (siehe <a href="http://www.spd-berlin.de/w/files/spd-presse/pe-012-schiedskommission-zu-sarrazin.pdf">hier</a>).</p>
<p>Im <strong>Dezember 2009</strong> kommt ein vom SPD-Kreisverband Spandau und der SPD-Abteilung Alt-Pankow in Auftrag gegebenes wissenschaftliches <a href="http://blog.derbraunemob.info/wp-content/uploads/2010/01/Botsch_Gutachten-SPD-Schiedskommission.pdf"> Gutachten</a> (Autor: Dr. Gideon Botsch, Moses-Mendelssohn-Institut) zu dem Schluss, dass &#8220;die Äußerungen von Dr. Thilo Sarrazin  im Interview mit der Zeitschrift &#8216;Lettre International&#8217; (deutsche Ausgabe, Heft 86)&#8221; eindeutig als rassistisch zu bewerten seien.  <a href="http://blog.derbraunemob.info/2010/01/22/wissenschaftliches-gutachten-sarrazins-aeuszerungen-eindeutig-rassistisch/">Der Schwarze Blog kommentiert</a>. Botsch beschreibt eingangs, dass es unterschiedliche Rassismusdefinitionen und unterschiedliche Spielarten des Rassismus gibt (bspw. kulturalisierenden Rassismus und &#8220;sozialen Rassismus&#8221;), und bezieht sich auf Albert Memmi, demzufolge Rassismus in einer &#8220;Hervorhebung von Unterschieden, in einer Wertung dieser Unterschiede und schließlich im Gebrauch dieser Wertung im Interesse und zugunsten des Anklägers&#8221; bestehe (Memmi, Rassismus, S. 44). Von Rassismus könne entsprechend nur gesprochen werden, wenn &#8220;Differenz, Wertung, Verallgemeinerung und Funktion&#8221; vorliegen (Botsch, S. 4). Das Gutachten weist den Äußerungen Sarrazins kulturalistischen und sozialen Rassismus sowie andere gruppenbezogene Vorbehalte nach &#8211; und weist explizit darauf hin, dass die Identifikation rassistischer Äußerungen nicht gleichzusetzen ist mit dem Vorwurf, jemand sei Rassist (<a href="http://www.youtube.com/watch?v=b0Ti-gkJiXc&amp;feature=player_embedded">Jay Smooth hat&#8217;s immer noch gut formuliert</a> und diese Unterscheidung scheint auch rechtlich relevant zu sein, wie die <a href="http://andersdeutsch.blogger.de/stories/1600708/">Kontroverse um Dr. Sabine Schiffer</a> deutlich macht).</p>
<p>Im <strong>März 2010</strong> entscheidet die SPD-Landesschiedskommission Berlin, dass Sarrazin Mitglied der SPD bleiben darf. Die Entscheidung (hier <a href="http://www.spd-berlin.de/w/files/spd-presse/pe-012-schiedskommission-zu-sarrazin.pdf">als  pdf</a>) hält fest: &#8220;<em>Rassismus hat in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands keinen Platz.</em>&#8221; (im Original fett) Sarrazin wird dennoch nicht ausgeschlossen &#8211; weil seine Äußerungen nicht alle Kriterien für Rassismus erfüllen. Weil nicht nur Migrant_innen, sondern auch ein &#8220;bestimmter Teil der deutschen Bevölkerung&#8221; kritisiert würden, finde kein Rassismus statt &#8211; es würden schließlich Gruppen von Migrant_innen mit Gruppen von Deutschen gleichgesetzt. Eine Verallgemeinerung finde nicht statt, weil Sarrazin nicht von &#8220;den Migranten&#8221; rede, sondern zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen unterscheide. In dem Dokument ist außerdem zu lesen, Sarrazins &#8220;Tabubruch&#8221; sei in &#8220;den Reihen der Menschen mit Migrationshintergrund&#8221; auf Verständnis gestoßen &#8211; und Sarrazin (der &#8220;Antragsgegner&#8221;) beklagt die Tabuisierung seiner Kritik u.a. durch &#8220;staatlich finanzierte Antidiskriminierungsvereine&#8221;, die den Rassismusvorwurf strategisch einsetzten, um Dinge &#8220;unter der Decke&#8221; zu halten. Zurück zur Entscheidung: wenn sich Sarrazin auch vom &#8220;Menschenbild des Hamburger Programms entfernt&#8221; hätte, so wiege das Gut der Meinungsfreiheit schwerer: &#8220;<em>Die Volkspartei SPD muss solche provokanten Äußerungen aushalten</em>.&#8221;  Sarrazin erhalte damit aber &#8220;<em>keinen Freifahrtschein für alle künftigen Provokationen</em>&#8221; (kursive Hervorhebungen sind im Original fett). Parteischädigendes Verhalten sei in seinen bisherigen Äußerungen noch nicht festzustellen.</p>
