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	<title>.: Diffusionen.de &#187; soziale Klasse</title>
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	<description>Fundiertes Genörgel wider die Abstraktion des Politischen</description>
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		<title>Sarrazin, Rassismusdefinitionen und die SPD</title>
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		<pubDate>Wed, 24 Mar 2010 11:15:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>elb</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Gerade läuft die internationale Woche gegen Rassismus. Die Debatte um die Äußerungen Thilo Sarrazins in der Zeitschrift &#8220;Lettre International&#8221; zeigt deutlich, dass keine Einigkeit darüber besteht, was &#8220;Rassismus&#8221; denn nun ist &#8211; geschweige denn, was es bedeutet, &#8220;gegen Rassismus&#8221; zu sein.
Wir erinnern uns: der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank und prominenter [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gerade läuft die <a href="http://www.interkultureller-rat.de/projekte/internationale-wochen-gegen-rassismus/#a1">internationale Woche gegen Rassismus</a>. Die Debatte um die Äußerungen Thilo Sarrazins in der Zeitschrift &#8220;Lettre International&#8221; zeigt deutlich, dass keine Einigkeit darüber besteht, was &#8220;Rassismus&#8221; denn nun ist &#8211; geschweige denn, was es bedeutet, &#8220;gegen Rassismus&#8221; zu sein.</p>
<p>Wir erinnern uns: der ehemalige Berliner Finanzsenator<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Thilo_Sarrazin"> Thilo Sarrazin</a>, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank und prominenter SPD-Genosse, äußerte sich im <strong>September 2009</strong> in einem Interview mit der Zeitschrift &#8220;Lettre International&#8221; abfällig über &#8220;Menschen [...], die nicht ökonomisch gebraucht werden&#8221;. Zu diesen gehörten &#8220;Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt, deren Anzahl durch falsche Politik zugenommen hat&#8221; und die &#8220;keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel&#8221; hätten. Die Mentalität dieser Menschen sei &#8220;aggressiv und atavistisch&#8221;, sie seien in weiten Teilen &#8220;weder integrationswillig noch integrationsfähig&#8221; und &#8220;produziert[en]&#8221; &#8220;ständig neue kleine Kopftuchmädchen&#8221;. Speziell türkische Menschen &#8220;erobern&#8221; Deutschland &#8220;durch eine höhere Geburtenrate&#8221;. Aber auch &#8220;verfettete Subventionsempfänger&#8221;, &#8220;Unterschichtengeburten&#8221; und &#8220;Nichtleistungsträger&#8221; will Sarrazin nicht mehr in Berlin haben. Im Gegensatz dazu sprach er von &#8220;vielen fleißigen asiatischen Arbeitern, von Thailand bis China&#8221; sowie von der &#8220;altdeutsche[n] Arbeitsauffassung&#8221; der &#8220;Detuschrussen&#8221; und attestierte jüdischen Menschen aus Osteuropa einen &#8220;um 15% höheren IQ&#8221; als der deutschen Bevölkerung. Direkte Folge: eine mediale Debatte, schnelle Solidaritätsbekundungen und Schulterklopfen für Sarrazin (unter anderem von <a href="http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/deutschland_in_aufruhr/">Henryk M. Broder</a>, <a href="http://www.focus.de/politik/deutschland/ralph-giordano-sarrazin-hat-vollkommen-recht_aid_442352.html">Ralph Giordano</a>, aber auch der DVU, der PRO-Bewegung und den Republikanern), Anregung eines Parteiausschlussverfahrens aus der SPD, <a href="http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,654915,00.html">Ärger</a> <a href="http://www.focus.de/politik/deutschland/thilo-sarrazin-bundesbank-praesident-legt-ruecktritt-nahe_aid_441393.html">mit der Bank</a>- derweil Lettre International mit dem Blick über den Tellerrand und kontroversen Interviews wirbt.</p>
<p>Ein erster Antrag auf Parteiausschluss durch Mitglieder seines SPD-Kreisverbandes wird im <strong>November 2009 </strong>abgelehnt &#8211; unter anderem mit Verweis auf das Hamburger Programm der SPD, das eine  Integrationsbereitschaft &#8220;seitens der Migranten&#8221; fordere, und die  Tradition der SPD, die &#8220;stets Raum für verschiedene Auffassungen  gelassen&#8221; habe (siehe <a href="http://www.spd-berlin.de/w/files/spd-presse/pe-012-schiedskommission-zu-sarrazin.pdf">hier</a>).</p>
<p>Im <strong>Dezember 2009</strong> kommt ein vom SPD-Kreisverband Spandau und der SPD-Abteilung Alt-Pankow in Auftrag gegebenes wissenschaftliches <a href="http://blog.derbraunemob.info/wp-content/uploads/2010/01/Botsch_Gutachten-SPD-Schiedskommission.pdf"> Gutachten</a> (Autor: Dr. Gideon Botsch, Moses-Mendelssohn-Institut) zu dem Schluss, dass &#8220;die Äußerungen von Dr. Thilo Sarrazin  im Interview mit der Zeitschrift &#8216;Lettre International&#8217; (deutsche Ausgabe, Heft 86)&#8221; eindeutig als rassistisch zu bewerten seien.  <a href="http://blog.derbraunemob.info/2010/01/22/wissenschaftliches-gutachten-sarrazins-aeuszerungen-eindeutig-rassistisch/">Der Schwarze Blog kommentiert</a>. Botsch beschreibt eingangs, dass es unterschiedliche Rassismusdefinitionen und unterschiedliche Spielarten des Rassismus gibt (bspw. kulturalisierenden Rassismus und &#8220;sozialen Rassismus&#8221;), und bezieht sich auf Albert Memmi, demzufolge Rassismus in einer &#8220;Hervorhebung von Unterschieden, in einer Wertung dieser Unterschiede und schließlich im Gebrauch dieser Wertung im Interesse und zugunsten des Anklägers&#8221; bestehe (Memmi, Rassismus, S. 44). Von Rassismus könne entsprechend nur gesprochen werden, wenn &#8220;Differenz, Wertung, Verallgemeinerung und Funktion&#8221; vorliegen (Botsch, S. 4). Das Gutachten weist den Äußerungen Sarrazins kulturalistischen und sozialen Rassismus sowie andere gruppenbezogene Vorbehalte nach &#8211; und weist explizit darauf hin, dass die Identifikation rassistischer Äußerungen nicht gleichzusetzen ist mit dem Vorwurf, jemand sei Rassist (<a href="http://www.youtube.com/watch?v=b0Ti-gkJiXc&amp;feature=player_embedded">Jay Smooth hat&#8217;s immer noch gut formuliert</a> und diese Unterscheidung scheint auch rechtlich relevant zu sein, wie die <a href="http://andersdeutsch.blogger.de/stories/1600708/">Kontroverse um Dr. Sabine Schiffer</a> deutlich macht).</p>