<p><a href="http://www.taz.de/1/berlin/artikel/1/persilschein-fuer-alle-rassisten/">Sebastian Heiser kommentiert in der taz</a>: ein Parteiausschluss hätte &#8220;nochmal die ganz große Runde gemacht&#8221;, der Nicht-Ausschluss sei also als strategisch zu verstehen &#8211; und musste dennoch inhaltlich begründet werden, woran die Schiedskommission gescheitert sei. Dies habe verheerende Folgen &#8211; darunter in Heisers Worten &#8220;ein Persilschein für Rassisten&#8221;. <a href="http://www.taz.de/1/berlin/artikel/1/das-ist-geradezu-grotesk/">Hajo Funke betont in der taz </a>den rassistischen und sozialdarwinistischen Charakter von Sarrazins Äußerungen, die er als &#8220;rassistischen Rechtspopulismus&#8221; bezeichnet. Die Kommission, die sich auf die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Rassismus#Rassismusdefinition_nach_Albert_Memmi">Rassismusdefinition von Albert Memmi</a> beruft, habe &#8220;den Memmi und den Rassismusdiskurs nicht verstanden&#8221;. Die Behauptung, durch die &#8220;Differenzierung zwischen Migrantengruppen&#8221; (taz) sei das Kriterium, dass sich eine Beschuldigung gegen fast alle Mitglieder einer Gruppe richte, nicht erfüllt, bezeichnet Funke as &#8220;geradezu grotesk&#8221;. <a href="http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/chance-verpasst/">Im Kommentar von Daniel Bax</a> wird die Schiedskommission mit der Aussage paraphrasiert, Sarrazins Aussagen seien nicht biologisch begründet, also nicht &#8220;im klassischen Sinne rassistisch&#8221;. Bax prophezeit: die SPD wird sich auch in Zukunft mit &#8220;dummen Sprüchen&#8221; Sarrazins &#8220;herumschlagen&#8221; müssen &#8211; weil die Entscheidung als Bestätigung seiner Positionen wirkt. Wie <a href="http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/sarrazin-darf-sozi-bleiben/">die taz berichtete</a>, gibt Sarrazin den Vorwurf, nicht für die SPD zu sprechen, nun an die Parteilinke weiter.</p>
<p>Die SPD lehnt also Rassismus ab. Kulturalisierende, ethnisierende und sozialdarwinistische Zuschreibungen, Abwertungen und Ressentiments gelten laut Landesschiedskommission zwar als problematisch, weil sie &#8220;viele Menschen verletzt&#8221; haben &#8211; aber nicht als Spielarten des Rassismus. Dass Intelligenz und ökonomische Nützlichkeit an soziale Herkunft, Nationalität und die Zugehörigkeit zu doch recht großen &#8220;Kulturkreisen&#8221; geknüpft werden und Sarrazin sich zudem aus dem Fundus antisemitischer Klischees bedient, scheint dabei nicht weiter zu stören. Wenn Sarrazins Äußerungen SPD-Organen nicht als &#8220;parteischädigend&#8221; gelten, sondern Positionen repräsentieren, die innerhalb der Volkspartei &#8220;ausgehalten&#8221; werden müssen, nimmt diese zumindest in meinen Augen Schaden. Um eine Formulierung von Sarrazin zu borgen: Ich muss niemanden respektieren, der mehrfach privilegiert ist, die Gleichwertigkeit aller Menschen abstreitet und ständig neue &#8220;Tabubrüche&#8221; produziert.</p>
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