<p>Im <strong>März 2010</strong> entscheidet die SPD-Landesschiedskommission Berlin, dass Sarrazin Mitglied der SPD bleiben darf. Die Entscheidung (hier <a href="http://www.spd-berlin.de/w/files/spd-presse/pe-012-schiedskommission-zu-sarrazin.pdf">als  pdf</a>) hält fest: &#8220;<em>Rassismus hat in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands keinen Platz.</em>&#8221; (im Original fett) Sarrazin wird dennoch nicht ausgeschlossen &#8211; weil seine Äußerungen nicht alle Kriterien für Rassismus erfüllen. Weil nicht nur Migrant_innen, sondern auch ein &#8220;bestimmter Teil der deutschen Bevölkerung&#8221; kritisiert würden, finde kein Rassismus statt &#8211; es würden schließlich Gruppen von Migrant_innen mit Gruppen von Deutschen gleichgesetzt. Eine Verallgemeinerung finde nicht statt, weil Sarrazin nicht von &#8220;den Migranten&#8221; rede, sondern zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen unterscheide. In dem Dokument ist außerdem zu lesen, Sarrazins &#8220;Tabubruch&#8221; sei in &#8220;den Reihen der Menschen mit Migrationshintergrund&#8221; auf Verständnis gestoßen &#8211; und Sarrazin (der &#8220;Antragsgegner&#8221;) beklagt die Tabuisierung seiner Kritik u.a. durch &#8220;staatlich finanzierte Antidiskriminierungsvereine&#8221;, die den Rassismusvorwurf strategisch einsetzten, um Dinge &#8220;unter der Decke&#8221; zu halten. Zurück zur Entscheidung: wenn sich Sarrazin auch vom &#8220;Menschenbild des Hamburger Programms entfernt&#8221; hätte, so wiege das Gut der Meinungsfreiheit schwerer: &#8220;<em>Die Volkspartei SPD muss solche provokanten Äußerungen aushalten</em>.&#8221;  Sarrazin erhalte damit aber &#8220;<em>keinen Freifahrtschein für alle künftigen Provokationen</em>&#8221; (kursive Hervorhebungen sind im Original fett). Parteischädigendes Verhalten sei in seinen bisherigen Äußerungen noch nicht festzustellen.</p>
<p><a href="http://www.taz.de/1/berlin/artikel/1/persilschein-fuer-alle-rassisten/">Sebastian Heiser kommentiert in der taz</a>: ein Parteiausschluss hätte &#8220;nochmal die ganz große Runde gemacht&#8221;, der Nicht-Ausschluss sei also als strategisch zu verstehen &#8211; und musste dennoch inhaltlich begründet werden, woran die Schiedskommission gescheitert sei. Dies habe verheerende Folgen &#8211; darunter in Heisers Worten &#8220;ein Persilschein für Rassisten&#8221;. <a href="http://www.taz.de/1/berlin/artikel/1/das-ist-geradezu-grotesk/">Hajo Funke betont in der taz </a>den rassistischen und sozialdarwinistischen Charakter von Sarrazins Äußerungen, die er als &#8220;rassistischen Rechtspopulismus&#8221; bezeichnet. Die Kommission, die sich auf die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Rassismus#Rassismusdefinition_nach_Albert_Memmi">Rassismusdefinition von Albert Memmi</a> beruft, habe &#8220;den Memmi und den Rassismusdiskurs nicht verstanden&#8221;. Die Behauptung, durch die &#8220;Differenzierung zwischen Migrantengruppen&#8221; (taz) sei das Kriterium, dass sich eine Beschuldigung gegen fast alle Mitglieder einer Gruppe richte, nicht erfüllt, bezeichnet Funke as &#8220;geradezu grotesk&#8221;. <a href="http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/chance-verpasst/">Im Kommentar von Daniel Bax</a> wird die Schiedskommission mit der Aussage paraphrasiert, Sarrazins Aussagen seien nicht biologisch begründet, also nicht &#8220;im klassischen Sinne rassistisch&#8221;. Bax prophezeit: die SPD wird sich auch in Zukunft mit &#8220;dummen Sprüchen&#8221; Sarrazins &#8220;herumschlagen&#8221; müssen &#8211; weil die Entscheidung als Bestätigung seiner Positionen wirkt. Wie <a href="http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/sarrazin-darf-sozi-bleiben/">die taz berichtete</a>, gibt Sarrazin den Vorwurf, nicht für die SPD zu sprechen, nun an die Parteilinke weiter.</p>
<p>Die SPD lehnt also Rassismus ab. Kulturalisierende, ethnisierende und sozialdarwinistische Zuschreibungen, Abwertungen und Ressentiments gelten laut Landesschiedskommission zwar als problematisch, weil sie &#8220;viele Menschen verletzt&#8221; haben &#8211; aber nicht als Spielarten des Rassismus. Dass Intelligenz und ökonomische Nützlichkeit an soziale Herkunft, Nationalität und die Zugehörigkeit zu doch recht großen &#8220;Kulturkreisen&#8221; geknüpft werden und Sarrazin sich zudem aus dem Fundus antisemitischer Klischees bedient, scheint dabei nicht weiter zu stören. Wenn Sarrazins Äußerungen SPD-Organen nicht als &#8220;parteischädigend&#8221; gelten, sondern Positionen repräsentieren, die innerhalb der Volkspartei &#8220;ausgehalten&#8221; werden müssen, nimmt diese zumindest in meinen Augen Schaden. Um eine Formulierung von Sarrazin zu borgen: Ich muss niemanden respektieren, der mehrfach privilegiert ist, die Gleichwertigkeit aller Menschen abstreitet und ständig neue &#8220;Tabubrüche&#8221; produziert.</p>
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		<title>Und ständig grüßt das Murmeltier</title>
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		<pubDate>Thu, 11 Feb 2010 09:28:24 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Januar 2010: Roland Koch, dem &#8220;Meister der kalkulierten Erregung&#8221; (u.a. taz), war diesmal wohl nichts Originelleres eingefallen. Zwar war nicht Wahlkampf, aber vielleicht sollte die Stimmung im Vorfeld der 100-Tage-Evaluation der schwarz-gelben Regierung vorbereitet werden, damit letztere nicht ganz so desaströs ausfiele wie erwartet. Vielleicht ging es aber auch um Stimmungsmache im Vorfeld der Entscheidung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Januar 2010: Roland Koch, dem &#8220;Meister der kalkulierten Erregung&#8221; (u.a. <a href="http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/erst-diffamieren-dann-kuerzen/">taz</a>), war diesmal wohl nichts Originelleres eingefallen. Zwar war nicht Wahlkampf, aber vielleicht sollte die Stimmung im Vorfeld der 100-Tage-Evaluation der schwarz-gelben Regierung vorbereitet werden, damit letztere nicht ganz so desaströs ausfiele wie erwartet. Vielleicht ging es aber auch um Stimmungsmache im Vorfeld der <a href="http://www.bundesverfassungsgericht.de/pressemitteilungen/bvg10-005.html">Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes zum Arbeitslosengeld II</a>. Wie dem auch sei: Manche Themen gehen immer. Diesmal: Arbeitslose sind faul, selbst Schuld und müssen zum Arbeiten gezwungen werden. Gähn.</p>
<p>Das haben wir doch alles schon mehrfach gehört:</p>
<p>Sommer 1975 &#8211; Bundesarbeitsminister Walter Arendt (SPD) löste zu Beginn der damaligen Massenarbeitslosigkeit eine Debatte über die &#8220;Faulheit&#8221; Arbeitsloser aus. Anfang der 1980er Jahre debattieren alle im Bundestag vertretenen Parteien darüber.</p>
<p>1993 &#8211; Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) warnt vor einem &#8220;kollektiven Freizeitpark und bringt eine dritte große &#8220;Faulheitsdebatte&#8221; ins Rollen.</p>
<p>April 2001 &#8211; Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) verkündet: &#8220;Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft&#8221;.</p>
<p>2002 beruft die Bundesregierung die Hartz-Kommission ein, um ein Lösungskonzept für das &#8220;seit vielen Jahren wuchernde gesellschaftliche Übel der Arbeitslosigkeit&#8221; zu erarbeiten (Hartz-Kommission 2004). &#8220;Hartz IV&#8221;, als Teil der dadurch ausgelösten Reformserie, beinhaltete neben der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zum Alg II auch die Umstrukturierung und Umbenennung der Arbeitsämter, die Förderung von &#8220;Ich-AGs&#8221;, die Schaffung von Personal-Service-Agenturen und die Förderung von Zeitarbeit, &#8220;Minijobs&#8221;, der Grundsatz von Schnellvermittlung und Dinge, an die heute keiner mehr denkt, wie z.B. die &#8220;Job-Floater&#8221;. Anders als im alten SGB III, in dem vorher die Arbeitslosenunterstützung geregelt wurde, erscheint Arbeitslosigkeit im &#8220;neuen&#8221; SGB II nicht mehr primär als strukturelles Problem,  sondern als Folge aus Überregulierung der Arbeitsmärkte einerseits und Fehlverhalten der Betroffenen andererseits. Das Ergebnis ist bekannt: es gibt nicht mehr Arbeitslose, sondern &#8220;Arbeitsuchende&#8221;, deren &#8220;Eigenverantwortung&#8221; durch behördliche Gängelung gestärkt werden soll, so dass sie &#8220;ihren Lebensunterhalt unabhängig von der Grundsicherung aus eigenen Mitteln und Kräften bestreiten können.&#8221; (§1) Dazu tragen bei: Verschärfung der Zumutbarkeitsregeln (&#8220;Jede Arbeit ist zumutbar&#8221;), verstärkte Sanktionsmöglichkeiten (Kürzungen) bei Fehlverhalten (&#8220;Pflichtverletzungen&#8221;, &#8220;unwirtschaftliches Verhalten&#8221;), entwürdigende Offenlegung der Lebensverhältnisse (wirtschaftliche Verhältnisse, Neudefinition der &#8220;Bedarfsgemeinschaft&#8221;), Einschränkung der Rechte auf freie Wahl der Wohnung und des Berufs.</p>
<p>2010 -<a href="http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,672311,00.html"> Roland Koch (CDU) fordert eine &#8220;Arbeitspflicht&#8221; für Arbeitslose</a>. Hartz IV dürfe kein &#8220;angenehmes Leben&#8221; bieten. Das erinnert doch sehr an die &#8220;soziale Hängematte&#8221;, zu der die Hartz-Reformen mit ihrer <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Workfare">Workfare</a>-Politik doch gerade eine Alternative bieten sollte. Koch wendet zudem einen bewährten Kniff an: etwas fordern, das schon längst der Fall ist (ähnlich wie das geforderte Burkaverbot in Dänemark, wo eine eigens in Auftrag gegebene Studie keine einzige Burkaträgerin finden konnte). Seine Parteifreund_innen <a href="http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,670731,00.html">Jürgen Rüttgers</a> und <a href="http://www.focus.de/politik/deutschland/hartz-iv-von-der-leyen-fordert-umbenennung_aid_475974.html">Ursula von der Leyen</a> fordern indes eine &#8220;Umbenennung&#8221; von &#8220;Hartz IV&#8221; (das eigentlich &#8220;Arbeitslosengeld II&#8221; heißt) &#8211; weil es eben nicht mit &#8220;angenehmem Leben&#8221;, sondern negativ konnotiert sei (die taz hat ein paar mehr oder weniger humoristische <a href="http://www.taz.de/index.php?id=bildergalerie&amp;tx_gooffotoboek_pi1[fid]=1&amp;tx_gooffotoboek_pi1[srcdir]=Hartz-IV&amp;tx_gooffotoboek_pi1[func]=combine&amp;cHash=d85c37b823#c173">Vorschläge</a> dazu).</p>
<p><a href="http://www.bpb.de/publikationen/C25W0J,0,Faule_Arbeitslose.html">Frank Oschmiansky (2003)</a> zufolge korrelierten die großen &#8220;Faulheitsdebatten&#8221; mit Höhe und Dynamik der Arbeitslosigkeit, Abstand zu den nächsten Bundestagswahlen, verhängten Sperrzeiten wegen Ablehnung zumutbarer Arbeit und der Meinung der Bevölkerung über die Arbeitswilligkeit von Arbeitslosen. Alle Debatten waren von Presseberichten um spektakuläre Fälle des Missbrauchs staatlicher Leistungen flankiert worden (gesamter Artikel als pdf: <a href="http://www.bpb.de/files/7K5SUG.pdf">hier</a>). In die Zeit der  Hartz-Kommission fallen &#8220;<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Florida-Rolf">Florida-Rolf</a>&#8221; sowie die weniger verbreiteten Namen <a href="http://www.tacheles-sozialhilfe.de/aktuelles/2004/Florida-Rolf_Viagra-Kalle_Yacht-Hans.html">&#8220;Viagra-Kalle&#8221; und &#8220;Yacht-Hans&#8221;</a>.</p>
<p>Auch im Vorfeld und im Nachgang der BVerfG-Entscheidung gibt es noch Spektulationen über den durch zu hohe Sozialleistungen ausgelösten &#8220;<a href="http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/474/502705/text/">Reiz des Nichtstuns&#8221; (Süddeutsche</a>). Und siehe da, Oschmiansky lässt grüßen: &#8220;<a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,676451,00.html">Strafbescheide gegen Arbeitslosengeld-Empfänger steigen auf Rekordwert</a>&#8220;. Dagegen schreibt in der <a href="http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/angst-vor-schadenfreude/">taz</a> eine anonyme Praktikantin, in deren Freundeskreis es zwar kein Stigma ist, keine Lohnarbeit zu haben, wohl aber, &#8220;Hartz IV&#8221; zu beziehen. Die Frau kann einem wirklich leid tun, wenn sie selbst ihren &#8220;FreundInnen&#8221; ihre Situation verschweigen muss. Und à la Koch Sozialdarwinismus zu schüren, ist nicht nur unoriginell und eklig, sondern auch unverantwortlich.</p>
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		<title>Das Fett regieren?</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Sep 2009 18:36:37 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Dass &#8220;Fett&#8221; ekelig ist, z.B. wenn es aus der Pfanne spritzt und unsere Lieblingsklamotten versaut, das kommt uns ab und zu als vertrautes Ereignis vor. Es ist eben nicht wie Wasser einfach entfernbar.
Manchmal nervt es Menschen sogar an ihren Körpern. Einige finden &#8220;Fett&#8221; vielleicht sogar überhaupt nicht normal an und im Menschen, sondern sogar pervers, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Dass &#8220;Fett&#8221; ekelig ist, z.B. wenn es aus der Pfanne spritzt und unsere Lieblingsklamotten versaut, das kommt uns ab und zu als vertrautes Ereignis vor. Es ist eben nicht wie Wasser einfach entfernbar.</p>
<p>Manchmal nervt es Menschen sogar an ihren Körpern. Einige finden &#8220;Fett&#8221; vielleicht sogar überhaupt nicht normal an und im Menschen, sondern sogar pervers, extrem, oder in einer ähnlichen Art und Weise als deviant (nicht normal) klassifiziert. Das ist ein eventuell recht vertrauter Diskurs. Und den muss Mensch auch nicht mögen.</p>
<p>Allerdings wird es mir zur Zeit gesellschaftlich etwas zu ungemütlich, wenn ich immer mal wieder über Menschen lesen muss, die sich als &#8220;Fett&#8221; bezeichnen und dann noch sagen, dass das nicht mehr so weiter geht &#8211; und zwar nicht (allein) individuell, sondern das gleich auf die ganze Gesellschaft als Reformprojekt übertragen wollen. Das heisst: Dick sein ist doof &#8211; Abnehmen die Devise! Und &#8220;wir&#8221; sollen daraus auch unsere Lehren ziehen. Aha, das erzeugt das Aufstellen der Nackenhaare zur &#8220;Standing ovation&#8221; &#8230; Dazu folgendes Beispiel, dass ich in der Frankfurter Rundschau lesen durfe.</p>
<p>Zuletzt durften wir so einen Diskurs also bei Reiner (&#8220;Calli&#8221;) Calmund bewundern, der in der Frankfurter Rundschau (v. 18.8.09) dazu befragt wurde, warum er denn in einer Fernseh-Show öffentlich abnimmt.</p>
<p>Wer ist Reiner <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Reiner_Calmund">Calmund</a>, werden eventuell einiger Leute (zurecht!) fragen? Dass ist mal ein Fussball-Manager des Vereins Bayer 04 Leverkusen gewesen, also für die Nicht-Fussball-Interessierten nicht wirklich eine relevante Person.</p>
<p>Wie auch immer: Fett ist out und muss weg. Sonst &#8230; kommt &#8220;Iron Calli&#8221; oder die Gesellschafts-Absaug-Polizei, die sich um ihre Bevölkerung und ihre zu dicken Subjekte kümmern wird.</p>
<p>Dazu das erste passenden Zitate aus dem Interview mit &#8220;Calli&#8221;:</p>
<blockquote><p><em><br />
&#8220;FR: Woher kommt diese Maßlosigkeit?<br />
</em></p>
<p>R.C.: Ich komme aus ganz, ganz einfachen  Verhältnissen. Bei uns zu<br />
Hause hing der Brotkorb hoch. Wenn meine Eltern bei der Arbeit waren, habe ich gekocht – hauptsächlich in der Abteilung: Patisserie und Pudding.&#8221;</p></blockquote>
<p>Maßlosigkeit, wartet mal, ach ja, da war doch mal was &#8211; genau, die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6llerei">Maßlosigkeit</a> ist auch eine Todsünde, die schon in der Bibel erwähnt wurde. Na dann, am&#8230;, ähh, ist ja alles klar: Denn die Bibel als transgeschichtliches Metawissen hat natürlich immer (noch) recht, oder?!</p>
<p>Der passende Kritik-Artikel zum &#8220;Fett-Diskurs&#8221; und der Maßlosigkeit der vermeintlichen &#8220;Unterschicht&#8221; steht übrigens in dem <a href="http://www.transcript-verlag.de/ts1000/ts1000.php">Buch &#8220;Von &#8216;Neuer Unterschicht&#8217; und Prekariat&#8221;</a> und ist von Eske Wollrad geschrieben worden.</p>
<p>Unter dem Titel &#8220;WHITE TRASH – DAS RASSIFIZIERTE „PREKARIAT“ IM POSTKOLONIALEN DEUTSCHLAND&#8221; schreibt Wollrad zu unserem Thema:</p>
<blockquote><p>&#8220;Ausschließungssysteme bilden notwendige Voraussetzungen für das<br />
Funktionieren einer Gesellschaft und arbeiten mit Dichotomisierungen:<br />
oben – unten, reich – arm, männlich – weiblich, Weiß – Schwarz, legal –<br />
illegal, gesund – krank (Foucault 1976: 57).&#8221;</p></blockquote>
<p>In unserem Fall ist es der kranke, fette weiße Mensch, der sich gefälligst wieder &#8220;normal&#8221; verkörpern soll. Calli ist dafür die beispielhafte Materialisierung und das Symbol des &#8220;kranken&#8221; bzw. nicht ganz gesunden Subjektes.</p>
<p>Wollrad weiter:</p>
<blockquote><p>&#8220;Imaginationen des Prekariats sind vielfach skandalisiert worden –<br />
auch in der Wissenschaft. So spricht der Historiker Paul Nolte von der<br />
neuen Unterschicht, in der sich gleichgültige und verkommene Lebensarten<br />
ausgebildet haben, in denen „Vernachlässigung, Verwahrlosung,<br />
im Extremfall Gewalt“ (Nolte 2006: 99) herrschen. Was diese neue Unterschicht<br />
kennzeichnet, ist nach Nolte vor allem das Defizitäre: Ernährungsdefizite,<br />
Bewegungsmangel, Sprachdefizite und Bildungsrückstände,<br />
dagegen besteht ein Übermaß an Fernseh- und Handykonsum<br />
(vgl. Kessel 2005), wobei diese Gruppe das sog. „Unterschichtsfernsehen“<br />
(RTL und SAT.1) (Nolte 2004: 42) favorisiert.<br />
Diese Defizite werden diskursiv mit moralisch ethischen Defiziten<br />
verkoppelt, anschaulich verdichtet auch in den Medien. Im Heft GEO<br />
Wissen 2005 zum Thema „Sünde und Moral“ werden u. a. die sieben<br />
Todsünden in einer Fotostrecke thematisiert: Die vierte Todsünde wird<br />
„soziale Verwahrlosung“ genannt:<em><br />
</em></p>
<p><em>„Soziale Verwahrlosung – diese Trägheit des Herzens – gibt es in allen Gesellschaftsschichten.<br />
Auffällig wird sie aber nur dort, wo sich innere Lieblosigkeit<br />
und äußere Wurstigkeit vereinen. Im so genannten white trash, der heruntergekommenen<br />
Lebensart eines Teils der Unterschicht, ergeben sie eine unansehnliche<br />
Melange: Menschen, die seelisch erkalten und unempfänglich werden<br />
für Signale jeglicher Art.“ (GEO Wissen 2005).</em></p>
<p>Das Bild zeigt eine Weiße Frau und einen Weißen Mann, die auf einem<br />
Sofa eine unansehnliche Mahlzeit zu sich nehmen. Beide sind leicht bekleidet,<br />
ihre Kleidung weist Flecken auf, und die Frau ist deutlich übergewichtig.<br />
Beide starren vor sich hin, zwischen ihnen sitzen ein Hund<br />
und eine Katze. Diese Bebilderung inszeniert nicht Armut, sondern<br />
„Verkommenheit“ und Schmutz, nicht Hunger, sondern abstossende Sättigung,<br />
welche in Fettleibigkeit mündet. Der White trash wird als Abschaum<br />
der Gesellschaft imaginiert, als wertloser Weißer Abfall, weil es<br />
ihm am Menschlichen, an Seele und an der Fähigkeit zu empfinden<br />
mangelt.&#8221;</p></blockquote>
<p>Bei Calmund ist es nicht diese &#8220;Verkommenheit&#8221;, sonder &#8220;nur&#8221; der zu große, zu raumgreifende Körper, der ein Problem darstellt. (In dem Interview gibt es in der Mitte ein großes Bild von &#8220;Calli&#8221; mit dem T-Shirt zur Show auf seinem zum Problem gemachten Körperteil.) Calli ist deshalb nicht &#8220;white trash&#8221;, weil er noch an sich glaubt, weil er sich noch als menschliches Wesen sieht und sich empfindet &#8211; als zu dick.</p>
<p>Er hat (noch) nicht aufgegeben. Und, nicht zuletzt, er hat überhaupt die Möglichkeit, sich selbst zu inszenieren (bzw. sich inszenieren zu lassen). Denn &#8220;Calli&#8221; ist nicht &#8220;Unterschicht&#8221;, sondern ein Promi im Zirkuszelt der Kulturindustrie, irgendwo zwischen Privatfernsehen, Fußball-Industriellem-Komplex und dem Gesellschaftsspiel um eine gesunde Gesellschaft. Brot-und Spiele halt.</p>
<p>Und meine These: Er ist quasi die Anrufung an den White Trash, bzw. genau die Leute, die kurz davor stehen, zu ihm, zum &#8220;abgehängten Prekariat&#8221; zu werden. Er sagt stellvertretend: Leute &#8211; Lasst euch nicht hängen! Kämpft! Seid mutig! Nehmt ab um euer Leben! Und tut dies auch für &#8220;uns&#8221; alle. Es geht um das (Über-)Leben unserer Gesellschaft und unser Gesundheitssysteme!</p>
<p>Unglaublich, dieses Regieren über Fett &#8230;</p>
<p>Hier noch weitere Auszüge aus dem Interview:</p>
<blockquote><p>&#8220;FR: Wieso soll eine Diät ausgerechnet im Fernsehen funktionieren?</p>
<p>R.C.: Du stehst stärker unter Druck, wenn du weißt: Nächste Woche steigst du bei Stern-TV beim Jauch auf die Waage, du musst bei Twitter Rede und Antwort stehen. Außerdem hat mir das Fernsehen eine Ernährungsberaterin zur Seite gestellt, und ihr Rat zu Trennkost hat sich bewährt. Ich musste nicht mal hungern. Wenn Du dich mit einer Nulldiät ins Krankenhaus legst, nimmst du natürlich schneller ab, als wenn du intensiv trainierst. Wenn ich jeden Tag zehn Kilometer walke oder 30 Kilometer radele, baue ich Muskeln<br />
auf. Der Speck wird sozusagen in Muskeln umgewandelt. Die wiegen natürlich was. Aber ich schaffe das schon noch. Ich bin jetzt bei 28 Kilo weniger.</p>
<p>FR: War es Ihnen nicht peinlich, sich so fürs Fernsehen zu entblößen?</p>
<p>R.C.: Was mir nicht gefallen hat, ist die Szene, in der ich mit nacktem Oberkörper meinen EKG-Belastungstest mache. Ich sehe aus wie ein weißer Wal, der abgehauen ist. Aber eine Doku ist kein Wunschkonzert. Im richtigen Leben lege ich mich nicht mit nacktem Oberkörper an den Strand. Ein bisschen eitel bin auch ich.</p>
<p>FR: Haben Sie jemals ans Fettabsaugen gedacht?</p>
<p>R. C.: Nee, ich habe mich mal beraten lassen, ob man sich die Fettschürze wegmachen lassen kann. Aber das war mir unheimlich. Einige meiner Kumpels haben sich erfolgreich ein Magenband einsetzen lassen, aber die hatten danach keinen richtigen Appetit mehr. Für mich wäre das nur der letzte Ausweg.</p>
<p>FR: Lieber geben Sie sich im TV dem Spott preis: Was ist Ihr größter Antrieb beim Abnehmen?</p>
<p>R.C.: Die Angst vorm Sterben. Wenn man älter wird, schlagen die Bomben näher ein. Da verliert man Freunde. Ich habe fünf Kinder, drei Enkelkinder, eine junge Frau. Meine medizinischen Werte waren zwar gut, aber was nützt es dir, wenn du abends mit dem Bambusknüppel einen bekommst, und dann liegst du neben der Spur?</p>
<p>Interview: Antje Hildebrandt&#8221;</p></blockquote>
<p>Ach ja, die Bomben &#8230; wie schön, noch eine Kriegsmetapher zum Abschlussgebet. Also eher altes Testament. Hätte ich mir ja denken können. Nichts mit andere Wange hinhalten &#8230; die ist sich schon dünn trainiert. Na dann: gute Nacht &#8230;</p>
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		<title>Zur Kritik der &#8220;kreativen Klasse&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 16 Jul 2009 08:34:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>critiska</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<category><![CDATA[Kreativität]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[soziale Klasse]]></category>
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		<description><![CDATA[Eine neue Klasse geistert herum in dieser Gesellschaft, die &#8220;kreative Klasse&#8220;. Allerdings muss, so scheint es zumindest, keine_r Angst entwickeln zu müssen vor diesem Gespenst. Denn alle lieben diese Klasse: Sie ist &#8220;kreativ&#8221; schon im Begriff, etwas, was wir doch alle sind bzw. sein wollen (siehe den Artikel &#8220;Kreativität&#8221; von Ulrich Bröckling im Glossar der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eine neue Klasse geistert herum in dieser Gesellschaft, die &#8220;<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Kreative_Klasse">kreative Klasse</a>&#8220;. Allerdings muss, so scheint es zumindest, keine_r Angst entwickeln zu müssen vor diesem Gespenst. Denn alle lieben diese Klasse: Sie ist &#8220;kreativ&#8221; schon im Begriff, etwas, was wir doch alle sind bzw. sein wollen (siehe den Artikel &#8220;Kreativität&#8221; von Ulrich Bröckling im <a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/glossar_der_gegenwart-_12381.html">Glossar der Gegenwart</a>).</p>
<p>Und sie ist ökonomisch ausdrückbar, was meint, dass sie Nutzen bringen kann für Unternehmen, nationalökonomische Zusammenhänge usw. Die Subjekte, sofern sie sich als &#8220;Unternehmerisches Selbst&#8221; (Ulrich Bröckling) verstehen, können in ihren Arbeits- und Lebenszusammenhängen etwas &#8220;schaffen&#8221; &#8211; für sich und diese Gesellschaft.</p>
<p>Aber was meint hier eigentlich kreativ im Kontext einer Klasse? Das erscheint mir doch sehr wie ein bekanntes Ab- und Ausgrenzungsspiel.</p>
<p>Das erinnert an die symbolischen und materiellen Ausgrenzungskämpfe a la &#8220;abgehängtes Prekariat&#8221; und &#8220;Unterschicht&#8221;, denen ihr kulturelles Kapitel durchgegangen ist und die qua Habitus zu quasi unrettbaren Subjekten für unsere produktive &#8220;Gesellschaft mit beschränkter Haftung&#8221; gemacht wurden. Ein <a href="http://www.stern.de/politik/deutschland/:Unterschicht-Das-Elend/533666.html">wahres Elend</a>, wie es ein Arikel von Walter Wüllenweber zutreffend konstruiert.</p>
<p>Und es erinnert an die Anfänge und Zeiten des Fordismus zu Beginn des letzten Jahrhunderts, in der auf der grundlage tayloristischer Arbeitsorganisation plötzlich den Facharbeiter_innen ihre Kompetenzen bei der Gestaltung der Arbeit und ihrer Produkte entzogen wurden. Hier liegt taucht der Manager als Figur der Fabrik- und Arbeitsorganisation, und nicht zuletzt der Entmachtung der Arbeiter_innen in der Geschichte auf.</p>
<p>Die Trennung zwischen &#8220;Geistige[r] und körperliche[r] Arbeit&#8221;, die schon <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Sohn-Rethel#Werke">Alfred Sohn-Rethel </a>problematisiert hat, schein heutzutage ein update zu erfahren.</p>
<p>Oder wir könnten die Tätigkeitstheorien nach L. S. Wygotsky oder A. N. Leontjew in eine theoriepolitische Stellung bringen, die ebenfalls bezweifeln, dass sich Denken und Handeln so einfach trennen lassen.</p>
<p>Aber lassen wir das Rumgemäkel. Lassen wir die Texte zu uns sprechen. Es gibt, um diese zu finden, bereits ein eigenes Internetportal für &#8220;die Kreativen&#8221;: <a href="http://www.kreativwirtschaft-deutschland.de/">Kreativwirtschaft Deutschland </a>heißt es. Unter &#8220;Über uns&#8221; ist zu lesen:</p>
<blockquote>
<p style="0px;" dir="ltr"><strong><span style="#447ea2;">&#8220;Unser Ziel ist es, Kultur und Kreativität als Wirtschaftsfaktor verständlicher und bekannter zu machen. </span></strong></p>
<p style="0px;" dir="ltr">Bernd Fesel: &#8220;Aus 15 Jahren Berufspraxis &#8211; im Kunstmarkt als Galerist, im Deutschen Bundestag als Lobbyist für die Kunst und Kultur sowie im Sponsoring in fast allen Branchen der Kultur &#8211; weiß ich, dass die Vermittlung der verschiedenen Welten von Kultur und Wirtschaft unter Erhaltung ihrer jeweiligen Identität eine ständige Aufgabe ist. 2003 gab es dafür weder ein bundesweit öffentliches Fachforum noch eine Priorität auf der politischen Agenda. Dies zu ändern, war meine Motivation das Büro für Kulturpolitik und Kulturwirtschaft zu gründen. Nicht zu letzt aus meinen Doppel-Studium der Volkswirtschaftslehre (Diplom) und der Philosophie (Magister) war die Verbindung von Wirtschaft und Werte theoretisch und persönlich vertraut.&#8221;</p>
<p><strong>Unser Credo:<br />
</strong>Die Verbindung von Kulturpolitik und Kulturwirtschaft wie von Kultur und Wirtschaft, das Schnittstellen-Management und die damit verbundene Sprach-Übersetzung ist der rote Faden für die Arbeit des Büros für Kulturpolitik und Kulturwirtschaft.&#8221;</p></blockquote>
<p>Aha. Kultur und Kreativität als Wirtschaftsfaktor verständlicher und bekannter machen. Ein Glück, der Text trennt Kultur von der Kreativität, nachher käme noch eine auf eine Klageidee, dass das eben nicht das Gleiche ist. Naja, und verstehen &#8230; das ist immer gut. und Wirtschaftsfaktor &#8230; klasse! Bin dafür.</p>
<p>Und es geht noch weiter, mit richtigen Definitionen:</p>
<blockquote><p><span style="#447ea2;"><strong>&#8220;Unsere Perspektive</strong><br />
</span>Der Begriff Kulturwirtschaft bzw. Kreativwirtschaft wird von verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen verwandt und erforscht &#8211; immer mit anderen Konotationen. Unsere Perspektive orientiert sich am Selbstverständnis der Kulturunternehmer, nicht einer bestimmten wissenschaftlichen Disziplin. Vielmehr werden diese wie in einem &#8220;tool box&#8221; herangezogen, um verschiedene Phänomene in der Kulturwirtschaft mit verschiedenen wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen.</p>
<p>Zunächst ist wichtig zu sehen, dass der Begriff meistens heute nicht (mehr) im Sinne der Kritik Adornos an der industrialisierten Produktion von Kultur gebraucht wird. Unverändert wird der Begriff jedoch vielfach als &#8220;Kritik&#8221; verwandt, um eine falsche Ökonomisierung nicht-ökonomischer Produkte bzw. Prozesse zu kennzeichnen. Auch dient der Begriff vielen dazu, das Engagement von Sponsoren aus der Industrie für die Kultur zu bezeichnen. Auch diese Perspektiven sind mit dem seit 2004 verwandten Begriff der Kultur- und Kreativwirtschaft nicht gemeint.</p>
<p><span style="#447ea2;"><strong>Definitionsansatz</strong><br />
</span>Kultur- und Kreativwirtschaft meint demnach alle Aktivitäten zur Herstellung und zum Vertrieb von Kulturprodukten mit dem Ziel Geld zu verdienen. Dies umfaßt das Kommissions- wie auch das Lizenzgeschäft und das Urheberrecht als dem wesentlichen Marktordnungsgesetz. Damit ist zugleich klar: Kulturwirtschaft ist keine neue Branche oder Tätigkeit, sondern ist seit Jahrtausenden bekannt.</p>
<p>Heute gibt es in Europa eine Vielzahl von Ansätzen, wie man Kultur und Kreativität als Wirtschaftstätigkeit verstehen und interpretieren kann. In einem Vortrag auf der 4. Jahrestagung Kulturwirtschaft hat Joachim Geppert dazu einen kompakten Überblick gegeben.</p>
<p><a href="http://www.kreativwirtschaft-deutschland.de/LinkClick.aspx?fileticket=TEQZQwu6nlQ%3d&amp;tabid=100" target="_blank"></a><span style="#0000ff;"><strong><span style="#447ea2;">Was sind Kulturgüter im Unterschied zu Industriegütern?</span></strong><br />
</span>Aus unserer Sicht ist der Kern der Kulturwirtschaft, dass Kulturgüter handelbare Wirtschaftsgüter sind, dessen Ziel nicht Gewinnerzielungsabsicht ist. Und dies bei der Entstehung wie beim internationalen Marken-Durchbruch. Kulturprodukte haben bzw. behalten eine kulturelle Identität, die durch den Markt nicht erodiert &#8211; wenn sie auch zweifelsfrei in einem Spannungsverhältnis dazu steht. Erodiert die kulturelle Identität, ist es kein Kulturprodukt mehr.</p>
<p>Für solche Kulturgüter gibt es eigene Marktgesetze, die auch die Volkswirtschaft mit den Ansätzen &#8220;Öffentliche Güter&#8221;, Spieltheorie und Neue Institutionen Ökonomie erforscht hat. Danach sind Kulturprodukte &#8211; im Unterschied zu Industriegüter &#8211; keine Erfahrungsgüter, sondern <span style="#447ea2;"><strong>Vertrauensgüter</strong>.</span> Vielfach überascht auch, dass gerade die ökonomische Theorie die öffentliche Finanzierung von Kultur wirtschaftlich begründen kann.&#8221;</p></blockquote>
<p><em><strong>Zunächst</strong></em>: Adorno und Kritik sind out. Schade eigentlich. Naja, man kann nicht alles haben.</p>
<p><strong><em>Zweitens</em></strong>: Diese Leute sind rafinierte Postmoderne: Sie nutzen den Begriff &#8220;Der Begriff Kulturwirtschaft bzw. Kreativwirtschaft&#8221;, wie es ihnen passt. In <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Pippi_Langstrumpf">Pippi Langstrumpf</a>scher Manier (&#8220;wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt&#8221;) orieniert sich deren &#8220;Perspektive &#8230; am Selbstverständnis der Kulturunternehmer, nicht einer bestimmten wissenschaftlichen Disziplin&#8221;. Denn die Begriffe &#8220;werden .. wie in einem &#8216;tool box&#8217; herangezogen, um verschiedene Phänomene in der Kulturwirtschaft mit verschiedenen wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen&#8221;. Super, Eklektizismus in Reinform. Ich werde noch &#8220;Fan&#8221; von dieser Kreativwirtschaft bei Facebook, aber zumindest möchte ich sie als &#8220;Freund&#8221; haben.</p>
<p><strong><em>Drittens</em></strong>: &#8220;Kulturprodukte haben bzw. behalten eine kulturelle Identität&#8221;. Ähem &#8230; was ist das nun wieder, eine kulturelle Identität. Wusste ich noch gar nicht, das es sowas gibt &#8230; muss ich beizeiten mal bedenken.</p>
<p><em><strong>Viertens</strong></em>: Theorien erklären die Welt, Teil ???: In unserem Fall &#8220;die Volkswirtschaft mit den Ansätzen &#8216;Öffentliche Güter&#8217;, Spieltheorie und Neue Institutionen Ökonomie&#8221; haben was &#8220;erforscht&#8221; und bestätigen: &#8220;Danach sind Kulturprodukte &#8211; im Unterschied zu Industriegüter &#8211; keine Erfahrungsgüter, sondern <span style="#447ea2;"><strong>Vertrauensgüter</strong>.</span> Vielfach überascht auch, dass gerade die ökonomische Theorie die öffentliche Finanzierung von Kultur wirtschaftlich begründen kann.&#8221; Was machen affirmative Theorien sonst, wenn nicht begründen, was sie erforschen sollen &#8211; oder? Ach, ich bin ganz durcheinander &#8230; das viele Kreative ist mir zu Kopf gestiegen. Oder doch in den Körper &#8230;?</p>
<p>Alles Kreativ, oder was? Wohl eher alles Machtspiele, Distinktionskämpfe und halbgares Popökonomisieren! Ach, Karl, lass analytischen und kreativen Verstand regnen &#8230;</p>
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		<title>Planet Dubai vs. Planet of Slums?</title>
		<link>http://www.diffusionen.de/2009/05/31/planet-dubai-vs-planet-of-slums/</link>
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		<pubDate>Sun, 31 May 2009 18:04:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>critiska</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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		<category><![CDATA[Habitus]]></category>
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		<description><![CDATA[Von der neuen Stadtkultur zur globalen sozialen Ungleichheit
Dubai, deine Stadt(T)Räume &#8230;
Dubai, das klingt einfach schön &#8230; das klingt auf den ersten Blick nach Träumen von Reichtum und neuen, unbegrenzten Möglichkeiten, nach höher, schneller, weiter &#8230; nach Strand und Meer und Mehr.
Seine verträumten Impressionen zu seinem Erstkontakt mit Dubai beschreibt Mike Davis so:
&#8220;As your jet starts [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Von der neuen Stadtkultur zur globalen sozialen Ungleichheit</strong></p>
<p><em><strong>Dubai, deine Stadt(T)Räume &#8230;</strong></em></p>
<p>Dubai, das klingt einfach schön &#8230; das klingt auf den ersten Blick nach Träumen von Reichtum und neuen, unbegrenzten Möglichkeiten, nach höher, schneller, weiter &#8230; nach Strand und Meer und Mehr.</p>
<p>Seine <a href="http://www.newleftreview.org/?page=article&amp;view=2635">verträumten Impressionen</a> zu seinem Erstkontakt mit Dubai beschreibt Mike Davis so:</p>
<blockquote><p>&#8220;As your jet starts its descent, you are glued to your window. The scene below is astonishing: a 24-square-mile archipelago of coral-coloured islands in the shape of an almost-finished puzzle of the world. In the shallow green waters between continents, the sunken shapes of the Pyramids of Giza and the Roman Colosseum are clearly visible. In the distance, three other large island groups are configured as palms within crescents and planted with high-rise resorts, amusement parks and a thousand mansions built on stilts over the water. The ‘Palms’ are connected by causeways to a Miami-like beachfront crammed with mega-hotels, apartment skyscrapers and yachting marinas. [...]&#8220;</p></blockquote>
<p>Doch, wie einige andere Träume auch, erscheint <a href="http://maps.google.de/maps?q=Dubai&amp;oe=utf-8&amp;rls=org.mozilla:de:official&amp;client=firefox-a&amp;um=1&amp;ie=UTF-8&amp;split=0&amp;gl=de&amp;ei=8sYiStKnBI-nsAaqqcWwBg&amp;sa=X&amp;oi=geocode_result&amp;ct=image&amp;resnum=1">Dubai</a> auf den zweiten Blick eher als Alptraum, bzw. als eine Stadt der zwei Medaillien. Warum?</p>
<p>In ihrem Artikel <a href="http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/architektur/?em_cnt=1772656&amp;">&#8220;Zwei Welten&#8221;</a>, der am 27.5.09 in der Frankfurter Rundschau erschienen ist, zeichnen die beiden AutorInnen ELISABETH BLUM UND PETER NEITZKE ein viel differenzierteres Bild dieser Stadt.</p>
<blockquote><p>&#8220;Die Selbstisolierung sozial homogener Klassen hat ein profundes Desinteresse an allen Formen stadtgesellschaftlichen Lebens. Dubais großenteils temporäre Bewohner sind nur an einem von den Fährnissen funktional durchmischter Städte befreiten Raum interessiert. Die Stadt, die sie meinen, ist ein Ort privatistischer Selbstbezüglichkeit. Investoren und ihre Kundschaft bleiben unter sich. Die komplexen Formen des gesellschaftlichen Lebens und die ihm entsprechenden öffentlichen Räume sucht man im neuen Dubai vergeblich.&#8221;</p></blockquote>
<p>Eine Stadt war und ist eigentlich immer noch ein Raum der erwartbaren und unerwarteten Begegnungen. Ein Raum für verschiedene öffentliche Bedürfnisse und Interessenlagen. Diesen Raum gibt es in Dubai nicht mehr, so die beiden AutorInnen. Und was damit nicht zuletzt einhergeht ist eine klare räumliche Anordnung zwischen den sozialen Klassen, wie die AutorInnen weiter ausführen: &#8220;Privilegierte und Unterprivilegierte leben in Dubai scharf voneinander getrennt.&#8221;</p>
<blockquote><p>&#8220;Wo ihre Wege sich kreuzen, wie in Haushalten mit Dienstpersonal, scheut man sich nicht, die Klassenunterschiede bereits mit den Grundrissen international vermarkteter Immobilienprospekte deutlich zu machen: Der fensterlose Maid&#8217;s Room erreicht zuweilen nicht einmal die Größe des dem Master&#8217;s Bedroom benachbarten Ankleideraumes &#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>Und zu den ArbeiterInnen in den &#8220;Labor Camps&#8221; schreiben sie:</p>
<blockquote><p>&#8220;Morgens mit Bussen der Baufirmen zu den Baustellen gekarrt, abends in die trostlosen Unterkünfte zurückgefahren, am arbeitsfreien Tag in die Stadt und zurück &#8211; anderes ist für sie nicht vorgesehen. Ahmed Kanna vom Trinity College, Hartford Connecticut, nennt sie die &#8220;unsichtbare Stadt, die die sichtbare baut&#8221;. Und gerade weil 80 Prozent der Arbeitsmigranten &#8220;provisorisch&#8221; in Dubai sind, werden sie, schreibt Rem Koolhaas, einen radikalen Einfluss auf die Zukunft der Stadt haben. Weil sie nie Bürger sein werden, werde ihre Loyalität stets eine bedingte sein. Sie konstituieren keine Polis, sondern &#8220;eine provisorische Gemeinschaft der Entrechteten &#8230;&#8221;. Al Quoz, das ist die anonyme Seite Dubais.&#8221;</p></blockquote>
<p><em><strong>Ungleichheit in der Stadt</strong></em></p>
<p>Dass der Stadtraum im Allgemeinen schon immer ein Ort sozialer Verdichtung und damit der Unterschiede war, ist ein Allgemeinplatz der Stadtsoziologie. Dubai steht für eine Zuspitzung und zugleich Veränderung dieses Stadtraums. Wie oben beschrieben, gibt es keinen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96ffentlicher_Raum">Öffentlichen Raum</a> mehr, also einen Raum, der der Öffentlichkeit frei zugänglich ist und von der lokalen Gemeinde bewirtschaftet und unterhalten wird. Ein Raum, in denen sich die Menschen sowhl geplant wie auch überraschend begegnen können. Alles scheint kontrolliert und separiert zu sein. Für die Herausbildung und Entwicklung der Habitus einer globalen sozialen Oberklasse erscheint dieser Mangel an Irritationsmöglichkeiten und Beschränkungen ihrer Perspektiven mehr als bedenklich. Auf der anderen Seite möchte ich gar nicht darüber spekulieren, wie die Gefühls- und Erfahrungswelten der Personen aussehen, die zu den oben beschriebenen ArbeiterInnen gehören (die Folgen für den Habitus dieser Personen wären ebenfalls rein spekulativ). Wenn wir den Blick dann einmal jenseits von Dubai richten wollen, ergibt sich möglicherweise ein noch weit verstörenderes Bild &#8211; eine neue globale Stadt(un)ordnung.</p>
<p><em><strong>Die globale Perspektive: Planet of Slums</strong></em></p>
<p>In seinem Buch &#8220;Planet of Slums&#8221; hat der kritische Gesellschaftsforscher  <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Mike_Davis">Mike Davis </a>eine Betrachtung stark gemacht, die die globale Dimension von sozialer Ungleichheit betont. Nicht das Catch-All-Word &#8220;Globaliserung&#8221; beschreibt und kennzeichnet diese Analyse, sondern die (neue) globale soziale Ungleichheit.</p>
<p>In einem Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung fasst ein <a href="http://www.bpb.de/themen/SB18M2,0,Planet_der_Slums.html">Artikel von Davis</a> seine Thesen zusammen. Er bezieht sich dabei auf den im Jahr 2003 <span class="fliesstext_m" style="x-small;">vorgelegten Habitat-Report <a href="http://www.unhabitat.org/pmss/getElectronicVersion.asp?nr=1156&amp;alt=1">&#8220;</a></span><a href="http://www.unhabitat.org/pmss/getElectronicVersion.asp?nr=1156&amp;alt=1">The Challenge of Slums &#8211; Global Report on Human Settlements</a><span class="fliesstext_m" style="x-small;"><a href="http://www.unhabitat.org/pmss/getElectronicVersion.asp?nr=1156&amp;alt=1">&#8220;</a>, den die </span><span class="fliesstext_m" style="x-small;">Habitat-Organisation der Vereinten Nationen</span><span class="fliesstext_m" style="x-small;"> vorgelegt haben</span>:</p>
<blockquote><p><span class="fliesstext_m" style="x-small;">&#8220;In den vorsichtigen Berechnungen des Berichts zufolge leben gegenwärtig eine Milliarde Menschen in Slums, und mehr als eine Milliarde kämpft in irregulären Arbeitsverhältnissen ums Überleben. Das Spektrum reicht von Straßenhändlern über Tagelöhner, Kindermädchen und Prostituierte bis hin zu Menschen, die ihre eigenen Organe zur Transplantation verkaufen. Dies sind bestürzende Zahlen, die um so mehr beunruhigen müssen, als unsere Kinder und Enkel die Menschheit auf ihrem quantitativen Höchststand erleben werden. Irgendwann um 2050 oder 2060 wird die menschliche Bevölkerung der Erde ihr Maximum erreichen, wahrscheinlich bei ungefähr zehn oder zehneinhalb Milliarden. Diese Zahl liegt zwar weit unter den apokalyptischen Vorhersagen der Vergangenheit, aber nicht weniger als 95 Prozent dieses Wachstums wird sich in den Städten des Südens abspielen. Das bedeutet: Das gesamte künftige Wachstum der Menschheit wird in Städten erfolgen, ganz überwiegend in armen Städten, und mehrheitlich in Slums.&#8221;</span></p></blockquote>
<p>Der so bezeichnete &#8220;Slum&#8221; ist also eine reale Stadwirklichkeit. Und sie transformiert sich gerade weiter, laut Davis in einer sehr problematischen Art und Weise. Davis verdeutlicht, dass einerseits ein <span class="fliesstext_m" style="x-small;">&#8220;entscheidendes Sicherheitsventil, nämlich diese oft verklärte Zuflucht zu &#8220;herrenlosem&#8221; städtischen Siedlungsland, kaum noch funktioniert&#8221;.<br />
</span></p>
<p>Andererseits brechen die Mechanismen der &#8220;<span class="fliesstext_m" style="x-small;">informelle Ökonomie&#8221; immer mehr zusammen, weil es einfach zu viele Menschen gibt, die diesem &#8220;Mikro-Unternehmertum&#8221; nachgehen (müssen).<br />
</span></p>
<blockquote><p>&#8220;<span class="fliesstext_m" style="x-small;">Das heißt: Die beiden wesentlichen Mechanismen zur Unterbringung der Armen in Städten, in die der Staat schon seit langem nicht mehr investiert, erreichen just in dem Moment ihre Wirkungsgrenzen, in dem sich abzeichnet, dass wir es während der nächsten zwei Generationen mit fortgesetzt anhaltendem Hochgeschwindigkeitswachstum in armen Städten zu tun haben werden. Die Unheil verkündende, aber auf der Hand liegende Frage lautet: Wenn es kein Neuland mehr zu erschließen gibt, was dann?</span>&#8220;</p></blockquote>
<p>Die globalen Trends, wenn wir den Beschreibungen von Mike Davis folgen wollen, haben jetzt schone eine brisante Wirkmächtigkeit &#8211; die Zukunft könnte noch problematischer werden.</p>
<p>Die von Davis beschriebene Stadtwirklichkeit gibt es in Dubai nicht, bzw. genauer gesagt, so sie in Ansätzen erkennbar ist, wird sich unsichtbar gemacht. Dubai ist zwei Städte, doch nur eine meinen wir zu kennen. Es ist die medial vermittelte Dubai-Traum-Stadt. Die zweite Stadt, obwohl sie ebenfalls real existiert, ist unsichtbar, bzw. nur mit einem kritischen Blick erfassbar.</p>
<p>Die Frage der globalen sozialen Ungleichheit ist also eine reale, eine Frage der täglichen politischen Fragestellungen und Antworten. Sie ist eine Realität der Menschen, die diesen Verhältnissen ausgesetzt sind und in ihnen leben. Sich vielleicht mit ihnen auseinandersetzen, sie gestalten, an ihnen verzweifeln, vielleicht für Verbesserungen kämpfen. (Solche Spekulationen schreiben sich leicht von einem trockenen, bequemen Schreibtisch aus, mit wohlgenährtem Bauch, mit dem Rotweinglas an der Seite.)</p>
<p><em><strong>(Un-)Möglichkeiten für Politik und Polizei im Planet of Slums<br />
</strong></em></p>
<p>Anderseits ist diese Frage überhaupt keine hörbare Frage. Denn sie ist eine Frage, die eigentlich unsichtbar ist. Unsichtbar in den medialen Auseinandersetzungen, unsichtbar in der (westlichen) Politik. Diese Unsichtbarkeit lässt (mich) hoffen, dass sie, einem Rancièrschen Politikverständnis folgend, zu einer Frage des Politischen werden wird.</p>
<p>Denn Politik, wie <a href="http://www.episteme.de/htmls/Ranciere-politische-Philosophie.html">Ranciere sie (neu) definiert</a>, ist die Verschiebung der Problemwahrnehmung innerhalb des Gesellschaftlichen &#8211; eine Bewegung, die die Körper der Menschen und ihre Funktionen anders platziert &#8211; und damit die herrschende Ordnung infragestellt und neu formiert.</p>
<blockquote><p>&#8220;Als Politisches werde ich hier eine Tätigkeit bezeichnen, von der diese Distribution in Frage gestellt und auf ihre Kontingenz, auf die Abwesenheit ihres Grundes zurückgeführt wird. Als politisch kann jene Tätigkeit bezeichnet werden, die einen Körper von dem ihm angewiesenen Ort anderswohin versetzt; die eine Funktion verkehrt; die das sehen läßt, was nicht geschah, um gesehen zu werden; die das als Diskurs hörbar macht, was nur als Lärm vernommen wurde.&#8221;</p></blockquote>
<p>Dem gegenüber steht die Polizei, im Rancièrschen Sinne als &#8220;die Körperordung&#8221; bezeichnet, die für die Körper Stellen und Aufgaben zugewiest, die die &#8220;gesellschaftliche Ordnung&#8221; des Sichtbaren produzieren.</p>
<blockquote><p>&#8220;Im Konzept der Polizei versuche ich aber etwas anderes zu denken: Daß nämlich staatliche Funktionen jener Distribution von Stellen und Funktionen angehören, von der eine gesellschaftliche Ordnung gebildet wird. Für mich bezeichnet die Polizei eine Körperordnung, von der die Einteilungen zwischen den Weisen des Handelns, des Seins und des Redens definiert werden, eine Ordnung, durch die diesen bestimmten Körpern mittels ihres Namens diese bestimmten Stellen und diese bestimmten Aufgaben zugewiesen werden. Es handelt sich um eine Ordnung des Sichtbaren, die bewirkt, daß diese bestimmte Tätigkeit sichtbar ist und jene nicht, daß dieses Wort als Teil des Diskurses, jenes aber als Lärm vernommen wird.</p>
<p>Das, was im allgemeinen als Politisches bezeichnet wird, besteht aus einer Gesamtheit von Prozessen, die Verbindung und Einwilligung von Gemeinschaften hervorbringen: Organisation der Macht, Distribution von Stellen und Funktionen, Legitimationssystem dieser Distribution. Ich schlage vor, dieser Distribution von Mächten, Funktionen und Legitimationen einen anderen Namen zu geben. Ich schlage vor, sie Polizei (franz.: police) zu nennen.&#8221;</p></blockquote>
<p>Überträgt man diese Überlegungen zu Politik und Polizei auf den Fall Dubai bzw. hievt sie sogar auf eine globale Perspektive, so sieht man viel irritierter und irritierender sowohl auf die Ordnung der Stadt, wie auch auf Möglichkeiten ihrer Veränderung.</p>
<p><strong><em>Fazit:</em></strong> Wer von Kapitalismus und Ausbeutung nicht reden will, sollte von Globalisierung schweigen. Wer von Polizei nicht sprechen will, sollte von Politik schweigen. Die globale soziale Ungleichheit könnte die Fragen von Politik und Polizei neu stellen. Dies muss gar nicht in Form einer globalen Bewegung passieren, sondern kann auch in lokalen, alltäglichen Auseinandersetzungen passieren. Die Kämpfe um Sichtbarkeiten und Politiken der Wahrheit müssen nicht immer mit einer neuen globalen &#8220;Multitude&#8221; oder &#8220;Klasse&#8221; (theoriepolitisch) beantwortet werden.</p>
<p>Trotzdem könnte auch eine Frage im Raum stehen, die doch die globale Perspektive wiederum betont: Liebe (neu)westliche Welt &#8211; hast du etwa Angst?</p>
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